Rundschau: "That Mermaid Ate His Fucking Face Off!"

    Ansichtssache10. Oktober 2015, 10:00
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    Neue SF-Romanwelten von Linda Nagata, Jo Walton, James Tiptree Jr., Kit Reed und Mira Grant

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    coverfoto: rowohlt

    Lauren Beukes: "Broken Monsters"

    Klappenbroschur, 541 Seiten, € 17,40, Rowohlt 2015 (Original: "Broken Monsters", 2014)

    Auf geradem Kurs segelt die südafrikanische Autorin Lauren Beukes auf unsere Realität zu: Nach dem SF-Roman "Moxyland", der Zukunfts-Fantasy "Zoo City" und dem Zeitreise-Krimi "Shining Girls" ist sie nun mit "Broken Monsters" in Slipstream-Gewässern eingetroffen. Das ist praktisch die Gezeitenzone vor unserer Welt, in spätestens zwei Romanen geht sie an Land! Allerdings sind es auch tückische Gewässer, weil man darin Gefahr läuft, LeserInnen mit bestimmten Genre-Erwartungen zu verwirren. Mein Vorab-Tipp daher: Ohne Erwartungshaltung an "Broken Monsters" herangehen, dann kann man sich davon so richtig schön packen lassen.

    Broken City

    Geblieben ist Beukes' Faszination für seltsame Urbanitäten. "Broken Monsters" ist nicht nur ein Krimi mit äußerst bizarren Begleiterscheinungen, sondern auch eine Art "Durch die Nacht mit ...". Der Schauplatz: Detroit, die ehemalige Industriemetropole zwischen Niedergang und versuchter Renaissance. Seit längerem wird Detroit gerne eine ähnliche Rolle zugeschrieben wie Berlin in den 90ern – mit dem Unterschied allerdings, dass Berlin stets fühlbar im Wachstum war, während man in Detroit trotz aller Wiederbelebungsmaßnahmen immer noch verzweifelt gegen Abwanderung und verfallende Infrastruktur ankämpfen muss.

    Auf der einen Seite ein kreativer Hotspot zwischen Techno-Kultur, Urban Gardening und schrägen Kunstinitiativen wie dem "Heidelberg Project" von Tyree Guyton (ich empfehle eine Image-Search). Auf der anderen Seite Verfall und Ruinenpornographie, die längst zum Magneten für eine ganz eigene Art von Tourismus geworden ist. Beukes, die natürlich selbst vor Ort sein musste, fasst ihre Eindrücke von Detroit zusammen und lässt sie von ihren Romanfiguren mit Galgenhumor wiedergeben: Sie fahren am Yachtclub vorbei, und sie zeigt auf den alten Zoo, der mit Brettern verschalt ist, die Tiere sind lange weg. Vielleicht sind sie mit den Weißen in die Vororte geflüchtet.

    Die ProtagonistInnen

    Aufgebaut ist der Roman äußerst strukturiert. Er gliedert sich in mehrere Abschnitte, die jeweils für einen Tag stehen, und innerhalb derer wir kapitelweise durch ein fünfköpfiges Ensemble von Hauptfiguren rotieren. Nummer 1 ist Gabriella Versado, eine erfahrene Polizistin, die sich abmüht, den Spagat zwischen Ermittler- und Mutterrolle zu bewältigen. Und der wird bedeutend schwieriger, als Gabi mit dem Fall konfrontiert wird, der die Geschehnisse des Romans ins Rollen bringt: Man findet die Leiche eines Jungen – oder genauer gesagt dessen Oberkörper, der mit Fleischkleber auf den Unterleib eines jungen Hirschs gepappt wurde.

    "Broken Monsters" ist kein Whodunnit: Als Täter wird uns nämlich schon früh Clayton Broom vorgestellt, ein abgesandelter Künstler in seinen 50ern, den wir als Loser und Messie kennenlernen, hinter bzw. in dem aber mehr steckt. Clayton träumt von einer "Welt unter der Welt". Und nicht nur, dass er versucht, mit seinen Werken die Grenzen zwischen den Welten einzureißen. Sein Traum ist auch zu einer eigenen, unheimlichen Persona geworden, die mit Claytons Körper scheinbar unabhängig agiert. Und damit sehr, sehr böse Dinge anstellt.

    In die Ereignisse hineingezogen werden auch Thomas Michael Keen, ein in wohnlicher Hinsicht Benachteiligter (=Obdachloser), und Jonno Haim, ein ehemaliger Journalist aus New York, der in Detroit einen Neustart versucht. Obwohl schon Ende 30, lebt er wie ein Spät-Teenager, lässt sich zusammen mit einer DJane durch Detroits alternative Kunstszene treiben und ist als freischaffender Blogger auf der Suche nach Inspiration. Naja, und wen die Götter bestrafen wollen, dem erfüllen sie bekanntlich seine Wünsche ...

    Als letzte kapiteltragende Figur wäre noch Layla Versado, Gabis nervige Tochter im Teenageralter, zu nennen. Im großen Showdown des Romans wird ihr noch eine entscheidende Rolle zukommen – davor sind ihre Kapitel weitgehend entbehrlich. Erinnert mich irgendwie an Thea Queen in den ersten beiden Staffeln von "Arrow", wo ich immer auf Fast Forward gedrückt habe, wenn's um ihre belanglosen Befindlichkeiten ging.

    Getting Weird

    Es wird nicht bei einer Leiche bleiben. Weitere Tote tauchen auf, ebenfalls in bizarre "Kunstwerke" eingebettet. Zudem stoßen unsere diversen ProtagonistInnen unabhängig voneinander auf Türen, die jemand in Tatortnähe mit Kreide an die Wand gemalt hat. Bald prangen immer mehr davon in Detroit – zugleich häufen sich seltsame Wahrnehmungen, und nicht alle davon dürften sich als (wie auch immer induzierte) Halluzinationen abtun lassen. Wie war das noch mal schnell mit dem Grenzen öffnen? Achtung, die Realität wird brüchig!

    ... und damit scheiden sich die Geister, wie man auch an den Reaktionen von LeserInnen erkennen kann. Im letzten Siebtel des Romans wird's surreal. Das ist eher spät für LeserInnen, die aus der Phantastik-Ecke kommen und die bis dahin einen recht konventionellen Krimi gelesen haben. Umgekehrt stößt es aber das Krimi-Publikum vor den Kopf, das nun eine ebenso konventionelle Aufklärung erwarten würde. Wie gesagt, Slipstream hat seine Tücken.

    Daher noch einmal meine Empfehlung: "Broken Monsters" weder als Krimi noch als Fantasy oder Horror lesen, sondern einfach als Roman. Dann hat man nämlich einen ziemlich guten in Händen.

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