Rundschau: "That Mermaid Ate His Fucking Face Off!"

    Ansichtssache10. Oktober 2015, 10:00
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    Neue SF-Romanwelten von Linda Nagata, Jo Walton, James Tiptree Jr., Kit Reed und Mira Grant

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    coverfoto: golkonda

    Jo Walton: "Der Tag der Lerche"

    Klappenbroschur, 293 Seiten, € 17,40, Golkonda 2015 (Original: "Ha'Penny", 2007)

    Acht Jahre ist es mittlerweile her, dass ich den ersten Teil von Jo Waltons "Farthing"-Trilogie besprochen habe. Schön, dass es dieses beklemmende Alternativweltszenario über ein England der 1940er Jahre, das sich dem Faschismus hinzugeben droht, inzwischen auch auf Deutsch gibt. Hier also nun Teil 2.

    Nur zur Erinnerung: In dieser Welt hat das Vereinigte Königreich mit Hitler-Deutschland ein paar Schlachten geschlagen, dann aber einen Frieden geschlossen, der nun schon seit acht Jahren anhält. Während die Nazis ganz Festlandeuropa beherrschen, die USA unter Präsident Lindbergh sich raushalten und nur noch die Sowjetunion Hitler Paroli bietet, werden die Beziehungen Englands zum Reich immer freundschaftlicher. Und das färbt ab.

    An den Haaren herbeigezogen ist das Szenario keineswegs: Faschistische Bewegungen gab es in der Zwischenkriegszeit ja auch in England; sogar im "Haus am Eaton Place" (Neuauflage) wurde das schon thematisiert. In den vergangenen Jahren haben sich vermehrt Alternativweltromane – etwa D. J. Taylors "The Windsor Faction" – der Frage gewidmet, was wohl geschehen wäre, wenn sich die durchgesetzt hätten. Bei Walton präsentiert sich das als Schere, die die Demokratie von zwei Seiten bedroht: Oben basteln nazifreundliche Adelige am heimlichen Umsturz, unten wütet der Mob der Ironsides.

    Polizist in Nöten

    Einmal mehr kredenzt uns Walton die politische Giftsuppe in Form einer Murder Mystery: Diesmal ist eine arrivierte Theaterschauspielerin in ihrem Haus einer Bombenexplosion zum Opfer gefallen. Zum Tatort wird erneut Inspector Carmichael von Scotland Yard gerufen, der immer noch von den Ereignissen in Band 1 gezeichnet ist. Er hatte den damaligen Mordfall gelöst – doch der Täter ist mittlerweile auf krummen Wegen zum Premierminister geworden und Carmichael wurde zur Vertuschung gezwungen. Dass er schwul ist, bietet seinen Vorgesetzten das perfekte Druckmittel.

    ... nicht dass wir diesmal größere Einblicke in sein Privatleben gewinnen dürften. Es werden immerhin ein paar kurze Gespräche mit seinem Lebensgefährten geführt, aber im Wesentlichen belässt Walton die persönliche Sphäre der Figur, die die Trilogie zusammenhält, im Verborgenen – wie es Carmichael selbst ja gezwungenermaßen tut. Carmichael versieht seinen Dienst weiterhin professionell. Allerdings will er, angewidert von der politischen Entwicklung, seinen Dienst nach dem aktuellen Fall quittieren ... und wird doch immer tiefer in die Politik hineingezogen. Bald sieht sich der grundanständige Polizist in der Zwickmühle zwischen Ohnmacht und dem Wunsch, wenigstens andere vor dem Zugriff des aufkommenden Faschismus zu retten. "Ich kreise wie ein Falke über einem Schlangennest. Stoße ich hinab, wird mich ihr Gift töten, aber solange ich in der Luft bleibe, kann ich Unschuldige fernhalten."

    Hauptfigur zwo

    Während Carmichaels Kapitel in dritter Person erzählt werden (und nicht einmal sein Vorname genannt wird!), stellt ihm Walton wie schon im ersten Band eine Person gegenüber, die in der anderen Hälfte der Kapitel als Ich-Erzählerin fungiert und in deren Denken wir damit etwas unmittelbarere Einblicke gewinnen dürfen. Mehr als uns lieb ist vielleicht, denn wie schon in Band 1 ist die zweite Hauptfigur eine recht unbedarfte und egozentrische Person.

    Olivia Lark ist eine Tochter aus gutem Hause, die es ans Theater gezogen hat. Eine ihrer Schwestern war mit dem Mordopfer aus Band 1 verheiratet, eine zweite mit einem Atomforscher, die dritte mit Heinrich Himmler(!), und zum Ausgleich ist die vierte Kommunistin. Greller als jede Soap-Familie! Olivia nun wird in eine Verschwörung hineingezogen, die glatt an "Inglourious Basterds" erinnert: Bei einem Staatsbesuch soll Hitler zusammen mit dem britischen Premier während einer Theatervorstellung in die Luft gejagt werden. Nach langem Hin und Her willigt Olivia in den Plan ein – würde den Zeitzünder aber gerne auf möglichst spät stellen, damit man sie noch länger auf der Bühne bewundern kann ...

    Eleganz durch Zurückhaltung

    Eine Murder Mystery ist immer auch ein Sittenbild. Das findet sich hier in ersten kleinen Schikanen im Alltagsleben wieder – etwa dass SchauspielerInnen einen britischen Pass brauchen, um im Theater auftreten zu dürfen. Es geht weiter über schon schwerwiegendere Phänomene wie die zunehmende Selbstverständlichkeit von Antisemitismus oder die Einschränkung persönlicher Freiheiten zwecks "Bekämpfung von Terrorismus", was die Trilogie gleichzeitig an unsere Gegenwart anbindet. Und es reicht bald auch schon bis zu den ganz großen Scheußlichkeiten: Während das Königreich in unserer Welt Flüchtlinge aus Nazideutschland aufnahm, deportiert es hier immer mehr unliebsam Gewordene auf den Kontinent, wo sie der Tod im KZ erwartet.

    All das reibt uns Jo Walton aber nicht über Seiten und Seiten hinweg unter die Nase, um klarzustellen: Das! Ist! Ein! Alternativweltroman!, sondern lässt es subtil ins Geschehen einfließen. Eine Anmerkung hier, ein Kommentar da. Wie bei einem herkömmlichen Krimi ist der historisch-politische Hintergrund immer präsent, aber er braucht nicht viele Worte. Diese Zurückhaltung ist die eigentliche Raffinesse der "Farthing"-Trilogie.

    Tja, werden Inspector Carmichael und sein England dem Untergang im braunen Sumpf am Ende doch noch entgehen? Ich kann Teil 3 kaum erwarten!

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