Rundschau: "That Mermaid Ate His Fucking Face Off!"

    Ansichtssache10. Oktober 2015, 10:00
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    Neue SF-Romanwelten von Linda Nagata, Jo Walton, James Tiptree Jr., Kit Reed und Mira Grant

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    coverfoto: septime

    James Tiptree Jr.: "Liebe ist der Plan"

    Gebundene Ausgabe, 512 Seiten, € 25,60, Septime 2015

    Ladies and Gentlemen (und geschlechtlich Unbestimmte): Hier erleben wir James Tiptree Jr. auf dem Höhepunkt "seiner" schriftstellerischen Laufbahn. 18 Kurzgeschichten aus den Goldenen Jahren 1969 bis 1972 enthält der aktuelle Band der Tiptree-Werkausgabe, hier jagt ein Highlight das andere!

    Mit Witz beginnt's

    Mit dabei auch einer meiner absoluten persönlichen Lieblinge, auch wenn den niemand je irgendwo zu den zentralen Werken Tiptrees bzw. Alice B. Sheldons rechnen würde (ich hab das mal als Kind gelesen und war hin und weg, sowas prägt): "Der Mann, zu dem die Türen Hallo sagten". In diesem vollkommen sinnfreien Stück Hochtempo-Humor begegnet der Erzähler einem Drei-Meter-Mann, der in seinen Taschen ein paar lebendige Miniatur-Mädchen als Untermieterinnen herumträgt (ist schließlich schwer für ein Mädel, in der großen Stadt eine anständige Wohnung zu erschwinglichem Preis aufzutreiben ...), missgelaunten Möbelstücken die Leviten liest und alle Türen grüßt, die ihn auch freundlich zurückgrüßen. Und das alles mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht nur den Erzähler aus den Socken haut. Die Geschichte ist wie ein Wirbelwind, der durchs Zimmer fegt, und ehe man noch sagen kann: "Was zum Teufel war denn das?", ist der Spuk auch schon wieder vorbei.

    Ähnlich witzig sind die Umtriebe in "Der nachtblühende Saurier": Ein paar Paläontologen mit Zeitreisetechnologie schleppen für einen Sponsor einen toten Sauropoden aus der Kreidezeit an. Um seine Jagdgelüste zu befriedigen, müssen sie ihm nun allerdings noch vorgaukeln, dass das Tier noch am Leben ist. Den Tiefpunkt erreichen sie, als sie kistenweise Gemüse essen, um authentisch wirkende Dunghaufen zu produzieren ...

    Tiptrees Humor in dieser Schaffensphase entsprang einer satirischen Betrachtung der Alles-ist-machbar-Haltung des Wirtschaftswunderzeitalters. Am besten bringt dies das herrliche "Ich warte auf euch, wenn der Swimmingpool leer ist" auf den Punkt: Mit der Freundlichkeit eines aufgeklärten Kolonialherren krempelt der junge Tourist Cammerling die von Krieg geprägte barbarische Kultur eines Hinterwäldlerplaneten im Alleingang um. Und in kürzester Zeit hatten sie einen Kibbuz, und die Mädchen unterrichteten Mengenlehre nach Montessori und kreative Hygiene. Es wäre allerdings nicht Tiptree, würde das Ganze nicht noch in einen fiesen Schluss münden.

    Das umschaltbare Bewusstsein

    Am vollkommen entgegengesetzten Ende des Spektrums finden wir die Art von Geschichten, die Tiptree berühmt gemacht haben – also die, in denen wir so richtig eine reingewürgt bekommen. Wie etwa "Das eingeschaltete Mädchen": In diesem Stück Proto-Cyberpunk reißt uns Tiptree mit direkter Ansprache in eine zynische Zukunftswelt hinein, in der herkömmliche Werbung verboten ist und Promis durch öffentlichen Konsum die Massen zur Nachahmung animieren sollen. Das glamouröse It-Girl, das die Medien zeigen, ist aber nur ein Avatar aus Fleisch – ferngesteuert vom missgestalteten Mädchen Philadelphia Burke, das in einem Tank aus Metall dahinvegetiert.

    Auf subtilere Weise tragisch ist die interstellare Spionagegeschichte "Vivyan", deren Titelfigur ein unbedarfter, friedfertiger junger Mann ist, der am Ende der Geschichte als Einziger nicht begriffen hat, wie sehr er instrumentalisiert wurde – also wer nach der Geschichte keinen Kloß im Hals hat, der hat kein Herz. Ähnliches gilt für "Paradiesmilch", in dem sich ein von Aliens aufgezogener Junge nicht in die menschliche Gesellschaft einfügen kann und zurück "nach Hause" möchte. Er verklärt die Welt seiner Zieheltern und deren kulturelle Errungenschaften – als wir mit ihm diese Welt endlich erreichen und mit der Realität konfrontiert werden ... also man kann echt nicht sagen, ob dieser Schluss hoffnungsvoll oder entsetzlich ist.

    Eine der meistzitierten Geschichten von James Tiptree Jr. ist "Frauen, die man übersieht", auch wenn die mich persönlich nicht so sehr beeindruckt wie andere. Ein Kleinflugzeug stürzt an der Küste von Yucatan ab. Der Erzähler, der ein mitgereistes Mutter-Tochter-Gespann anfangs nur als "verschwommene Flecken Weiblichkeit" wahrgenommen hat, stellt fest, dass sich die beiden nach dem Unglück als ausgesprochen patent erweisen. Doch nicht dass sie Wert auf seine Anerkennung legen würden – im Gegenteil, sie sind bereit, bis zum Äußersten (und buchstäblich Lichtjahre darüber hinaus) zu gehen, um sich aus ihrem bisherigen Leben zu lösen. Was an der Geschichte wirklich beeindruckt, ist die stille Kompromisslosigkeit der beiden Frauen: eine Totalabsage an eine von Männern dominierte Welt.

    Zwei weitere Höhepunkte

    Sämtliche Erzählungen des Bands werde ich hier nicht aufzählen (darunter einige zugedröhnte Trips ganz im Sinne der damals gerade aktuellen New Wave of Science Fiction), aber auf jeden Fall noch zwei von den ganz großen Geschichten. John Delgano ist "Der Mann, der nach Hause ging": ein unfreiwilliger Zeitreisender, der durch eine Teilchenbeschleuniger-Katastrophe in die Zukunft geschleudert wurde und nun verzweifelt versucht zurückzukehren. Einmal im Jahr – immer dann, wenn die Erde die Bahn des Zeitreisenden kreuzt – manifestiert er sich nur für einen Augenblick stets an derselben Stelle, eingefroren in der Bewegung. Für die Menschen auf der Erde, die nach der Katastrophe auf ein niedriges Niveau zurückgesunken sind, ist die alljährlich auftretende Erscheinung ein Mysterium, um das sich bald eine blühende Kultstätte entwickelt. Von all dem bekommt John jedoch nichts mit: Er rast weiter mit letzter Kraft in umgekehrter Richtung auf sein Ziel zu, um so die Katastrophe auszulösen, mit der alles begonnen hat.

    Und dann wäre da noch das Nebula-gekrönte "Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod", das in Sachen Tragik und Originalität John Delganos Leidensgeschichte sogar noch übertrifft. Geschrieben in einem schwelgerischen Stil, den Tiptree laut eigener Aussage an pornographische Werke der 1920er Jahre angelehnt hatte, ist es die Geschichte eines halbintelligenten insektenartigen Wesens namens Moggadeet, das im Plan – seinem Fortpflanzungszyklus – gefangen ist. Moggadeet begreift nicht, dass seiner Welt der Untergang in Form einer Eiszeit droht – ebensowenig wie er begreift, dass im Plan letztlich Liebe und Tod dasselbe bedeuten werden, wie es in Tiptrees Geschichten so oft der Fall war. Die Erzählung zeigt einmal mehr Tiptrees beispiellose Fähigkeit, uns mit "seinen" Figuren mitfühlen zu lassen – sei es nun John Delgano, Vivyan oder Philadelphia Burke ... oder eben ein monströses außerirdisches Rieseninsekt.

    Uneingeschränkte Empfehlung!

    Und nachdem wir hier den Höhepunkt der Tiptree-Werkausgabe in Händen halten, konnte es eigentlich auch nur einen Text für den Anhang geben; nun endlich auch im vollen Wortlaut zu lesen. Nämlich den mittlerweile legendären Aufsatz von Autor und Herausgeber Robert Silverberg, in dem dieser 1975 – also mitten im großen Rätselraten, ob Tiptree ein Mann oder eine Frau sei – ebenso vehement wie fundamentiert und vollkommen falsch argumentiert hatte, dass James Tiptree Jr. ganz eindeutig ein Mann sein müsse. Aber immerhin: beim Alter hatte er hervorragend treffsicher geschätzt!

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