Rundschau: "That Mermaid Ate His Fucking Face Off!"

    Ansichtssache10. Oktober 2015, 10:00
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    Neue SF-Romanwelten von Linda Nagata, Jo Walton, James Tiptree Jr., Kit Reed und Mira Grant

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    coverfoto: image comics

    Kelly Sue DeConnick & Valentine De Landro: "Bitch Planet"

    Graphic Novel, broschiert, 136 Seiten, Image Comics 2015

    Nach der saft- und kraftlosen Dystopie von Joelle Charbonneau zum Ausgleich und Abschluss jetzt noch eine, bei der Blut, Schweiß und Sonstiges so fließen, dass man es auch riechen kann. Das perfekte Setting dafür: ein Frauenknast. Und zwar kein so harmloser wie im Katy-Karrenbauer-Vehikel von RTL, sondern the real stuff.

    Die Ausgangslage

    "Bitch Planet" greift die Tradition von glorios schundigen Exploitationfilmen aus den 60er und 70er Jahren auf. Genau die Weidegründe also, die auch ein Quentin Tarantino so gerne ironisch abgrast – auch wenn "Bitch Planet" aus seiner Feder sicher etwas anders geworden wäre als in der vorliegenden Form. Verantwortlich dafür: die US-amerikanische Comic-Autorin Kelly Sue DeConnick, die unter anderem für Marvel arbeitet und – wie viele ihrer Zunft – den größeren kreativen Spielraum, den der Verlag Image Comics bietet, nur allzu gerne nutzt.

    Für "Bitch Planet" hat DeConnick eine dystopische patriarchalische Gesellschaft entworfen, die unliebsam gewordene Frauen auf den extraterrestrischen Auxiliary Compliance Outpost abschiebt; inoffizieller Name siehe Titel. Dort landen waschechte Mörderinnen ebenso wie Frauen, die sich einfach nur nicht fügsam genug geben ... sowie solche, deren Äußeres missfällt. Wie beispielsweise die kolossale Penny Rolle, eine der Sympathieträgerinnen der Reihe. Ihr massives Übergewicht ist ihr vollkommen wuppe – als man ihr Gehirn an eine Maschine anschließt und sie sich das Idealbild ihrer selbst vorstellen soll, sieht das Ergebnis zur Fassungslosigkeit der umstehenden Männer aus wie ihr Spiegelbild.

    Großartige Bilder

    In Schach gehalten werden die Inhaftierten von maskierten Wachen und den überlebensgroßen Avataren eines Wärterinnenhologramms, das so etwas wie die perverse Vollendung des gewünschten Erscheinungsbilds einer Frau ist: eine wespentaillierte Mischung aus Neko und strenger Schwester in Neonrosa. Gruselig-großartig der Gesichtsausdruck dieser holografischen Monstrosität, als sie die neueingelieferte Marian Collins aus der Reihe der Insassen herausbittet – Darth Vader sah nie unheimlicher aus.

    Die Illustrationen von Valentine De Landro sind ebenso bunt wie schlicht gehalten: gängiger US-Comic-Stil mit Anklängen an die Optik früherer Epochen, aber mit viel Gespür für die richtige Inszenierung. Und trotz Reduktion sind sämtliche Protagonistinnen sehr individuell gezeichnet, was ja schließlich auch der springende Punkt an der ganzen Sache ist.

    Besonders schön finde ich die Cover- und Rückseitengestaltung, in der die Trash-Ästhetik alter Kinoplakate Wiederauferstehung feiert ("Bold, Beautiful and ... Baaaaaad!"). Das gilt jetzt übrigens für die Heftausgaben, soweit ich sie bisher kenne. Der Sammelband ist nach einigen Verzögerungen leider erst jetzt erschienen und noch nicht bei mir daheim angekommen. Bislang konnte man sich bei Image Comics allerdings immer darauf verlassen, dass sie sämtliches vorhandene Bildmaterial wieder mit reinpacken.

    Anhaltender Erfolg

    Dieser Band fasst die ersten fünf Heftausgaben der vor knapp einem Jahr gestarteten Serie zusammen. Wir sind damit also noch mitten in der Exposition: Figuren werden mit ihrer Hintergrundgeschichte vorgestellt, Themen, die künftig eine große Rolle spielen werden, werden eingeführt: Etwa Megaton bzw. Duemila, ein brutales Sportspektakel zur Unterhaltung der Massen, das unwillkürlich an "Rollerball" denken lässt (abzüglich der Motorräder). Praktisch unvermeidlich, dass jemand auf die Idee kommt, zwecks "Rehabilitierung" ein Frauenknast-Team zusammenzustellen. Die armen Männer, die gegen die antreten werden müssen, tun mir jetzt schon leid ...

    Und während bei der fortlaufenden Serie alle gespannt darauf warten, wann sich alles im absehbaren totalen Gewaltausbruch entlädt, kann man schon mal die Zwischenbilanz ziehen, dass Kelly Sue DeConnick es bislang tatsächlich geschafft hat, eine höchst prekäre Balance zu wahren. Immerhin ist "Bitch Planet" einerseits wirklich DeConnicks ganz persönliche Liebeserklärung an die (S)Exploitationfilme der 70er Jahre – und ein voyeuristischeres Genre kann man sich kaum vorstellen. "Bitch Planet" hingegen ist das nicht, trotz einer Menge nackter Haut (sogar auf die obligatorische Duschszene wird nicht vergessen!) und natürlich reichlich Gewalt. Stattdessen gab's für die Comic-Reihe sehr viel feministisches Lob. Glühende Fans sollen sich sogar schon Tattoos mit "Bitch Planet"-Zitaten stechen haben lassen. Na hoffentlich lassen die sich noch ein bissel freie Haut übrig – das nächste Heft und der nächste Sager Penny Rolles kommen bestimmt.

    Ausblick

    Die nächste Rundschau wird sicher um einiges kürzer als diese, sonst bringe ich vor Weihnachten keine zwei Stück mehr durch. Trotz geringeren Umfangs ließen sich darin theoretisch gleich vier(!) neue Titel von Stephen Baxter unterbringen. Das wäre dann allerdings doch ein bisschen viel, oder? (Josefson, 10. 10. 2015)

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