Rundschau: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

    Ansichtssache5. September 2015, 10:00
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    Monster im Comic- und Sachbuchformat sowie neue Romane von John Scalzi, Clive Barker, Dietmar Dath und Peter Watts

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    coverfoto: hablizel

    Dietmar Dath: "Venus siegt"

    Gebundene Ausgabe, 300 Seiten, € 24,90, Hablizel 2015

    Das Protokoll einer gesellschaftlichen Revolution liefert uns Dietmar Dath in seinem jüngsten Roman und wandert dabei durch alle Stationen: Von den Hoffnungen und Plänen der Anfangszeit, Fort- und Rückschritten sowie dem Spannungsfeld von visionären Utopien und nüchternem Alltag zwischen Plansollerfüllung und Problemen, über Fraktionenbildung, zunehmend autoritäre Züge des Systems, Ausschaltung von Dissidenten, Bürgerkrieg und Massenmord, bewaffnete Selbstbehauptung gegenüber einem äußeren Aggressor bis hin schließlich zum stückweisen Scheitern der Ursprungsidee und dem bleibenden Erbe, das diese hinterlassen hat.

    Klingt jetzt vielleicht etwas banal, das Ganze als Geschichte der Sowjetunion zu lesen, verlegt auf die Venus und ein paar Jahrhunderte in die Zukunft. Andererseits: wenn der Schuh passt ... In einigen der Figuren könnte man schließlich durchaus Personen der Geschichte – von Stalin bis Trotzki – wiedererkennen.

    Blick zurück im Zorn

    Erzählt wird der Roman rückblickend aus der Warte von Nikolas Helander, dem Sohn eines hochrangigen Venus-Politikers. Und da kommt gleich eines der Leitmotive des Romans ins Spiel, auf die der diskursfeste Dath Wert legt: Quellenkritik. Schon im Vorwort steht, dass man Ich-Erzähler Nikolas nur bedingt vertrauen darf. Nicht zuletzt deshalb, weil der mittlerweile im Exil auf der Erde lebt und gegenüber seinem Vater sowie dem gesamten Bundwerk der Venus eine äußerst zwiespältige Haltung einnimmt. Zugleich greift Nikolas selbst immer wieder Daths Vorgabe auf und merkt wiederholt zu einzelnen Geschehnissen an, wie gut/schlecht/zweifelhaft diese durch Fakten belegt seien. Diese Geschichte ist von Anfang an ein Interpretationsprozess.

    Zugleich ist "Venus siegt" wie schon das großartige "Pulsarnacht" von 2012 wieder (auch) ein eindeutiger Genreroman; beim dazwischen erschienenen "Feldeváye" oder bei "Die Abschaffung der Arten" von 2008 wäre das nicht ganz so leicht zu sagen gewesen. Trotz dieser Zuordenbarkeit wurde "Venus siegt" aber wieder fleißig im Feuilleton besprochen – ganz einfach, weil es Dietmar Dath ist. Schön für ihn und das Genre insgesamt – nur wenn Dath dort bescheinigt bekommt, der einzige relevante deutschsprachige SF-Autor zu sein, kann man den tatsächlichen Wert dieser Aussage freilich nur berechnen, indem man sie mit der Zahl der anderen an derselben Stelle besprochenen deutschsprachigen SF-AutorInnen multipliziert.

    Aus der Genre-Perspektive

    Dass die meisten Besprechungen von Daths Roman auf die Elemente fokussieren, die über Science Fiction hinausgehen, macht es andererseits umso leichter, ihn hier in der Rundschau aus der Genre-Perspektive zu betrachten. Schließlich ist Dath in der SF-Literatur ebenso sattelfest wie in politischen oder popmusikalischen Diskursen, wie diverse Verweise im Roman zeigen – da spielt Greg Egan keine geringere Rolle als Voltaire.

    Ein besonders verlockendes Gedankenspiel wäre es, Daths Roman in Bezug zu Iain Banks zu setzen. Die postkapitalistische Venuskommune firmiert unter dem Kürzel D=B=K. "D" steht dabei für Diskrete (Roboter und Androiden mit körpergebundenem Ich-Bewusstsein), "B" für Biotische, also Menschen, und K für Kontinuierliche: Künstliche Intelligenzen, die weitgehend frei in den Info-Netzwerken kursieren. Diese drei Lebensformen gelten im Bundwerk als gleichberechtigt – als vierte Komponente kämen noch die Neukörper dazu: Menschen, die ihre Körper zu chimärenhaften Mischwesen wie aus dem Märchenbuch umgestaltet haben und zugleich diejenigen sind, die die Freiheitsutopie der Revolution am stärksten ausleben. Eine solche Gesellschaft könnte tatsächlich der Beginn einer Zivilisation wie Banks' Kultur sein ... vorausgesetzt, sie bleibt ihren Idealen treu.

    Der Mann hinter dem Vorhang

    Auch an Ausstattung wird – wiewohl im Vergleich zur Techno-Magie von "Pulsarnacht" deutlich heruntergefahren – so einiges geboten: Fantastische Venusstädte, die durch kilometerlange Zilien verbunden sind, das Écumen (eine auf der Venus omnipräsente "Smart Liquid", die auch als Interface fungiert) oder das Schwarze Eis – verkürzt gesagt ein Antischwerkraftmaterial. Die korrekte Definition ist natürlich etwas komplexer: "Das Schwarze Eis ist ein System von ... eine Vermählung von Gravitationskollaps einerseits und extremer Kühlung andererseits. Gefrorene Raumzeit. Und wir stellen es her, weil wir die elektrische Ladung als Kraftlinien, die in der Topologie eines multikonnektiven Raums aus Wurmlöchern gefangen sind, zu beherrschen gelernt haben. Wir stricken und nähen mit Hyperkondo-Isolation. Wir arbeiten mit der Energie der Vakuumfluktuation, der Involution von Gravitation. Vielfingrige Zeit."

    Oder so. Klingt fast ein wenig nach der Techno-Poesie von Hannu Rajaniemi, auch wenn ich bei dem als gelerntem Physiker naturgemäß etwas mehr Substanz hinter dem Zauberer-von-Oz-Rauch vermute. Auf jeden Fall gelingt Dath aber das für den Menschen erniedrigendste Zwiegespräch mit einer überlegenen Künstlichen Intelligenz seit Lems "Also sprach Golem". Und das nebenbei bemerkt zum Kaffeeplauschthema Mengenlehre.

    Zwischen Gegenwart und Frühgeschichte der Science Fiction

    Weniger gelungen ist, dass der Roman mit jeder Menge Infodumps beginnt. Die Story scharrt in den Startlöchern, aber uns werden erst mal ausführlichst Geschichte und Geometrie der Rennbahn erläutert – und das wird sich auch später fortsetzen. Daths essayistischer Stil hat durchaus seine Nachteile, wenn es um Dynamik geht ... oder um Figuren, die lebende Wesen sein sollen. Alle hier sprechen so, wie Dath schreibt (also so, wie kein Mensch abseits einer Diskussionsveranstaltung spricht). Und da sie tendenziell auf uns gerichtete Sprachrohre sind, formal aber miteinander sprechen, neigen sie de facto leider dazu, einander in steifen Sätzen Begriffe zu erklären, die sie eigentlich eh kennen, was mitunter absurd wirkt.

    Nicht, dass es in der Geschichte der SF keine Beispiele dafür gäbe, Romane als Vehikel für die Ausformulierung von Ideen und Konzepten zu verwenden. Man muss nur etwas zurückgehen – noch vor das Golden Age, zu Hugo Gernsback, H. G. Wells, Jules Verne, Edward Bellamy. Auf eine ganz eigentümliche Art und Weise haftet "Venus siegt" ein altertümliches Feeling an. Keine Ahnung, ob der Retro-Effekt beabsichtigt war oder nur eine Folge von Daths Lust am Diskurs ist. Aber er passt gut zur schlicht gestalteten Leinenbindung, in der das Buch erschienen ist.

    Komplexität, Baby

    High on intellect, rather low on emotion. Das wäre mein Gesamteindruck von "Venus siegt", das mir aufgrund dieser fehlenden 50 Prozent als Roman zwar nicht so gut gefällt wie "Pulsarnacht", das aber trotzdem eine meiner Nominierungen für den nächsten Kurd-Laßwitz-Preis sein wird. Denn mag es den formal in der Handlung ja durchaus vorhandenen Beziehungen und Problemen zwischen den (vielen!) ProtagonistInnen auch an Fleisch und Blut fehlen – auf der Ebene von Reflexion und Gedankenaustausch ist "Venus siegt" beeindruckend.

    Und vielleicht sind Gefühle ja einfach nicht präzise genug. So legt Dath einer seiner Figuren eine Tirade in den Mund, die man aus dem Kontext herausgenommen auch als witzige Replik auf Gestöhne über Daths anspruchsvollen Schreibstil verstehen darf: "Wenn du keinen komplexen Satz mehr bilden kannst, kannst du auch keinen komplexen Zusammenhang mit wenigen Invarianten und vielen abhängigen Variablen mehr schildern. Dann bleibt nur noch übrig: Subjekt Prädikat Objekt, die Sprache der Befehle und der Unterwerfung, verkleidet als Sprache der lebendigen Teilhabe aller an allem."

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