Rundschau: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

    Ansichtssache5. September 2015, 10:00
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    Monster im Comic- und Sachbuchformat sowie neue Romane von John Scalzi, Clive Barker, Dietmar Dath und Peter Watts

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    coverfoto: heyne

    Peter Watts: "Echopraxia"

    Broschiert, 559 Seiten, € 10,30, Heyne 2015 (Original: "Echopraxia", 2014)

    Das ist wieder so ein Buch, das man ewig vor sich her schiebt, weil man schon vorab weiß: Es wird hervorragend – aber mögen wird man's nicht. Zu kalt und unmenschlich ist Peter Watts' biologistische Sicht auf die Welt (siehe die "Rifters"-Trilogie), die er auch hier wieder betont, wenn er über die Farce vom freien Willen schreibt. SF-Rezensent James Nicoll, der einmal meinte, dass er Watts immer dann lese, wenn sein Lebenswille zu stark werde, hat es mit seinem Zitat nicht umsonst in die Wikipedia geschafft; es fasst den Effekt von Watts' Romanen einfach perfekt zusammen. Aber natürlich ist auch Watts' jüngstes Werk wieder brillant.

    "Echopraxia" ist ein Sequel zum Erfolgsroman "Blindsight" ("BIindflug") von 2006 ... gewissermaßen jedenfalls. Zeitlich ist es nämlich zwischen den Ereignissen im Hauptteil von "Blindflug" und dem, was sich an dessen Schluss aus der Ferne andeutete, angesiedelt. Und wir haben es mit anderen ProtagonistInnen zu tun – von denen einer allerdings einen sehr persönlichen Bezug zur Hauptfigur von "Blindflug" hat, wie sich noch zeigen wird.

    Simplexe in der Sackgasse

    Zur Erinnerung bzw. für Neuhinzugekommene als Orientierungshilfe: Wir befinden uns am Ende des 21. Jahrhunderts. Auf der Erde wimmelt es mittlerweile dank fortgeschrittener Technologie von Post-, Trans- oder schlicht Nonhumanen diverser Art. KIs, Schwarmintelligenzen, "Zombies" ohne eigenes Bewusstsein und nicht zu vergessen die "Vampire": Eigentlich ein im Pleistozän ausgestorbener raubtierhafter Seitenzweig der menschlichen Evolution, den man wegen seiner überragenden geistigen Fähigkeiten rückgezüchtet hat. Zum Preis, dass man nun hyperintelligente Soziopathen in Schach halten muss, die kein dem Menschen vergleichbares Bewusstsein haben. Intelligenz ohne Ich-Bewusstsein war eines der großen Themen von "Blindflug".

    "Echopraxia" geht auf eine weitere Variante der künstlichen Evolution ein. Der Bikamerale Orden hat durch Genmanipulation die Fähigkeit der Mustererkennung und den Einblick in für Menschen verborgene Zusammenhänge so weit getrieben, dass die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und göttlicher Eingebung verschwimmen. Die klassische Wissenschaft tauge dazu, Alltagsphänomene zu beschreiben – darüber- und darunterhinaus könne sie jedoch nicht mehr blicken. Wir sind auf einem lokalen Maximum gefangen, heißt es zu Beginn des Romans: Ein schönes Bild für den ungemütlichen Umstand, dass die Menschheit auf ihrem bisherigen Weg alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat und in einer Sackgasse gelandet ist. Neue Wege müssen beschritten werden – aber es ist zu befürchten, dass die Simplexe, wie herkömmliche Menschen im Roman genannt werden, dabei auf der Strecke bleiben werden.

    Zur Handlung

    Daniel Brüks, Hauptfigur des Romans, ist ein solcher Simplex: ein Parasitologe, der im verwüsteten Oregon Tiere einfängt und seziert, um zu dokumentieren, wie sehr sich manipulierte DNA über die gesamte Biosphäre ausgebreitet hat. Seine schaurig-beschauliche Arbeit schlägt bald in eines der ersten Action-Highlights des Romans um: den Angriff von Zombies auf ein Hightech-Kloster, das einen künstlichen Tornado gegen sie ins Feld führt. Von nun an ist Daniel Gast der Bikameralen, und sie nehmen ihn sogar auf eine Weltraummission mit. Auf Ikarus, einer Station im Sonnenorbit, die die Erde mit Energie versorgt, ist nämlich eine Sendung aus dem äußeren Sonnensystem eingegangen. Also von dort, wo "Blindflug" spielte – da sollte man doch besser nachsehen.

    Es folgt eine Studie in Paranoia, die sich gewaschen hat. Daniel, der selbst einige Geheimnisse verbirgt (er hat ein paar tausend Menschenleben auf dem Gewissen, nanu?) ist fast der einzige Simplex an Bord des Raumschiffs Dornenkrone. Da gibt es noch den nur leicht augmentierten Soldaten Jim und die schon stärker geistig modifizierte Lianna, deren Gottgläubigkeit Dan mindestens so sehr frustriert wie ihre Bewunderung für die Bikameralen. Vor allem aber ist da einerseits das fremdartige Kollektiv der Bikameralen selbst – und andererseits die furchterregende Vampirin Valerie, bei der niemand so recht einschätzen kann, warum sie sich der Mission angeschlossen hat. Zwischen all diesen Über- und Nichtmenschen bleibt einem Simplex nur mehr eines übrig: (...) dass Daniel Brüks sich auf dem Deck zusammenkauerte wie eine Maus, die sich in einem Glasterrarium voller Kobras in den hintersten Winkel drückte, das Licht so weit aufgedreht wie nur irgend möglich.

    Und was sie draußen im All finden werden, ist natürlich noch schlimmer.

    Die Summe der Teile

    "Echopraxia" kann auch ohne vorherige Lektüre von "Blindflug" gelesen werden. Wie schon "Blindsight" (das wörtlich eigentlich mit dem wenig SF-ischen Titel "Rindenblindheit" übersetzt werden müsste) handelt es sich um einen Begriff aus der Gehirnforschung. Watts, selbst ein Meeresbiologe mit Doktortitel, legt größten Wert auf das wissenschaftliche Fundament seiner Bücher; siehe das Quellenverzeichnis am Ende des Romans, das einem Sachbuch alle Ehren machen würde. Physiologische Prozesse, die die Forschung heute analysiert, sind in seiner Zukunftswelt längst entschlüsselt und nach Belieben manipulierbar – womit Watts seine ultrabiologistische Weltsicht unterstreicht.

    Vor allem die Illusion des Ichs hat es dem Kanadier angetan. Beziehungsweise deren Zerstörung. Das Bewusstsein ist für ihn nicht mehr als eine vermittelnde Instanz zwischen unabhängig voneinander stattfindenden und einander manchmal auch zuwiderlaufenden Prozessen. Ein evolutionäres Konstrukt, das seinen Dienst erfüllt hat, nun aber kurz davor steht, von etwas Effektiverem abgelöst zu werden. Man vergleiche das mit der Art, in der Watts die Dornenkrone beschreibt: Sie ist keine Enterprise oder Moya, kein Schiff "mit Charakter", dem man "God bless her and all who sail in her" mit auf den Weg geben würde. Sondern ein Konglomerat aus funktionellen Einzelteilen, die als System agieren – die aber auch beliebig verstümmelt, erweitert oder neukombiniert werden können. Ganz wie das menschliche Bewusstsein.

    Zum Ausgleich am besten eine Romantasy lesen

    Als Phänomen bezeichnet Echopraxie übrigens zwanghaftes Nachahmen bzw. Wiederholen von Vorgezeigtem. Was irgendwie witzig ist, weil der Roman durchaus Züge einer Wiederholung seines Vorgängers hat: Von seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten über die philosophischen Fragen, die hier gestellt (und von Watts auf gewohnt ernüchternde Weise beantwortet) werden – bis hin zum eigentlichen Plot. Auch hier ist wieder eine human bis posthuman zusammengesetzte Crew auf einer Weltraummission unterwegs. Wobei mir die Mission des Vorgängerromans ein wenig besser motiviert schien als diese. Aber sei's drum: Watts spielt einmal mehr seine Stärken aus und erschafft das, was er am besten kann: einen Hard-SF-Roman von höchster Qualität. Oder anders ausgedrückt: einen Albtraum.

    ... und einmal mehr hatte man dank Peter Watts a jolly bad time. Ich zitiere eine weitere Rezensentin, die die düsteren Ereignisse am Schluss von "Blindflug" nüchtern Punkt für Punkt aufzählte und mit den Worten schloss: "You know, I sometimes get the feeling that Watts needs a hug or something."

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