Rundschau: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

    Ansichtssache5. September 2015, 10:00
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    Monster im Comic- und Sachbuchformat sowie neue Romane von John Scalzi, Clive Barker, Dietmar Dath und Peter Watts

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    coverfotos: macmillan/festa

    Clive Barker: "Das scharlachrote Evangelium"

    Broschiert, 464 Seiten, € 13,95, Festa 2015 (Original: "The Scarlet Gospels", 2015)

    Barker's back! Und zwar to the roots. Worauf Fans des britischen Kultautors nun schon seit über einem Jahrzehnt hoffen, wird mit dem "Scharlachroten Evangelium" endlich wahr: Clive Barker reaktiviert zwei der populärsten Figuren aus seinen frühen Jahren als Horrorautor und lässt sie blutig aufeinanderprallen: Privatdetektiv Harry d'Amour und den Zenobiten – also wirklich den Zenobiten – Pinhead. Den man natürlich auf gar keinen Fall in seiner Gegenwart so nennen sollte ...

    Eine Vorabbemerkung noch: Diese Rezension richtet sich nach der Originalfassung des Buchs, genauer gesagt nach der Paperback-Ausgabe (siehe oben links). Auf die hatte ich extra gewartet, weil mir das rot-weiße Cover mit Pinhead deutlich besser gefällt als das der gebundenen Version, die schon im Mai herauskam. Und ein Buch mit schönem Cover lese ich einfach lieber. Zeitgleich mit dem Erscheinen der schon lange vorbestellten Paperback-Ausgabe hätte sich dann allerdings noch eine dritte Möglichkeit aufgetan: Die deutschsprachige Version, lobenswert früh erschienen im Festa Verlag. Wer mit dem Englischen hadert, greife also hier zu! Selbst wenn ihm dann ein so poetischer Satzausklang entgeht wie: "There's enough in that story to make me think you might be a decent human being under all those layers of lawyer and liar."

    Die genagelte Ikone und der illustrierte Mann

    Beste Pointe des insgesamt bemerkenswert humorvollen Romans: "You're a magnificent cliché", sagt Pinhead zu Harry d'Amour – ausgerechnet Pinhead, die in unzähligen Filmen und Comics verbratene Horror-Ikone, die abgesehen von ihrem Nagelkopf schon so vielfältig und widersprüchlich dargestellt worden ist, dass man längst nicht mehr sagen kann, was kanonisch ist und was nicht. Barker nennt den Zenobiten nun übrigens explizit einen Dämon und schreibt ihm den Rang eines Höllenpriesters zu.

    Im Prolog des Romans vollendet Pinhead gerade sein mehrjähriges Werk, sämtliche Magier der Welt abzuschlachten und ihr Wissen in sich aufzusaugen: Ein äußerst blutiges Spektakel, in dem wieder die metaphysischen Ketten fliegen und zerreißen, ausweiden und verstümmeln, was ihnen unter die Haken kommt. Als nächste müssen Pinheads Ordensschwestern und -brüder (inklusive Butterball!) dran glauben, und nach dem magischen Massaker in Zenobitenhausen arbeitet sich Pinhead Station für Station, Special Effect für Special Effect durch die Hölle voran. Das letzte Ziel auf seinem angestrebten Weg zur Göttlichkeit soll kein geringeres als Luzifer selbst sein.

    Harry d'Amour, der knarzige Privatdetektiv mit Ganzkörpertätowierung und Gespür für übersinnliche Umtriebe, wurde von Pinhead – warum auch immer – dazu ausersehen, seinen Aufstieg zu bezeugen und sein "Evangelium" zu verkünden. Nichts könnte Harry mehr am Arsch vorbeigehen. Doch Pinhead entführt als Druckmittel eine alte Freundin Harrys, das blinde Medium Norma Paine. Und so bleibt dem Dämonenjäger nichts anderes übrig, als sich auf die Spur des Zenobiten zu setzen. Harry durchschreitet zusammen mit seinen Mitstreitern Caz, Lana und Dale das Portal zur Hölle. Was folgt, ist – im Gegensatz zur beklemmenden Stimmung des Prologs – weniger von Horror als von Action und vielen Ah!s und Oh!s geprägt.

    Bezüglich "oberflächlich" und "entmystifiziert"

    "Das scharlachrote Evangelium" scheint die Barker-Fans zu spalten. Von denen, die es nicht so mochten, monieren die einen, dass es dem Roman an Tiefgründigkeit fehle; andere stoßen sich an den Sex-Witzeleien der Hauptfiguren. Aber vielleicht hängt beides ja sogar zusammen: Barkers Markenzeichen war stets eine extreme Körperlichkeit, die Verbindung von Sex und Gewalt. Wobei der Sex in seinen frühen Werken noch viel stärker verklausuliert war, was die Handlung seiner Erzählungen stets wie die Spitze eines gewaltigen dunklen Eisbergs wirken ließ. Inzwischen schreibt Barker mit der Schamlosigkeit des Alters – Subebenen und versteckte Bedeutungen braucht er kaum noch.

    Ein Wort, das man in Besprechungen des Buchs besonders oft liest, ist "Entmystifizierung". Und das hat tatsächlich was für sich. Immerhin wird Pinhead hier als Wesen mit Ambitionen dargestellt, wodurch er automatisch weniger souverän wirkt als bei seinen historischen Auftritten als Gestalt gewordene Gleichgültigkeit. Hauptsächlich – und das gilt für Pinhead genauso wie für die hier sehr ausführlich beschriebene Hölle – ist es aber eine ganz simple Folge der Informationsmenge: Je mehr man von jemand oder etwas erfährt, desto mehr büßt er/es zwangsläufig von seinem geheimnisvollen Nimbus ein. Entmystifizierung also: ja.

    Von Horror zu Fantasy

    Bei einem solchen Autor kommt man gar nicht darum herum, persönlich zu werden – immerhin war Clive Barker ein Held meiner Jugend. Die "Bücher des Blutes" hatte ich verschlungen, denn es gab damals nichts Vergleichbares. Die Begeisterung übertrug sich auch auf die darauf folgenden Romane "Spiel des Verderbens", "Gyre", "Cabal" und "Jenseits des Bösen". Zum Knackpunkt wurde "Imagica". Das gilt heute als einer seiner besten Romane und ist es vielleicht auch. Aber es war Fantasy, und das hab ich damals nicht gebraucht – erst recht nicht von jemandem, der doch so fantastische Horrorerzählungen geschrieben hatte.

    Ich kann mich rühmen, dass ich in meinem Freundeskreis der einzige bin, der den Soundwechsel der Cardigans von Easy Listening zu Rock problemlos mitgemacht hat und beide Gesichter der Band gleich gern mag. Bei Barker, der sich selbst eher als Fantasy-Autor sieht, ist mir der Umstieg leider nicht gelungen. Spätere Wiedereinstiegsversuche haben es nur bestätigt. "Der Dieb der Zeit": nett. "Abarat": hat mich einfach nicht gepackt. Schade.

    ... und Fantasy bleibt es

    Aber die Zeit heilt offenbar alle Wunden (solange sie nicht von Pinhead geschlagen werden). Denn auch "Das scharlachrote Evangelium", das mir unterm Strich sehr gut gefallen hat, ist – trotz höllischer Ausstattung und entsprechenden Personals – ganz klar ein Fantasy-Roman. Das beginnt schon bei der Struktur der Handlung: eine klassische Queste, mit der der Triumph des Bösen verhindert werden soll.

    Diese Queste führt durch ein Wunderland namens Hölle, das mindestens so elaboriert ausgestaltet ist wie die Welt eines High-Fantasy-Wälzers, es sieht nur etwas ... anders aus: Wie ein beklatschenswert fantasievoller Themenpark aus zu gleichen Anteilen Hieronymus Bosch, Enki Bilal und dem, was Barker selbst "abscheuerregenden Glamour" nennt. Und sie ist auf ihre Weise ein erstaunlich weltlicher Ort, an dem man wohnt, isst, arbeitet, schläft, Sex hat und sogar sterben kann (was danach kommt, bleibt allerdings offen).

    Durch dieses Wunderland reisen Harry und seine Scooby Gang nun wie Touristen und speziell Harry zeigt sich vom Gebotenen mäßig beeindruckt. Womit er einen flapsigen Ton vorgibt, wie er – dare I say "Buffy"? – für Urban Fantasy typisch ist. Siehe etwa einen Dialog Normas mit einem Mann, der nicht glauben will, dass sie den Geist seines toten Bruders sieht: "You're telling me you can see my brother? Right now?" Norma turned back and stared into the office. "Yes, he's lying on your couch." "What's he doing?" "You really want to know?" "I asked you, didn't I?" "He's masturbating." "Jesus. It's him."

    Empfehlung!

    Das Tor zu neuen Höllen wird mit dem "Scharlachroten Evangelium" nicht aufgestoßen. Dieses Buch will einen nicht in Schrecken versetzen, wie es die Definition eines Horror-Romans wäre. Es nimmt einen auf eine Reise mit. Und ich bin ihm gerne gefolgt. Yep, Barker's back, zumindest soweit es mich betrifft. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, "Imagica" eine zweite Chance zu geben und es diesmal zu Ende zu lesen.

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