Rundschau: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

    Ansichtssache5. September 2015, 10:00
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    Monster im Comic- und Sachbuchformat sowie neue Romane von John Scalzi, Clive Barker, Dietmar Dath und Peter Watts

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    coverfoto: cross cult

    Ivan Brandon & Nic Klein: "Drifter: Crash"

    Graphic Novel, gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 25,80, Cross Cult 2015

    Wenn bei Romanen gilt, dass der erste Satz die Weichen stellen kann, ob man dem Folgenden mit freudiger Erwartung entgegensieht oder nicht, dann ist das beim ersten Panel eines Comics nicht anders. "Crash", erster Band der "Drifter"-Reihe von Autor Ivan Brandon und Illustrator Nic Klein, beginnt mit einem ganzseitigen Raumschiffabsturz in Azurblau. Und schon bin ich in Stimmung.

    Der Drifter

    Der auf einer Wüstenwelt bruchgelandete Pilot, ein Raumfahrer mit dem mœbiusischen Namen Abram Pollux, fungiert als Ich-Erzähler – seine inneren Monologe der leicht entrückten Art werden die Stimmung prägen; nicht umsonst heißt die Reihe "Drifter". Zumindest wenn Abram mal zum Nachdenken kommt und ihn nicht gerade die Ereignisse überrollen. Gleich nachdem er sich aus dem Wrack befreit hat, führt er nämlich eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einem blauen Alien. Und unmittelbar danach schießt ihm ein Unbekannter in den Rücken.

    Das nächste Mal erwacht Abram in einer Ghost Town genannten Siedlung, die wie ein Westernstädtchen mit SF-Elementen aussieht. Westernmäßig ist auch die anschließende Saloonprügelei und mehr noch der Handlungsfaden um Abrams Wunsch nach Rache an seinem Angreifer. Mit der Pistole in der Hand zieht er auf dessen Spur hinaus in die Wüste – gefolgt vom örtlichen Marshal Lee Carter, die auch die Ärztin von Ghost Town ist. Love is in the air ... naja, vielleicht später einmal. Vorerst sind die beiden noch viel zu knarzig für mehr und eigentlich hilft Lee Abram vor allem deshalb, weil sie sich solche Mühe gegeben hat, ihn wieder zusammenzuflicken. Die ganze Arbeit soll schließlich nicht umsonst gewesen sein. Abrams lakonische Zwischenbilanz nach dem ersten Kapitel: An jenem Ort wurde mir zweimal in den Rücken geschossen, von einem Mann, dessen Namen ich nie erfuhr. Drei Tage lang blieben meine Augen geschlossen, aber mir wurde gesagt, dass ein Jahr vergangen war. Mein Name ist Abram Pollux. Ich bin spät dran und ich brauche eine Waffe.

    Zur Struktur

    "Drifter" ist episodisch aufgebaut, was vor allem daran liegt, dass es sich eigentlich um eine Serie handelt, deren erste fünf Ausgaben dieser Band umfasst. Das Original erscheint beim US-Verlag Image Comics, dessen KünstlerInnen das Copyright für ihre Werke behalten. Im konkreten Fall sind dies der US-amerikanische Comic-Autor Ivan Brandon ("Viking" sowie diverses bei Marvel und DC) und der deutsche Illustrator Nic Klein, der ebenfalls schon für alle großen US-Verlage gearbeitet hat und dem in der deutschsprachigen Ausgabe natürlich besonderes Interesse gilt. Der Band enthält im Anhang auch ein Interview, in dem Klein von seiner Arbeitsweise erzählt.

    Kleins Zeichnungen sind es auch, die "Drifter" zu einem echten Genuss machen: Die beeindruckenden Panoramen, vor allem aber die grandiosen Farbwechsel, da jede Szene bzw. jeder Schauplatz in einen eigenen Grundton getaucht ist. Und US-Verlag hin oder her, für mich sieht der Stil sehr europäisch aus, mit Wurzeln, die – ob beabsichtigt oder nicht – bis in die klassische "Métal hurlant"-Schule zurückreichen. Wie zur Bestätigung prangt auf einem Grabstein in der Wüste der Name "Giraud".

    Rätsel über Rätsel

    Zu den SF-Highlights der "Drifter"-Episoden zählen unter anderem: Eine Harpunenschießerei mit Plünderern, die an die Sandleute aus "Star Wars" erinnern. Ein bulliges Monster, das in Symbiose mit Blitzen lebt und Menschen frisst. Oder eine Mine, in der der Kot riesiger Würmer/Zecken als Energiequelle abgebaut wird. Und in der man furchterregenden Außerirdischen begegnen kann, die wie Plastinate mit glühenden Augen aussehen. In der Regel ignorieren sie Menschen vollkommen. Sollten sie dich eines Tages aber doch wahrnehmen, ist die Kacke am Dampfen.

    Während Abram auf der Suche nach seinem verlorenen Gedächtnis von Seltsamkeit zu Seltsamkeit stolpert, türmen sich die Rätsel immer höher. Warum sind für Abram nur drei Tage seit dem Absturz vergangen, während das Wrack laut Zeugenaussagen seit einem Jahr in der Wüste liegt? Wer ist der schweigsame Wanderer, der Abram erst in den Rücken schoss und ihm später das Leben rettet? Was hat der irre Prediger Arkady auf dem Kerbholz? Und verbirgt sich da hinter der Atemschutzmaske eines Fremden in der Wüste etwa ein Doppelgänger Abrams?

    "Drifter: Crash" bedeutet nicht zuletzt über 100 Seiten Exposition für das, was noch kommen wird. Es ist eine SF-Mystery, die vorerst noch keines ihrer Geheimnisse preisgibt und folgerichtig auch mit einem weiteren Rätsel als Cliffhanger endet. Ziemlich beeindruckend, das Ganze – bin gespannt, wie's weitergeht!

    Mit der Zeit, mit der Zeit wird aus dem Maulbeerblatt ein Seidenkleid

    Die nächste Rundschau ... wird bedeutend schneller kommen als diese Ausgabe, versprochen (urlaubsbedingte Personalknappheit im Ressort, viele Nebenarbeiten und dazu noch die Hugo-Leserei, da bin ich um eine Sommerpause nicht herumgekommen). Vielleicht kommt sie sogar so schnell, dass ich gar keine Rundschau-in-progress verlinken werde wie sonst. Plötzlich ist sie dann einfach da, wie hingebeamt.

    P.S.: Ach ja, und das wird jetzt vielleicht nicht allen gefallen: Für die restlichen Rundschauen dieses Jahres wird die Quote englischsprachiger Bücher ein wenig angehoben. Liegt einfach zuviel davon herum bei mir daheim – mehr als auf Deutsch. (Josefson, 5. 9. 2015)

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