Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
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    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

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    coverfoto: penhaligon

    Josh Malerman: "Bird Box"

    Gebundene Ausgabe, 318 Seiten, € 20,60, Penhaligon 2015 (Original: "Bird Box", 2014)

    Als Autor mag Josh Malerman noch nicht jedem ein Begriff sein - aber seine Stimme haben sicher viele im Ohr: Er ist es nämlich, der den Titelsong der großartigen TV-Serie "Shameless" singt. Mit seiner Band The High Strung ist der US-Amerikaner seit mittlerweile 15 Jahren aktiv, die Schriftstellerei hingegen hat der bekennende Horror-Fan erst kürzlich für sich entdeckt. Und gleich mit seinem Debütroman "Bird Box" jede Menge Lorbeeren eingefahren - durchaus zu Recht.

    Paranoia oder Tod

    "Bird Box" ist eine geballte Dreierpackung Klaustrophobie, Agoraphobie und Achluophobie (die Angst vor der Dunkelheit). Oder kurz gesagt: eine Studie in totaler Paranoia. Eine Autofahrt kann hier so ablaufen: Das Radio funktioniert jetzt. Der Mann spricht immer noch von Krieg. Etwas bewegt sich rechts von ihr, sie nimmt es aus dem Augenwinkel wahr. Sie sieht nicht hin. Sie schließt das rechte Auge. (...) Malorie kommt an der Roundtree Street vorbei. Ballam Street. Horton. Sie weiß, sie ist ganz in der Nähe. Links von ihr huscht etwas. Sie schließt das linke Auge.

    In der Fahrschule wird einem solches Verhalten im Straßenverkehr nicht beigebracht - was also ist geschehen? Dafür gibt es buchstäblich keine Augenzeugen. Irgendetwas unsagbar Fremdes hat sich auf der Erde manifestiert (später werden wir erfahren, dass es sogar gewaltig viele Irgendetwasse sind). Und wer es erblickt, verfällt unweigerlich dem Wahnsinn, tötet sich selbst und nimmt dabei oft noch einige andere mit in den Tod. Erst schien es sich nur um anekdotische Berichte aus weit entfernten Gegenden der Welt zu handeln. Doch die Fälle häufen sich und rücken immer näher - bis daraus eine Massenhysterie wird und sich schließlich keiner mehr ins Freie wagt.

    Sieh nicht hin!

    Malerman lässt archaische Motive wie das von Lots Weib und den Medusa-Mythos ebenso anklingen wie Diverses aus der Phantastik des 20. Jahrhunderts, sei es H. P. Lovecrafts "Die Farbe aus dem All", Clive Barkers "Das Höllenrennen" (ich fand es immer ein bisschen geschummelt, dass die Hölle dem armen Mann den Hals umdreht, damit er ihr ins Antlitz blicken muss ... aber naja, ist halt die Hölle) bis zu den "Ring"-Filmen. Eine der Figuren von "Bird Box" fällt auch tatsächlich dem Phänomen zum Opfer, nachdem sie das Fremde nicht in echt, sondern nur auf einem Video zu Gesicht bekommen hat. Die ProtagonistInnen werden viel über das Wesen der unbekannten Bedrohung rätseln und dabei auf keinen grünen Zweig kommen - es schält sich aber die Meinung heraus, dass man es weniger mit einer geplanten Invasion als mit einem "Blick in die Unendlichkeit" zu tun habe, wofür der menschliche Verstand einfach nicht gerüstet sei.

    Zu Beginn dessen, was mit bemerkenswertem Understatement in den Medien als das Problem bezeichnet wird, verschanzt sich Hauptfigur Malorie, zu diesem Zeitpunkt hochschwanger, mit ein paar Zufallsbekanntschaften in einem Haus in einem Vorort von Detroit. Dort wird sie die nächsten Jahre unter Einhaltung bizarrer - aber überlebensnotwendiger - Verhaltensregeln verbringen. So unterzieht sie die beiden Kinder von Geburt an einem beinharten Blindheitstraining: Wie oft hat sie an ihren Mutterpflichten gezweifelt, als sie die Kinder zu Lauschapparaten ausgebildet hat? Für Malorie war es manchmal schrecklich, ihre Entwicklung zu verfolgen. Als hätte sie für zwei Mutantenkinder zu sorgen. Kleine Monster. Selbst eine Art unheimlicher Wesen, die ein Lächeln hören können.

    Einer der Mitbewohner hatte allen Ernstes vorgeschlagen, die Kinder gleich nach der Geburt sicherheitshalber zu blenden - und einmal hatte Malorie schon einen Kanister Lackverdünner in der Hand, um es tatsächlich zu tun: nur ein Beispiel für die buchstäblich haarsträubenden Situationen, mit denen der Autor seine Figuren immer wieder konfrontiert. Doch selbst ohne Blendung sind die für das Überleben notwendigen Maßnahmen schrecklich genug, dass sich Malorie mehr als einmal fragt, ob es sich für die Kinder überhaupt lohnt, in einer solchen Welt am Leben zu bleiben.

    Gestern und Heute

    Ganz im Stil von Stephen Kings "Es" schildert Malerman die Ereignisse auf einer Vergangenheits- und einer Gegenwartsebene, um die parallel geführten Stränge schließlich zur finalen Klimax zusammenzufügen (in diesem Fall übrigens eine Klimax mit Geburten, das hat man auch nicht alle Tage). Dabei leitet er geschickt ein, was uns - respektive die Hausgemeinschaft - erwarten dürfte, denn gleich auf den ersten zwei Seiten begleiten wir Malorie auf einem letzten Gang durch das Haus, das ihr jahrelang als Unterschlupf diente:

    Der Sockel der Wände im Flur ist verfärbt, tiefe Purpurtöne, die mit der Zeit zu Braun verblasst sind. Sie stammen von Blut. Der Teppichboden im Wohnzimmer ist ebenfalls verfärbt, egal wie viel Malorie schrubbt. (...) Eine Schachtel Kerzen verbirgt einen Fleck in der Eingangsdiele. Die Couch im Wohnzimmer steht seltsam schief, sie wurde so hingestellt, um zwei Verunreinigungen zu überdecken, die für Malorie wie Wolfsköpfe aussehen. Im Obergeschoss, bei der Treppe zum Dachboden, verhüllt ein Berg muffig riechender Mäntel purpurne Kratzer, die tief in den Sockel der Wand eingegraben sind. Gut drei Meter entfernt befindet sich der schwärzeste Fleck im Haus. Sie benutzt den hinteren Teil des ersten Stockwerks nicht, weil sie sich nicht überwinden kann darüberzusteigen.

    Das ist eine Menge Blut. Und lässt es nur noch beklemmend wirken, wenn wir in den Rückschaukapiteln lesen, wie Malories MitbewohnerInnen hoffnungsvoll an einer Überlebensstrategie arbeiten. Aber zumindest Malorie und die Kinder müssen überdauert haben. Und die lässt Malerman nun zu einer Expedition ins Ungewisse aufbrechen: Eine Bootsfahrt zu einer möglichen Zuflucht und eine Reise mit verbundenen Augen, die ebenfalls mit atemberaubenden Momenten aufwarten wird. Wenn sich etwas - vermutlich eines der fremden Wesen - nähert und sogar zu Malorie ins Boot steigt, möchte man schreien, so sehr wird das Geschehen hier auf die Spitze getrieben. Aber Malorie sieht mit eiserner Disziplin nicht hin.

    Äußerst spannend!

    Zugegeben, man muss so einiges hinnehmen, was nicht plausibel ist - etwa das erstaunlich lange Überleben einiger Tiere und Menschen praktisch ohne Nahrungsvorräte. Das macht der Roman mit seiner einzigartigen Atmosphäre aber mehr als wett. "Bird Box" würde sich hervorragend als Vorlage für einen Film eignen. Aber bitte nicht von M. Night Shyamalan.

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