Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
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    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

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    coverfoto: heyne

    James Corey: "Cibola brennt"

    Broschiert, 652 Seiten, € 15,50, Heyne 2015 (Original: "Cibola Burn", 2014)

    Haben schon alle den Trailer zur TV-Version der "Expanse"-Reihe gesehen? Mein Haupteindruck ist, dass wirklich jeder Beteiligte zehn Jahre jünger aussieht, als ich ihn mir vorgestellt habe. Der Syfy Channel promotet die für heuer angekündigte Space Soap Opera jedenfalls als "Game of Thrones im Weltraum". Und anders als bei GoT brauchen sich die Fernsehmacher in diesem Fall auch keine Sorgen machen, dass sie mit ihren Staffeln die literarische Vorlage überholen könnten. Denn die beiden Autoren Daniel Abraham und Ty Franck, die sich hinter dem gemeinsamen Pseudonym James Corey verbergen, schreiben im Eilzugstempo: Zeitgleich mit der deutschsprachigen Ausgabe dieses Bands ist im Original bereits dessen Nachfolger "Nemesis Games" auf den Markt gekommen.

    Das Szenario

    Kurzer Rückblick: Im vorangegangenen Roman "Abaddons Tor" ist buchstäblich eine Tür in eine neue Welt geöffnet worden. Die Menschheit kam in Kontakt mit dem sogenannten Protomolekül, einer uralten biotechnologischen Entwicklung einer außerirdischen Superzivilisation. Dieses höchst infektiöse Ding hat nicht nur unzählige Menschen in irgendetwas zwischen einem Zombie-Kollektiv und dem Blob verwandelt, sondern auch die Oberfläche der Venus komplett umgekrempelt. Und diese neue Venus gebar ein ringförmiges Konstrukt, das sich im äußeren Sonnensystem positioniert hat und als Portal in tausende ferne Sternsysteme fungiert. Eines davon, in dem der bewohnbare Planet Ilus - auch Neuterra genannt - liegt, ist Schauplatz der Handlung von "Cibola brennt".

    Erstaunlich, wie schnell die Menschheit von "Welche unvorstellbare Intelligenz hat diese Ehrfurcht gebietenden Wunder erschaffen?" bis zu "Nun, da sie nicht mehr da sind, kann ich jetzt ihre Sachen haben?" fortgeschritten ist, sinniert die Soldatin Bobbie, eine alte Bekannte aus einem früheren Band, im Prolog des Romans. Gar nicht erstaunlich eigentlich, wenn man die ersten Bände gelesen hat: Statt Sense of Wonder trieben die Menschen des "Expanse"-Universums stets Gewinnstreben und massives Konkurrenzdenken an. Das ist hier nicht anders: Ilus ist vor einiger Zeit von einer Gruppe Flüchtlinge auf eigene Faust kolonisiert worden. Nun schweben die offiziell von der UNO abgesegneten SiedlerInnen ein, und natürlich kracht es bald zwischen den beiden Fraktionen. In dieser Auseinandersetzung setzt sich zugleich der alte Konflikt zwischen den BürgerInnen von Erde und Mars einerseits und den Gürtlern - den BewohnerInnen des äußeren Sonnensystems - andererseits fort.

    Die Hauptfigur

    Als Vermittler engagiert die UNO einmal mehr die Hauptfigur der Reihe, den notorisch idealistisch denkenden Raumschiffkapitän Jim Holden, obwohl der mit seiner unbestechlichen Moral jeden Politiker in die Verzweiflung treibt. Holden ist zwar abgebrühter (und gewaltbereiter) geworden, nimmt Begriffe wie Fairness und Ehrlichkeit aber immer noch überaus ernst.

    Erwähnen sollte man allerdings noch, dass er einen "Geist" sieht: Nämlich den des Ermittlers Miller aus dem ersten Band "Leviathan erwacht". Miller kam im Kampf gegen das Protomolekül zu Tode, sein Bewusstsein blieb dort jedoch gespeichert und wird bisweilen als virtueller Gesprächspartner in Holdens Kopf projiziert. Und dieser unsichtbare Begleiter verfolgt durchaus eigene Pläne: Die Zivilisation, die einst das Protomolekül schuf, wurde nämlich von einer noch mysteriöseren zweiten Macht an den Rand der Vernichtung gedrängt. Molekül-Miller will unbedingt herausfinden, wer das war.

    Weitere ProtagonistInnen

    Wie schon die vorangegangenen Bände wird auch "Cibola brennt" abwechselnd aus der Perspektive verschiedener Personen erzählt. Da wäre neben Holden zunächst Basia Merton, ein von Ganymed geflüchteter illegaler Kolonist auf Ilus. Er schließt sich einer Terroristengruppe an, die gegen die Neuankömmlinge vorgeht, wird die von ihnen verübten Gewaltakte aber schon bald bereuen. Dann die Exobiologin Elvi Okoye, die als Figur mit dem Wort "peinlich" umfassend charakterisiert ist. Und schließlich der Sicherheitsmann Dimitri Havelock, der in Band 1 als Partner Millers einen kleinen Auftritt hatte und nun als eine der Hauptfiguren wiederkehrt.

    ... nicht, dass er allzuviel zu melden hätte. Viel spannender ist der Mann, für den er arbeitet: Adolphus Murtry, der Sicherheitschef der UN-Kolonisierungsmission und Holdens großer Antagonist in diesem Band. Und hier wird's echt interessant: Obwohl Murtry fraglos eine der Hauptfiguren ist, verwehren uns die Autoren seine Innenperspektive (im Gegensatz zu den drei oben genannten Langweilern). Von Anfang an wird so oft gesagt, dass Murtry ein skrupelloses Arschloch sei, das man besser sofort töten sollte, dass man's wohl ungefragt als Wahrheit akzeptieren soll. Dabei sind die "Guten" hier genauso gewaltbereit wie der "Bösewicht" und haben nach meiner Zählung mehr Tote auf dem Gewissen als er. Da hätte ich doch gerne Murtrys Standpunkt von ihm selbst gehört.

    The Neverending Story

    Andererseits ist es bei mir auch immer ein untrügliches Anzeichen dafür, dass ich mit einer Geschichte die Geduld verliere, wenn ich anfange, zum Bösewicht zu helfen. Und Geduld braucht man hier: "Cibola brennt" ist noch viel mehr als seine Vorgänger als epische Soap angelegt, Subplots zu Basias Familienangelegenheiten, Elvis Fremdschäm-Liebesnot und ähnlichen Privatproblemen inklusive. Die Handlung wälzt sich dahin wie ein Brontosaurus und am Ende muss man sich schon ernsthaft die Frage stellen: Waren dafür wirklich 650 Seiten notwendig?

    Jaja, es passiert schon was: Die Biotechnoide der alten Zivilisation erwachen auch auf Ilus wieder zum Leben, ein Mond schmilzt, eine riesige Eruption schickt einen Megatsunami um den Planeten, eine Epidemie macht die KolonistInnen blind und und und. Klingt spektakulär, aber es ist wie bei einer Revue, bei der ständig was Neues auf der Bühne abläuft, ohne dass ein erkennbares Konzept dahinterstünde. Letztendlich dürfte der Grund dafür darin liegen, dass "The Expanse" mit diesem Band den Wechsel von ursprünglich einer Trilogie zu einer Serie vollzogen hat. Das macht einen fundamentalen Unterschied: Es geht nicht mehr darum, eine große Geschichte aufzubauen und abzuschließen, sondern darum, die LeserInnen mit Geschehnissen beschäftigt zu halten.

    Da mich Serien aus ebendiesem Grund in der Regel nicht interessieren, stand schon vor der Lektüre von "Cibola brennt" mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit fest, dass ich "The Expanse" danach nicht mehr weiterverfolgen würde. Dass sich der Roman nun im Grunde als Lückenfüller erwiesen hat, macht daraus endgültig eine Gewissheit. Denn vergessen wir nicht: im vorigen Band schien die Handlung auf eine neue, gesamtgalaktische Ebene gehoben zu werden. Ein Panorama mit unüberschaubaren Möglichkeiten! Stattdessen dümpeln wir hier in annähernder Endlosigkeit auf einem einzigen Hinterwäldlerplaneten herum. Wie ein Leser geschrieben hat: Es ist, als würde man einer Partie "Risiko" beiwohnen, bei der alle um Madagaskar kämpfen und niemand auch nur einen Blick auf den Rest der Welt wirft. - Enttäuschend, leider. Aber mal sehen, wie die TV-Serie wird.

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