Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
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    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

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    coverfoto: tachyon publications

    Daryl Gregory: "We Are All Completely Fine"

    Broschiert, 184 Seiten, Tachyon Publications 2014

    Wer nach der Lektüre von "Harrison Squared" wissen will, was aus dem sympathischen Helden geworden ist, findet hier die Antwort. Die beiden Bücher stehen in einem gar nicht so leicht benennbaren Prequel/Sequel-Verhältnis zueinander, denn "We Are All Completely Fine" ist handlungszeitlich knapp zwei Jahrzehnte nach "Harrison Squared" angesiedelt, wurde jedoch ein halbes Jahr davor veröffentlicht - laut Gregory aber erst danach geschrieben. Welche Handlungsidee da jetzt welche beeinflusst hat, weiß wohl nur er selbst.

    Mittlerweile hat sich der ehemalige "Monsterdetektiv" Harrison, nun in seinen 30ern und immer noch gezeichnet von seinen früheren Erlebnissen, zu einem desillusionierten Zyniker entwickelt. Wenn ihn die Psychologin Jan Sayer zur Teilnahme an einer Therapiegruppe überredet, heißt es etwa: She believed that people were captains of their own destiny. He agreed, as long as it was understood that every captain was destined to go down with the ship, and there wasn't a damned thing you could do about it. Obwohl inzwischen eher zynisch als sarkastisch, sind Harrisons Kommentare zum Geschehen unverändert witzig zu lesen.

    Eine Gruppe wie keine andere

    Jedes Mitglied der Therapiegruppe, die Dr. Sayer hier aufbaut, ist der oder die einzige Überlebende einer Attacke monströser Wesen. Neben Harrison wäre da etwa der nervige Alte Stan, der in einem Rollstuhl sitzt und nur noch Armstümpfe hat, nachdem er einst einer Kannibalenfamilie entkam (1974 soll das übrigens gewesen sein - wer erinnert sich an einen Film, zu dem das passen könnte?). Oder Barbara, eine Frau in mittleren Jahren, der einst ein Serientäter den Körper aufgeschnitten hat, um auf ihren Knochen eine Botschaft einzuritzen. Barbara fühlt sich in ihrer eigenen Familie wie ein Fremdkörper - am liebsten zieht sie sich in ein Einzelapartment zurück und brütet darüber, wie sie in Erfahrung bringen könnte, was für eine Botschaft denn das gewesen sein mag.

    Die anderen beiden Gruppenmitglieder sind deutlich jünger. Der Geek Martin trägt ständig eine Datenbrille, die ihm eine augmentierte Version der Wirklichkeit zeigt: Eine Art Zombiespiel - aber seit einiger Zeit sieht Martin darin auch Monster, die nicht zum Spiel gehören. Und zuletzt das Goth-Chick Greta, deren ganzer Körper mit einem dichten Geflecht aus Narbenmustern überzogen ist und die in den Gruppensitzungen lange Zeit beharrlich schweigen wird.

    Daraus ergibt sich eine brisante Mischung, wie Sayer weiß: Every small group was a chemistry experiment, and the procedure was always the same: bring together a group of volatile elements, put them in a tightly enclosed space, and stir. The result was never a stable compound, but sometimes you arrived at something capable of doing hard work, like a poison that killed cancer cells. And sometimes you got a bomb. In diesem ganz besonderen Experiment wird beides zusammengebraut werden.

    Die Struktur der Erzählung

    Von seiner Grundidee her lehnt sich "We Are All Completely Fine" ein Stück weit an alte Erzählformen wie die "Canterbury Tales" an: Man bringt eine Gruppe von Menschen auf kleinem Raum zusammen und lässt sie der Reihe nach ihre Geschichten erzählen.

    Zum Glück macht Gregory daraus aber kein starres erzählerisches Korsett. Denn die Handlung, die bei ihm wie üblich mit diversen Enthüllungen und Twists aufwartet, schreitet sowohl innerhalb als auch außerhalb der wöchentlichen Sitzungen nahezu linear voran. Die von den Gruppenmitgliedern erzählten Geschichten und die aktuelle Rahmenhandlung stehen dabei in ständiger Wechselwirkung miteinander. Als Erzähler fungieren übrigens abwechselnd die einzelnen Gruppenmitglieder (in dritter Person) und ein kollektives "Wir", das das sich langsam aufbauende Zusammengehörigkeitsgefühl unterstreicht.

    Die richtige Mischung

    Daryl Gregory ist ein Autor, dessen Werke sich oft nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen lassen. Sein Erstling "Pandemonium" etwa, an den mich "We Are All Completely Fine" stark erinnert, war Fantasy ebenso wie Alternativweltgeschichte, Mystery, Horror, Magic Realism oder auch psychologische Mainstreamliteratur. Und über alledem war es eine Meta-Betrachtung der Phantastik voller popkultureller Referenzen. Was auch in "We Are All Completely Fine" so stark spürbar ist wie in keinem anderen Werk seit "Pandemonium".

    Werfen wir doch nur einen Blick darauf, was genau den Mitgliedern von Dr. Sayers Therapiegruppe widerfahren ist: Harrisons Geschichte ist eine eindeutige Lovecraft-Hommage. Stans Horrortrip in den 70ern glich dem "Texas Chainsaw Massacre". Und Gretas als lustvoll erlebte rituelle Verstümmelung, durch die, wie wir bald erfahren werden, ein Portal in übernatürliche Sphären geöffnet werden sollte ... wer würde dabei nicht an Clive Barker denken? Es ist, als hätte die Geschichte des Horror-Genres Gestalt angenommen, um die ProtagonistInnen von "We Are All Completely Fine" zu attackieren.

    Yep, Gregory ist ein cleverer Autor. Aber zum Glück lässt er's nicht raushängen und die eigentliche Geschichte darunter leiden. Er erzählt mal witzig, mal einfühlsam, mal furchteinflößend - es ist diese Mischung, die seinen besonderen Stil ausmacht. Wirklich schade, dass statt "We Are All Completely Fine" das vergleichsweise konventionelle "Yesterday's Kin" von Nancy Kress den heurigen Nebula für die beste Novelle eingeheimst hat. Aber sei's drum. Sowohl Gregorys Novelle als auch sein Roman "Harrison Squared" lassen genug offene Enden übrig, um jederzeit weitere Prequels, Sequels und sonstige Ableger folgen zu lassen - und damit weitere Preiskandidaten.

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