Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
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    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

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    coverfotos: tor books/titan books

    Daryl Gregory: "Harrison Squared"

    Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, Tor Books oder
    Broschiert, 352 Seiten, Titan Books, jeweils 2015

    Daryl Gregory gehört zusammen mit Lavie Tidhar und Adam Roberts zu einem kleinen Grüppchen dankenswerter Autoren, die einerseits hochproduktiv sind (pro Jahr mindestens ein neuer Roman, gerne auch mehr) und andererseits stets das Qualitätslevel halten. Vieles ist ausgezeichnet, nichts sinkt jemals unter die "Lesenswert"-Schwelle. Im vergangenen Jahr bescherte uns Gregory den Designerdrogen-für-alle-Thriller "Afterparty". Und kaum haben wir den verdaut, legt er mit "Harrison Squared" etwas vollkommen anderes nach: ein vergnügtes Lovecraft-Pastiche.

    Was es mit dem Titel auf sich hat

    Hauptfigur des Romans ist der aus einer Wissenschafterfamilie stammende Harrison Harrison ... darum sein Spitzname "Harrison zum Quadrat" / "Harrison Squared" bzw. H2, wie ihn seine Mutter liebevoll nennt ("It was the kind of humor that scientists found hilarious."). Als Harrison drei Jahre alt war, verlor er in demselben Bootsunfall, bei dem sein Vater starb, ein Bein. Er hat von damals noch dunkle Bilder von Tentakeln und Zähnen im Kopf, tut dies aber als konstruierte Erinnerung ab, die seiner Popkultur-Sozialisierung geschuldet sei.

    ... zumindest bis er, mittlerweile 16 geworden, im Schlepptau seiner Mutter an die US-Ostküste kommt, wo die Meeresbiologin die Ausbreitung des Koloss-Kalmars erforschen will. Der kleine Ort in Massachusetts, an dem sich die beiden für ein paar Monate niederlassen, trägt in schöner Lovecraft-Kondensierung den Namen Dunnsmouth. Und ist derart aus der Zeit gefallen – Handys wollen hier einfach nicht funktionieren -, dass er seinem Namen auch alle Ehre macht.

    Nie mehr Schule!

    Harrison hat das Glück oder Pech, dass das düstere Epizentrum von Dunnsmouth zugleich seine tägliche Anlaufstelle wird: die örtliche Schule. Die Dunnsmouth Secondary ist ein labyrinthischer Klotz voller bleicher, gleichgeschalteter Kinder, die fremdartige Choräle anstimmen und sich in einer geheimen Zeichensprache unterhalten, und mit einem Schulpersonal, das sich so seltsam benimmt wie die Mitglieder der Addams Family. Harrison tippt auf Inzucht-Folgen und denkt unwillkürlich an dasjenige Merkmal, das klischeemäßig für Inzucht steht: Schwimmhäute zwischen den Zehen ... Mit Blick darauf, wessen Werk Gregory hier bearbeitet, wirkt dieser Gedanke natürlich extrakomisch.

    Apropos Wasser: Der Schwimmunterricht findet in einer riesigen Kaverne unter dem Schulgebäude statt, im Biologieunterricht werden Frösche nicht seziert, sondern wiederbelebt, und auf dem Lehrplan stehen Themen wie Kryptozoologie, nicht-euklidische Geometrie und historische Naturkatastrophen. Die Dunnsmouth Secondary könnte ein Nerd-Paradies sein, wenn sie bloß nicht so düster wäre.

    Nur keine Angst

    Gregory vergisst keineswegs auf den Gänsehautfaktor. Harrisons Mutter verschwindet auf dem Meer und wird für tot gehalten. Zudem tritt mindestens ein wirklich gruseliges Wesen auf den Plan. Aber die meisten Begegnungen mit dem Übernatürlichen laufen hier alles andere als eldritch ab: Harrison trifft zum ersten Mal auf einen waschechten Fischmenschen, als ihm dieser ein Comicheft klaut – soviel zum Thema Dwellers of the Deep. Und er freundet sich mit einer weiteren Figur an, die erst "The Sixth Sense"-mäßig spät und in witziger Weise als Geist enttarnt wird.

    Überhaupt pflegt Gregory einen recht lockeren Umgang mit den Geschöpfen der dunklen Phantastik – wobei er sich auch nicht ausschließlich auf Lovecraft beschränkt. Im Roman sind verschiedenste mythologische Verweise versteckt – so finden sich beispielsweise die altgriechischen Graien als Köchinnen in der Schulkantine wieder. Viel Spaß bei der Suche nach weiteren Easter Eggs!

    Dass man trotz Spannungselementen beim Lesen nicht gerade vor Angst durchgeschüttelt wird, liegt vor allem an Harrison selbst, der als sarkastischer Ich-Erzähler dem Unheimlichen meist die Spitze nimmt. Für zusätzliche Screwball-Comedy-Dialoge sorgt Harrisons nachträglich angereiste Tante Sel; ein unsinkbares Upper-Class-Schlachtschiff, in dessen Kielwasser so ziemlich jeder ins Trudeln kommt: Mr. Waughm held out his hand to Aunt Sel. "It was such a pleasure to meet you," he said. She patted his wrist. "I'm sure it was," she said.

    In Relation zum übrigen Werk

    "Harrison Squared" zeigt einige Anklänge an Gregorys älteren Roman "The Devil's Alphabet". Allerdings wuchsen dort neue evolutionäre Zweige der Menschheit in einem etwas ernsteren Umfeld heran. In "Harrison Squared" hingegen ist alles bewusst light gehalten. Was man auch als typisches Young-Adult-Element sehen könnte. Für eine Einordnung als YA spricht auch die Handlung um einen jugendlichen Protagonisten, der 1) seine größte Angst (nämlich die vor dem Meer) überwinden muss, um 2) zum Helden zu werden, wenn er seine Mutter retten will, und 3) sich dafür mit anderen Jugendlichen zusammentut. Ein Rezensent hat "Harrison Squared" einen gewissen Fünf-Freunde-Vibe zugeschrieben, was durchaus seine Berechtigung hat. Auf jeden Fall ist der Roman sehr vergnüglich zu lesen – und zumindest eine Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken, bis Gregory wieder etwas Gewichtigeres raushaut.

    Eines noch zum Abschluss: Obwohl "Harrison Squared" ein eigenständiger Roman ist, handelt es sich gewissermaßen um ein Prequel: Denn zwischen dem eingangs erwähnten "Afterparty" von 2014 und diesem Buch veröffentlichte Daryl Gregory noch einen Roman; er ist wie gesagt äußerst produktiv. "We Are All Completely Fine" dreht sich um eine Therapiegruppe, deren Mitglieder ihre ganz speziellen Dämonen mit sich herumtragen – und einer von ihnen ist der erwachsene Harrison. Mehr dazu auf der nächsten Seite – dass am Ende von "Harrison Squared" ein paar Dinge offen bleiben, wird durch das Sequel allerdings auch nicht erklärt. Vielleicht kommt da ja noch mehr.

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