Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
    57 Postings

    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

    Bild 13 von 13
    coverfotos: ehapa

    Enki Bilal: "Die Farbe der Luft"

    Graphic Novel, gebundene Ausgabe, 104 Seiten, € 25,70, Ehapa Egmont 2015 (Original: "La couleur de l’air ", 2014)

    "Nicht nach Erklärungen suchen", hieß es im Auftaktband von Enki Bilals jüngster Trilogie, mit der uns der serbisch-französische Comic-Künstler einen einzigartigen surrealen Trip zum Ende und Neuanfang der Welt beschert. Bilal, der sich einst mit "Die Geschäfte der Unsterblichen" für immer in die Herzen von SF-Comicfans gezeichnet hat, vollendet mit dem nun auf Deutsch erschienenen Abschlussband der Trilogie, "Die Farbe der Luft", ein weiteres Wunderwerk.

    Der Anfang

    Die Saga begann 2009 mit "Animal'z". Wir betreten darin die Welt nach dem Blutsturz, einer umfassenden globalen Veränderung der Natur: Tiere fliegen durch die Luft, bizarre Wetterphänomene führen zu ebenso bizarren Toden, die Geographie verschiebt sich. Die Erde ist dabei, sich komplett umzukrempeln – und das ist durchaus wortwörtlich zu verstehen. Bilals ProtagonistInnen nehmen all das in gewohnt lakonischer Weise hin. Wir begleiten ein kleines Grüppchen Überlebender, das per Jacht zu einer angeblichen Sicherheitszone unterwegs ist. Allesamt sind sie reich und/oder gebildet – bis auf einen namenlosen Mann, der sich zu Beginn spektakulär aus einer Delfinhaut schält (für so etwas trägt man ein Mutationspack mit sich). Er war einst für biotechnologische Experimente rekrutiert worden und lässt sich – nachdem sein Blick zufällig auf ein Gemälde gefallen ist – als Francis Bacon ansprechen.

    Rund um die Veröffentlichung von "Animal'z" war viel zu lesen, das man durchaus abschreckend finden konnte: Von wegen Bilal hätte seinen Stil komplett geändert und so. Ist aber halb so wild. Tatsächlich ist Bilal für diese Trilogie sehr reduziert vorgegangen, hat zum Kohlestift gegriffen und fast ganz auf Farbe verzichtet. Graues Wabern zieht sich durch die Seiten, als wär's der Staub, den die Erde bei ihrer Verpuppung abschüttelt, und nur vereinzelt schimmert Rot als farblicher Akzent durch. Die letzte Farbe, die man noch sieht, wenn man in die Tiefe taucht. Was aber genau gar nichts am Gesamtbild ändert: Man schlägt den Band auf und sieht auf den ersten Blick, dass er von Bilal kommt. Die Inszenierung, die markanten Jugendstilgesichter, das ist alles genauso unverwechselbar wie ein einziger Ton aus der Kehle von Björk.

    Das Zwischenspiel

    Als 2011 der noch grauere zweite Band "Julia & Roem" erschien, brachte er erst mal eine Enttäuschung für diejenigen, die zwei Jahre lang gespannt darauf gewartet hatten, wie es mit Bacon und Kim, Ana und dem Weltenbummler Lester Outside weitergehen würde. Die kommen hier alle nicht vor. Im Mittelpunkt steht stattdessen Lawrence, ein multikonfessioneller Militärgeistlicher mit Mad-Max-Anmutung, der in der Wüste zwei Verdurstende aufgabelt (einer davon Roem) und sie zu einem festungsartigen Hotel mitnimmt, in dem sich eine kleine Patchworkfamilie aus der Geldaristokratie verschanzt hat.

    Die Namen aller Beteiligten in diesem vergnüglichen Zwischenspiel sind Abwandlungen von Charakteren aus "Romeo und Julia". Und nicht nur das, bald beginnen sie auch Shakespeare zu zitieren und nachzuleben, als wäre der Barde der Genius loci des Hotels und in sie gefahren, um sein großes Drama in der Wirklichkeit aufzuführen. Was auch heißt, dass es Mord und Totschlag geben wird. So kommt die größte (und schwülstigste) Liebesgeschichte der Welt noch einmal zu Ehren – geerdet allerdings durch trockene Ironie. Die Schlussworte sind herrlich!

    Mutter Natur versucht was Neues

    Und jetzt also das Grande Finale. Nicht schrecken, in "Die Farbe der Luft" wird zunächst noch eine neue Gruppe von Überlebenden eingeführt. Aber diesmal switcht Bilal fast im Seitentakt zwischen den ProtagonistInnen aus den Bänden 1 und 2 und den Neuen hin und her – Letztere reisen übrigens an Bord eines "geerbten" Luftschiffs voller Atommüll und Sprengladungen, womit offenbar Terroristen einen Anschlag verüben wollten. Doch dazu kam es nie – in erster Linie, weil längst die Erde selbst direkt ins Geschehen eingreift. Sie ist es auch, die unsere drei Flüchtlingsgruppen nun zu einem von ihr festgelegten Ziel lenkt und sich dabei verstärkt von ihrer hilfreichen Seite zeigt. Was als Weltuntergangsszenario begann, wird mehr und mehr zu dem, worauf Bilal mit seiner metaphorischen Trilogie wirklich abzielte: einem fundamentalen Wandel der menschlichen Gesellschaft.

    "Die globale Situation ist nicht mehr intellektuell zu verkraften", stöhnt eine der Figuren in "Die Farbe der Luft". Wie wahr – eines der Leitmotive der Trilogie, nämlich dass die Figuren ständig große Denker zitieren, gerät nun endgültig zum absurden Theater. Schon in Band 1 trat mit einem Lone Rider auf einem Zebroiden eine Nebenfigur auf, die ständig Philosophensprüche im Mund führte. In Band 2 dann die Shakespeare-Orgie – und nun reicht es schon, mit dem Luftschiff in eine offenbar intellektuell aufgeladene Wolke einzufliegen, um von ihr den Zitatenschatz der Menschheit eingeimpft zu bekommen. Solcherart "aufgetankt", geben die Reisenden Aphorismen wieder, als würden sie ein auswendig gelerntes Kunststück absolvieren oder wären hirnlose Abspielapparate. Darauf folgt wie zwangsläufig eine Phase des Schweigens und Vergessens: Während die Erde draußen Müll, Abgase und das gesamte weltweite Waffenarsenal buchstäblich verschluckt, entsorgt parallel dazu die verbliebene Menschheit ihren Geistesmüll.

    Diese Stoßrichtung Bilals könnte man jetzt durchaus hinterfragen. Und zugegeben, die letzten Seiten und die darauf präsentierte Utopie sehen etwas nach einer Esoterik-Broschüre aus. (In Farbe! Der dritte Band bringt die Farben zurück!) Doch nimmt die staunenswerte allerletzte Seite dem Kitsch wieder die Spitze – ein letztes Mal setzt's hier noch einen Schuss Ironie. Und davon abgesehen: Rein intellektuell darf man an diese Trilogie ohnehin nicht herangehen, siehe das Zitat oben. Dafür ist sie – im edlen Großformat – ein überwältigendes visuelles Erlebnis. Der Trip des Jahres!

    Stay tuned

    Und wie geht's nächstes Mal weiter? "Julia & Roem" bringt mich auf die Idee, ein paar Romane zu versammeln, die sich mit dem Raumschiff Liebe durch SF-Welten bewegen. Aber die Auswahl der nächsten Rundschau hängt auch ein bisschen davon ab, was als nächstes an Büchern eintrudeln wird. So viel Verlockendes kommt derzeit raus: Neues von Clive Barker, Zachary Jernigan, China Miéville, ein neuer "Koko"-Roman und und und. Das wird ein leseintensiver Sommer. (Josefson, 20.6.2015)

    Share if you care.