Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
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    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

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    coverfoto: baen

    Eric Flint et al: "By Tooth and Claw"

    Broschiert, 309 Seiten, Baen Books 2015

    Von Baen habe ich relativ selten Bücher in der Rundschau, weil bei dem auf Military-SF spezialisierten Verlag vieles naturgemäß in die gleiche Richtung geht. Ob nun Menschen auf Alien-Imperien treffen oder eine moderne Stadt ins 17. Jahrhundert katapultiert wird - egal, wie kreativ die Grundidee, letztendlich läuft doch wieder alles auf ein kriegerisches Actionspektakel hinaus. Das ist hier nicht anders, aber in dem Fall konnte ich der Prämisse einfach nicht widerstehen.

    Und die sieht so aus: Der berühmt-berüchtigte Asteroid ist vor knapp 66 Millionen Jahren doch nicht auf der Erde eingeschlagen, und darum haben nicht nur die Vögel, sondern auch die übrigen Dinosaurier überlebt. Wer spekulative Biologie mag, dem sei an dieser Stelle Dougal Dixons "The New Dinosaurs" von 1988 empfohlen, in dem der Geologe und Paläontologe dieselbe Ausgangsidee zu einem Bildband im Stil von Brehms Tierleben umgesetzt hat: Sehr schön und anders als "By Tooth and Claw" soweit möglich auf streng wissenschaftlichen Kriterien basierend.

    Jellicle Mrem

    Auch im Baen-Szenario haben die Dinos also überlebt, sich weiterentwickelt, und eine Spezies - Liskash genannt - hat sogar eine bronzezeitliche Zivilisation aufgebaut. Die kleinen Fürstentümer der telepathisch begabten Liskash sind aber nicht nur untereinander verfeindet, sondern haben überdies einen gemeinsamen biologischen Konkurrenten. Denn auch die Säugetiere haben mit den Mrem eine intelligente Spezies hervorgebracht: Katzenabkömmlinge, die im Gegensatz zu den sesshaften Liskash als Nomaden auf mittelsteinzeitlichem Niveau leben.

    ... und die mich unwillkürlich an die Kzin aus Larry Nivens "Known Space" erinnern, erst recht beim Blick auf das Buchcover. Auch die "Man-Kzin-Wars"-Reihe ist ja bei Baen zuhause ... hm, wie eigentlich auch die beliebten Treecats aus David Webers "Honorverse". Wer hätte gedacht, dass Military-SF-Schreiber die gleichen Katzennarren sind wie die durchschnittliche Romance-Autorin? In Form einer am Rande erwähnten Figur namens Rantan Taggah ist hier sogar eine Hommage an "Cats" enthalten ("the Rum Tum Tugger is a curious cat, schubidu ...").

    Leider kein Kontext

    Ins Rollen kommen die Dinge auf dieser alternativen Erde, als sich die Umweltverhältnisse ändern und weite Landstriche überflutet werden. Migrationsströme und Kriege sind die Folge. Aus diesem Grundszenario wurde ein Shared Universe entwickelt, zu dem verschiedenste Baen-AutorInnen Erzählungen beitragen. Hier sind es vier Novellen. Vor ein paar Jahren gab es mit "Exiled: Clan of the Claw" schon einmal einen vergleichbaren Band, an dem unter anderem John Ringo und Harry Turtledove beteiligt waren.

    Womit ich schon beim ersten Kritikpunkt angelangt wäre: Es wird zuviel als selbstverständlich vorausgesetzt. Wo und wann sind wir hier? Eine Karte sucht man leider ebenso vergeblich wie einen einleitenden Text zu den Grundzügen dieser Welt. Welche Art Nutztier ist ein arx? Oder ein krelprep? Würden wir es wiedererkennen, weil es zu "unserer" Evolutionslinie gehört, oder ist es ein domestizierter Dino? Dass der Band keinerlei Hintergrundinfos zu diesem Shared Universe bietet, ist nicht nur enttäuschend, sondern auch seltsam - immerhin ist es einer der Hauptanreize von Alternate-History-Szenarien, Vertrautes in neuem Kontext anzutreffen. Im Grunde könnte sich all das hier genausogut auf einem anderen Planeten abspielen. Unterm Strich ist "By Tooth and Claw" also ein reines Fantasyszenario - aber zur Abwechslung immerhin Fantasy ohne Menschen (erinnert sich noch jemand an den "Dunklen Kristall"?).

    Die einzelnen Erzählungen

    Bevor ich zum Highlight des Bands komme, erst noch die drei anderen Novellen im Schnelldurchlauf. Sie stammen zwar von prominenten AutorInnen, die dabei jedoch allesamt unter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Von Fantasy-Autorin Mercedes Lackey etwa, der Schöpferin des "Valdemar"-Universums, habe ich schon deutlich Besseres gelesen. In "Bury My Heart" schildert Lackey zusammen mit Cody Martin die Flucht eines Mrem-Clans vor dem Wasser und ein Scharmützel mit einem Liskash-Trupp. All in all, rather underwhelming. Eine der Figuren heißt übrigens Arschus. Ob das bei einer Übersetzung ins Deutsche wohl so bliebe?

    S. M. Stirling ist ein Spezialist für Alternativweltgeschichten ("Draka", "Emberverse"), kommt in der Kürze von "A Clan's Foundation" aber auch nicht so recht in Fahrt. Die Erzählung dreht sich um eine Gruppe entlaufener Mrem-Sklaven, die auf der Flucht vor ihren ehemaligen Liskash-Herren zu einem neuen Clan zusammenwachsen. Bleibt zuletzt noch "Feeding a Fever" von SF-Autorin Jody Lynn Nye, das im Wording nicht so ganz zu den übrigen Erzählungen passt (bei Shared Universes ist sowas praktisch unvermeidlich) und schildert, wie ein schlauer Mrem einmal mehr die tumben Liskash austrickst. Mittels chemisch-biologischer Kriegsführung übrigens.

    Ein Highlight gibt es doch

    Das war alles in allem gar nicht so gut und ich hätte "By Tooth and Claw" schon als totalen Fehlkauf verbucht, wenn der Band mit "Sanctuary" von Eric Flint (Schöpfer von unter anderem der populären "1632"-Reihe) nicht doch noch eine wirklich lesenswerte Geschichte enthielte. Auch in "Sanctuary" wird geflüchtet, verfolgt und gekämpft, doch ist diese Erzählung deutlich komplexer angelegt. Zum einen formal, denn Flint schildert das Geschehen aus den Perspektiven von knapp einem Dutzend ProtagonistInnen, zwischen denen er wie in einem schnell geschnittenen Film herumswitcht - manchmal auch in derselben Situation, etwa mitten in einer Kampfszene. Zum anderen gewährt er uns damit Einblicke in die Gedankenwelt aller beteiligten Fraktionen, womit die Liskash endlich mal mehr sind als bloße Pappkameraden.

    In dieser Novelle - es ist zum Glück die mit Abstand längste Erzählung des Bands - überzieht ein Liskash-Fürst mit Expansionsgelüsten die Lande mit Krieg. Was dazu führt, dass ein von ihm besiegter Mrem-Clan ein unwahrscheinliches Bündnis mit einer religiösen Gruppierung der Liskash eingeht, die der Kriegsherr als nächstes Ziel ins Auge gefasst hat. Das Zusammenspiel der beiden Spezies mit ihren jeweiligen spirituellen Fähigkeiten mündet in eine unerwartete Synergie, die das Potenzial hat, die Welt dieses Shared Universe von Grund auf zu ändern. Was "Sanctuary" zugleich zu einer echten Geschichte macht, während die übrigen drei Erzählungen sich eher wie herausgelöste Romankapitel lesen. Flint hat sich auch als einziger detailliertere Gedanken zu kulturellen, religiösen und biologischen Unterschieden zwischen den Spezies gemacht, was die Geschichte deutlich aufwertet. Und endlich beschreibt hier auch mal einer die Welt dieses Shared Universe etwas konkreter. Zu bieten hat sie schließlich genug - von räuberischen Meeresechsen bis zu Riesenammoniten. Das gibt einen Showdown, der sich gewaschen hat!

    Bei einer etwaigen Wiederveröffentlichung würde sich "Sanctuary" als Einzelpublikation anbieten, den Rest kann man knicken. Wer von der Grundidee tapfere-Säugetiere-gegen-Dino-Zivilisation angetan ist, findet in Harry Harrisons "Eden"-Trilogie von 1984 bis '88 vermutlich die lohnendere Alternative.

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