Rundschau: Forentrolle im Fadenkreuz

    Ansichtssache9. Mai 2015, 17:40
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    Hässliche neue Medienwelten in aktuellen Science-Fiction-Romanen und ein ganz realer Rechtsputschversuch im SF-Genre

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    coverfoto: tor books

    Robert Charles Wilson: "The Affinities"

    Gebundene Ausgabe, 300 Seiten, Tor Books 2015

    Die schöne Welt der neuen Medien und sozialen Netzwerke war ja schon in den ersten beiden Büchern dieser Rundschau Thema. Jetzt kommt jemand, der das Ganze tatsächlich zu einem sciencefictionesken Szenario weitergesponnen hat: Robert Charles Wilson.

    Zugegeben, sein letzter Roman "Burning Paradise" war unterm Strich ein klein wenig enttäuschend. Andererseits hat sich der kanadische Autor mit Romanen wie "Spin" oder "Darwinia" mehr als genug Kapital für einen Vertrauensvorschuss erschrieben. Und den rechtfertigt er mit diesem Roman: Obwohl er im Grunde auf eines der klassischen Motive der Science Fiction - eine "neue Menschheit", die sich anschickt, die alte zu ersetzen - zurückgreift, gelingt es ihm, daraus eine Idee abzuleiten, die tatsächlich neu ist.

    Soziale Tiere finden ihre Herde

    Und Wilson braucht dafür weder eine genetische Mutation noch massiven Technologieeinsatz, sondern nur ... Soziologie und Systemtheorie. Im Roman ist von "Teleodynamik" die Rede; keine Eigenschöpfung, auch dieses Wort ist der realen Welt entnommen. Ausgehend von der in "The Affinities" mehrfach zitierten Prämisse, dass der evolutionäre Erfolg des Menschen auf seiner Fähigkeit zur Kooperation beruht, ist hier jemand auf den Plan getreten, der diese Fähigkeit optimiert. Der israelische Wissenschafter Meir Klein (der im Roman nur eine Nebenrolle spielt) hat Algorithmen entwickelt, mit denen sich Menschen zu für sie optimalen Gruppen zusammenfügen lassen, den Affinities.

    Anfangs wird dies als eine Art Dating-Agentur missverstanden, tatsächlich geht es um etwas ganz anderes. "Our evaluations look beyond race, gender, sexual preference, age, or national origin. Affinity groups aren't about excluding differences. They're about compatibilities that run deeper than superficial similarity", erklärt eine Mitarbeiterin des Unternehmens InterAlia, das Tests anbietet, in denen festgestellt wird, ob man sich für eine Affinity eignet. Jeder kennt den Effekt, wenn er jemand Neues trifft und es - auch in durchaus nicht-sexueller Weise - ganz einfach klick macht.

    Was im normalen Leben ein seltener Glücksfall ist, wird durch Kleins Algorithmen zur Garantie: Affine Menschen sind zwar nicht gleich, aber "polykompatibel". Sie verstehen einander besser als andere und können besser zusammenleben und -arbeiten als mit anderen. Und weil es verschiedene Formen optimaler Kooperation gibt, bilden sich insgesamt 22 Affinities mit durchaus unterschiedlichem Charakter heraus. Vorstellen muss man sich eine Affinity wie eine künstliche Ethnie, die über den ganzen Kontinent bzw. sogar Globus verteilt ist und sich in regionale Zweige (sodalities) und lokale Gruppen von etwa 30 Mitgliedern (tranches) gliedert. Übrig bleibt die große Restmenge derjenigen Menschen, die laut Test für keine davon geeignet sind. Das birgt sozialen Sprengstoff.

    Die Segregation beginnt

    Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans ist der aus New York State stammende Adam Fisk, der in Toronto Grafikdesign studiert - sehr zum Missfallen seines autoritären Vaters. Adam hat sich in seiner Familie nie sonderlich zuhause gefühlt. Entsprechend groß ist seine Freude, als InterAlia sein "Sozionom" (die soziologische Entsprechung seines Genoms, eine Art Karte seiner sozialen Interaktionen) auswertet und konstatiert, dass er zu Tau passt, einer der größten Affinities. Schon bald ist Adam in der lokalen Gruppe von Tau bestens vernetzt, zieht bei anderen Taus ein und fühlt sich in deren Haus von Anfang an heimischer, als es bei seiner Blutsfamilie je der Fall war.

    Einen ersten Vorgeschmack auf die Synergie, die zwischen den Taus wirkt, bekommen wir, wenn sie gemeinschaftlich einen Stalker verjagen. Obwohl hier sonnenklar ist, wem unsere Sympathie gilt, wirkt das doch schon ein kleines bisschen unheimlich. Dieses Gefühl steigert sich, wenn Adams neue Freundin Amanda zu Wort kommt, die ihm in Gedanken schon weit voraus ist. Ihre Loyalität gilt ausschließlich Tau: "These big abstractions - God and country and family. They used to have power over me, as if they were real and important. But they're not." Ist es nicht ein klassisches Sektenmerkmal, wenn die sozialen Beziehungen zu jeder anderen Gruppe gekappt werden? Amanda verwendet auch als Erste das abfällige Wort "tether" für alle Freunde und Familienangehörigen, die nicht zu Tau gehören - "tether" wie "Leine", weil es sich um lästige Anbindungen handle, von denen man nur eingeschränkt wird. Die Entwicklung der folgenden Jahre spiegelt sich auch darin wider, wie "tether" mit zunehmender Selbstverständlichkeit in Adams Sprachgebrauch einsickert.

    Die Gesellschaft verändert sich

    Seit den 70ern oder spätestens dem Cyberpunk der 80er Jahre haben wir uns an Zukunftsgesellschaften gewöhnt, in denen der Staat seine gesellschaftsgestaltende Macht an Wirtschaftskartelle verloren hat. Bei Wilson ist ein gänzlich neuer Player dabei, an den beiden anderen vorbei die Gesellschaft umzukrempeln. Das hat durchaus seinen Reiz - lieber Grassroots-Gruppen als skrupellose Konzerne, möchte man meinen. Aber so harmonisch das Leben innerhalb einer Affinity auch ist, nach außen wird's zunehmend problematisch.

    Denn die Affinities entwickeln sich mehr und mehr zu Parallelgesellschaften. Sie bauen ihre eigenen Finanz- und Gesundheitssysteme auf (Tau-Spitäler etwa behandeln keine Außenstehenden). Von einer eigenen Polizei und einem eigenen Parlament ist die Rede, und bald wird man auch ein eigenes Sicherheitssystem brauchen, denn ein gewaltsamer Konflikt zwischen verschiedenen Affinities und/oder dem Rest der Gesellschaft scheint immer unvermeidlicher. Jahrzehnte nach der Gründung der Affinities bezeichnet eine Außenstehende sie als circled wagons in a hostile desert.

    Wirkt nach

    Der Roman enthält wieder einige Wilson'sche Trademarks: Von einer spannenden "Big Idea" und der glasklaren Sprache abgesehen, ist dies zum einen der Umstand, dass sich das Geschehen über einige Jahrzehnte erstreckt. Und zum anderen, dass das große Rahmengeschehen auf die persönliche Ebene heruntergebrochen wird. Viel stärker noch als "Spin" ist "The Affinities" eine Geschichte um Familie und Freundschaft, während das globale Szenario im Hintergrund bleibt - diesmal vielleicht mehr, als dem einen oder der anderen lieb ist. Und obwohl die Klimax des Romans unter anderem mit einem weltweiten Stromausfall und einem möglichen Nuklearangriff auf Indien aufwartet, läuft die eigentliche Entscheidung auf einen Loyalitätskonflikt Adams hinaus: Affinity versus Familie und Freunde.

    "The Affinities" hat bei mir schon nach einigen Seiten dieses ganz bestimmte Glücksgefühl ausgelöst, das auf die Gewissheit hinausläuft, ein gutes Buch lesen zu werden. Und so ist es auch gekommen. Wie gesagt: Man muss Wilsons Entscheidung akzeptieren, das Globale (= das eigentlich SFische) zu Gunsten des Persönlichen hintanzustellen. Aber dafür sind wir mittendrin in Adams seelischem Zwiespalt und dürfen uns selbst die Frage stellen, ob wir eher das Gute oder das Schlechte an dieser neuen Form der Wahlfamilie sehen wollen. Die Affinities werden weder glorifiziert noch dämonisiert, ihre Vor- und Nachteile erörtert Adam im Gespräch mit In- und Outsidern, wie es anschließend die LeserInnen tun können und höchstwahrscheinlich auch tun werden. Ein spannendes Buch, das zum Diskutieren anregt - yep, Wilson is back.

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