Rundschau: Forentrolle im Fadenkreuz

    Ansichtssache9. Mai 2015, 17:40
    75 Postings

    Hässliche neue Medienwelten in aktuellen Science-Fiction-Romanen und ein ganz realer Rechtsputschversuch im SF-Genre

    Bild 5 von 12
    coverfoto: penhaligon

    George R.R. Martin, Elio M. Garcia Jr. & Linda Antonsson: "Westeros. Die Welt von Eis und Feuer. Game of Thrones"

    Gebundene Ausgabe, 336 Seiten, € 30,90, Penhaligon 2015 (Original: "The World of Ice & Fire: The Untold History of Westeros and the Game of Thrones (A Song of Ice and Fire)", 2014)

    Feeeeeeett. Ich dachte, das wäre einfach so'n Bildband. Stattdessen handelt es sich um eine wahre Enzyklopädie, ein illustriertes historisches Kompendium zur Serie. Zur Buchserie, wohlgemerkt. Stills vom Set der TV-Serie darf man sich hier nicht erwarten.

    Nicht weniger als 27 IllustratorInnen haben hier mitgearbeitet, darunter so prominente Namen wie Michael Komarck oder der nicht zuletzt als Tolkien-Illustrator bekannte Ted Nasmith. Zu meinen persönlichen Favoriten zählen auch Jordi González Escamilla von wegen Detailschärfe und die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Douglas Wheatley - aber das ist rein subjektiv. Objektiv lässt sich aber feststellen, dass die Vielzahl an Mitarbeitenden einen positiv-paradoxen Effekt hat. Bei nur zweien oder dreien neigt man unwillkürlich dazu, sie nach persönlichem Geschmack in "die Guten" und "die weniger Schönen" einzuteilen. Aus dem großen Kollektiv hingegen ergibt sich in Summe schon viel eher wieder ein einheitlicher Gesamtlook. Ach ja, und auch die Karten von Michael Gellatly können was - auch wenn bei Westeros' Nachbarkontinent Essos wie üblich das Meiste der Vorstellung überlassen bleibt.

    Mehr als nur ein Nachschlagewerk

    Aber der wunderschön gemachte Band ist auch in Hinblick auf das geschriebene Wort nicht zu verachten. Trotz der unzähligen Farbillustrationen - viele davon ganzseitig - kommt bei über 300 Seiten von 30 x 22,5 Zentimeter Größe auch ein ganz gewaltiger Textkorpus zusammen. Für dieses Buch muss man sich eindeutig Zeit nehmen, will man es nicht ausschließlich als Nachschlagewerk nutzen.

    ... und das wäre schade, weil sich die liebevolle Gestaltung auch auf die Historiographie selbst erstreckt. Denn es ist nicht etwa George R. R. Martin oder irgendein neutrales Abstraktum, die uns hier die Geschichte von Westeros nahebringen. Nein, es ist ein zur Zeit von König Robert Baratheon lebender Maester mit Namen Yandel. Und diese In-Universe-Perspektive hat Auswirkungen. Wie etwa: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing - also schleimt Yandel seinen Brötchengeber an ("nur wenige waren je so freigiebig und barmherzig wie Robert Baratheon") und prognostiziert ihm in einem eigenen Kapitel ("Die glorreiche Herrschaft") ein Goldenes Zeitalter. Wir wissen ja, was draus geworden ist.

    Darüberhinaus befindet sich Yandel trotz aller Belesenheit auf dem Wissensstand, den man in Westeros vor dem Beginn der Romanserie hatte - was ihn zu einigen Fehlannahmen veranlasst - etwa dass Riesen ausgestorben seien -, die er aber als ebenso unumstößliche Fakten präsentiert wie die Punkte, in denen er tatsächlich recht hat. Versierte Fans der Buch- und TV-Serie können das als Insidergags genießen. Es ist aber auch praktisch für Neulinge, da sie sich hier auf den Status quo ante bringen lassen können, ehe sie mit der eigentlichen Serie starten. Am Ende kommt allerdings ein ganz kurzes Nachwort, das ebenso wie die Ahnentafeln der Herrschergeschlechter von Westeros auf dem aktuellen Stand ist.

    Martin spricht durch Yandel

    Mit dem quellenkritischen Maester Yandel haben wir einen ausgesprochen vergnüglich zu lesenden "Autor". Er klagt über den mangelnden Erhaltungszustand historischer Schriftrollen, ätzt über andere Vertreter seiner Zunft und beschwert sich über zweifelhafte Zeugnisse. Darüberhinaus kann er es sich nicht verkneifen, plumpen Heroismus (außer natürlich wenn es um Robert Baratheon geht) auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Formulierungen wie "die Schlacht am Königsweg, von den Teilnehmern als 'das Schlammige Durcheinander' bezeichnet" spiegeln Martins Linie ironischer Demystifizierung wider. Siehe auch diese wunderbare Passage über das vermeintlich überirdische Erscheinungsbild der Valyrer:

    Die große Schönheit der Valyrer - sie hatten Haar wie helles Silber oder Gold und Augen, die in vielen verschiedenen Violetttönen leuchteten, einmalig unter allen Völkern der Welt - ist weithin bekannt und galt oft als Beweis dafür, dass in valyrischen Adern tatsächlich besonderes Blut geflossen sei, was sie von geringeren Menschen unterschied. Doch manche Maester verweisen darauf, dass man bei Tieren durch gezielte Zuchtwahl erstaunliche Ergebnisse erzielen kann und dass abgeschottete Völker oft bemerkenswerte Abweichungen von dem aufweisen, was als üblich gilt.

    Der Aufbau

    Der erste Abschnitt des Bands, "Die Geschichte des Altertums", reicht von den ältesten Zivilisationen der Welt über die diversen Einwanderungswellen in Westeros bis zur Eroberung durch die Targaryens. Das liest sich ziemlich ähnlich wie das "Silmarillion". Und glaubt man hier bereits, mit einer nicht verarbeitbaren Menge an Namen (von Völkern, Personen, Orten und Schlachten) geflutet zu werden, so ist dies doch erst eine lockere Einstimmung auf das, was danach folgen wird.

    Der zweite Abschnitt ist den diversen Targaryen-Königen bis zu Roberts Revolution gewidmet. Es folgen ausführliche Vorstellungen der sieben Königslande - wieder von der Urgeschichte bis zur Gegenwart reichend - inklusive Geographie und regionaler Besonderheiten: Eine Art Reiseführer durch Westeros, der im letzten Abschnitt des Bands noch durch die benachbarten Inseln und Kontinente (Mehrzahl!) sowie jene Regionen ergänzt wird, die man nur noch aus zweifelhaften Gerüchten kennt.

    Un-glaub-lich viele Namen

    Und in all diesen Teilen geht's rund. Es wird nicht nur jeder genannt, der mal in einer Schenkenschlägerei einem anderen eins mit dem Schwert übergezogen hat, weil er dessen Cousine geschwängert hat. Wir erfahren auch den Namen der Cousine und was später aus ihrem Kind geworden ist. Ab Abschnitt 2 enthält der Band so unfassbar viele Namen, als wäre er das Telefonbuch - respektive das Briefrabenhalterverzeichnis - von Westeros und Essos.

    Ich kann nicht einmal im entferntesten erahnen, wie viele der hier Genannten auch schon in einem der Romane erwähnt worden sind - das zu erkennen, obliegt Hardcore-Fans. Ich bin schon froh, im historischen Mahlstrom eine Erwähnung von Dunk aus "Der Heckenritter von Westeros" identifiziert zu haben. Aber eines ist sicher: Wenn all diese Namen kanonisch sind, muss Martin daheim ein gigantisches Privatwiki angelegt haben, um sich nicht in Widersprüche zu verheddern. Dann braucht man sich auch nicht wundern, warum es immer so lange dauert, bis ein neuer Roman fertig wird. Da ist es schon eher ein Mirakel, dass er sich überhaupt noch etwas zu schreiben getraut.

    Insgesamt also: Eine große Empfehlung für alle Fans von "Das Lied von Eis und Feuer" und solche, die es noch werden wollen. Manisch, magisch, majestätisch. Und bluttriefend bis zum Gehtnichtmehr - wie Geschichtsbücher halt so sind.

    weiter ›
    Share if you care.