Rundschau: Forentrolle im Fadenkreuz

    Ansichtssache9. Mai 2015, 17:40
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    Hässliche neue Medienwelten in aktuellen Science-Fiction-Romanen und ein ganz realer Rechtsputschversuch im SF-Genre

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    coverfoto: septime

    James Tiptree Jr.: "Yanqui Doodle"

    Broschiert, 512 Seiten, € 23,90, Septime 2015

    Ich freue mich bekanntgeben zu dürfen, dass ich mich geirrt habe. Beim vorangegangenen Band der James-Tiptree-Jr.-Werkschau von Septime, "Sternengraben", hatte ich noch betrauert, dass sich darin der schriftstellerische Niedergang von Tiptree bzw. Alice B. Sheldon in den letzten Jahren ihres Lebens zeige. Doch handelte es sich bei diesen Erzählungen aus der Mitte der 80er Jahre zwar (für Tiptree-Verhältnisse) um einen Tief-, aber nicht um den Endpunkt.

    Dieser Band hier umfasst nämlich noch spätere Werke - zugleich sind darunter die letzten, die Sheldon vor ihrem erweiterten Suizid 1987 geschrieben hat. Zu meiner Überraschung habe ich einige davon als Erzählungen wiedererkannt, die ich vor einer halben Ewigkeit schon einmal gelesen und nicht als Spätwerke erkannt hatte (genauer gesagt hatte ich damals auch noch kein Interesse an Chronologien). Ich hätte sie eher in den frühen 70ern, also dem Beginn von Tiptrees großer Zeit, eingeordnet. Und sie gehörten für mich immer ganz selbstverständlich zum "Tiptree-Kanon" - also einem Werk, dessen Qualitäten mich dazu gebracht haben, Tiptree neben Cordwainer Smith ins Regal mit den LieblingsautorInnen zu stellen.

    Lesenswertes aus den letzten Jahren

    Ein solches Beispiel wäre etwa die beklemmende Titelgeschichte "Yanqui Doodle": In irgendeinem lateinamerikanischen Land, in dem die USA einen Putsch gegen die linke Regierung organisiert haben, findet ein erbarmungsloser Bürgerkrieg statt. US-Soldat Don Still wurde verwundet und liegt nun in einer Entzugsklinik - denn die GIs werden unter enthemmende Drogen gesetzt, ehe sie in den Kampf ziehen. Als die Wirkung der Mittel langsam abklingt, steigen in Don nicht nur die Schmerzen hoch, sondern auch Erinnerungen an die Massaker, die er verübt hat. Also will er unbedingt zur Front zurück - dorthin, wo es die schönen Drogen gibt. Mark Siegel, ein Freund Tiptrees aus ihren späten Jahren, zitiert im Nachwort aus Briefen der Autorin: "Ich bin eine geladene Waffe, ich bin eine geradezu schmerzhaft geladene Waffe, gänzlich außerstande, diejenigen vor den Lauf zu bekommen, die meine Feinde sind." Don wird seinen Feind finden.

    Ebenfalls im Gedächtnis geblieben ist mir "Oh kehre, selige Zeit, mir zurück" ("Backward, Turn Backward"), eine Quasi-Zeitreisegeschichte mit dem Charakter einer biblischen Parabel. Eine neue Technologie ermöglicht einen Besuch in der Zukunft - und zwar in der Form, dass man mit Geist und Körper seines späteren Ichs für einige Zeit den Platz tauscht (das zukünftige Ich erinnert sich natürlich an den Trip und freut sich bereits auf seinen "Urlaub in der Vergangenheit"). Die ProtagonistInnen besuchen eine dystopische Zukunft, in der ein normales Leben nur noch in Gated Communities möglich ist; vor den Mauern herrschen Gewalt und Anarchie. Aber es ist nicht das, was die ambitionierte Diane schaudern lässt - sondern der Umstand, dass sie ein Leben in der Mittelklasse führen wird. Und obwohl sie von ihrem zukünftigen Ich weiß, dass ihr Jahrzehnte eines glücklichen Lebens bevorstehen würden, droht dieser Umstand sie zu einem folgenschweren Entschluss zu verleiten.

    Die Engel im Himmel und im Weltraum

    Kürzer, aber ebenfalls voller Tiptree-Feeling sind zwei Erzählungen mit metaphysischem Charakter. Als Gott starb, überlebte ihn der Teufel noch eine Weile, lautet der sehr schöne Eröffnungssatz von "Unser Dämon vor Ort" ("Our Resident Djinn"). Nach Gottes Tod steigt Satan zum Himmel empor (kurze Lunchpause unterwegs inklusive) und baldowert mit Petrus die Nachlassverwaltung aus. Ihr Plan: Der Himmel soll abtransportiert und im Vorhof der Hölle wieder aufgebaut werden. Die allegorische Erzählung glänzt mit Humor - allerdings begegnet der nette Satan am Ende dem, was nach Himmel und Hölle kommen wird. Und das lässt ihn frösteln.

    In "Zum Zweiten" begegnen Astronauten auf dem Mars Besuchern aus einem anderen Sonnensystem und reisen mit diesen zur Erde zurück. Die Angli sehen zwar aus wie fliegende Kraken, sind aber so freundlich und hilfsbereit, dass man sie bald wie Engel verehrt ... womit man auch nicht ganz daneben liegt, wie sich noch zeigen wird. Echte lebende Götter werden hier ebenso geboten wie die Lösung des Überbevölkerungsproblems (beides freilich ein bisschen anders, als man es sich vorgestellt hätte). Womit auf der Erde allerdings keiner gerechnet hat, ist der Umstand, dass die sympathischen Aliens eines Tages einfach wieder abreisen könnten; darum auch das wunderbare Wortspiel im Originaltitel "Second Going".

    Weiters im Angebot

    "Komm, leb mit mir" ("Come Live with Me") kehrt einen altgedienten SF-Plot ins Positive: Raumfahrer landen auf einem fremden Planeten und treffen dort auf Symbionten, die menschliche Körper übernehmen und dadurch sogar Tote wiedererwecken können. Im Ton ist mir die Geschichte allerdings ein wenig zu kitschig.

    Weniger stark - aber doch ein bisschen - kommt die Rührseligkeit in der Novelle "Die Farbe von Neandertaleraugen" ("The Color of Neanderthal Eyes") durch. Hier macht Erdenmann Tom Jared alleine Urlaub auf einem paradiesischen Planeten und wirft nach der Begegnung mit dessen friedlichen Bewohnern bald jede Regel für den Erstkontakt über Bord. Er hat Sex mit einer Einheimischen, sorgt für Technologie- und Wissenstransfer und greift schließlich sogar zur Laserpistole, als seine neuen Freunde von einem weniger pazifistischen Volk angegriffen werden. Zwar plagen Tom Gewissensbisse, dass er eine derart paradiesische Kultur auf Kriegstauglichkeit trimmt - aber er hat einen bedrohlichen Präzedenzfall im Hinterkopf: nämlich wie seine eigene Spezies einst die Neandertaler verdrängte.

    Gänzlich aus der Reihe tanzt "Herz Drei" ("Trey of Hearts"), das als Eröffnungsgeschichte dieses Bands eine etwas seltsame Wahl ist. Handlungsreisende Sheila erinnert sich sehnsüchtig daran, wie sie einst zwei Aliens in künstlich gezüchteten Jungmännerkörpern die Grundzüge der menschlichen Sexualität beibrachte ("Ich glaube, ich will deinen Körper examinieren"). "Xenophilie" war schon in Tiptrees früher Schaffensperiode mehrfach Thema von Erzählungen ("And I Awoke and Found Me Here on the Cold Hill's Side", "Mamma Come Home"). Hier allerdings wird der Sex explizit und sehr ausführlich beschrieben und ist das eigentliche Thema der Geschichte.

    Würdiger Abschluss

    Kennt man Alice B. Sheldons Lebensgeschichte, schaudert man schon beim Einstieg von "Oh kehre, selige Zeit, mir zurück" unwillkürlich: Ein alt und gebrechlich gewordenes Ehepaar liegt im Bett - später werden wir zudem noch erfahren, dass die Frau in der Schublade ihres Nachtkästchens einen Revolver hat. Wie könnte man da nicht daran denken, wie Sheldon erst ihren Ehemann und dann sich selbst erschoss?

    Auch in der letzten Erzählung dieses Bands, "Mitten im Leben" ("In Midst of Life"), erschießt sich die Hauptfigur, gelangweilt von ihrem routinierten Leben. Doch nach seinem Selbstmord findet sich Amory in einer säkularen Nachwelt wieder - einem Konstrukt, das sich aus seinen Erinnerungen und denen anderer Menschen zusammensetzt. Und er muss feststellen, dass er zurück auf Los gegangen ist, denn auch in dieser Geisterwelt geht seine Suche nach Erfüllung weiter. Hoffnungslos, ohne deprimierend zu sein, ist die melancholische Geschichte eine gelungene Gratwanderung - und ein würdiger Abschluss dieses überraschend starken Bands.

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