Rundschau: Forentrolle im Fadenkreuz

    Ansichtssache9. Mai 2015, 17:40
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    Hässliche neue Medienwelten in aktuellen Science-Fiction-Romanen und ein ganz realer Rechtsputschversuch im SF-Genre

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    coverfoto: heyne

    Greg Bear: "Die Flammen des Mars"

    Broschiert, 429 Seiten, € 10,30, Heyne 2015 (Original: "Wardogs", 2014)

    Ein alter Bekannter meldet sich zurück. Und es scheint, als hätte der seit bald 50 Jahren aktive Hard-SF-Star aus Kalifornien die Lehre aus seinem Ich-wäre-gerne-der-Zenit-meines-Lebens-geworden-Roman "Die Stadt am Ende der Zeit" von 2008 gezogen. Seitdem bäckt Greg Bear jedenfalls wieder kleinere Brötchen - oder besser gesagt: leichter verdauliche. Die gruselige Space Opera "Das Schiff" von 2010 hat mir bedeutend besser gefallen als die esoterische "Stadt", danach schrieb Bear für die "Halo"-Reihe. Sein jüngstes Werk liegt irgendwo in der Mitte: Es ist der Start einer Trilogie zwischen Military- und Hard-SF.

    Die Welt in der nicht allzu fernen Zukunft

    Veteranenstatus hat nicht nur Bear selbst, sondern auch die Hauptfigur von "Wardogs". Sergeant Michael Venn ist ein kampferprobter Skyrine (Sky-Marine), der bereits einige Einsätze auf dem Mars hinter sich hat. Dort ist die Menschheit nicht unbedingt aus eigenen Stücken aktiv geworden: Vor einigen Jahren sind "Gurus" genannte Außerirdische auf der Erde gelandet, die der Menschheit allerlei technologische Wohltaten zukommen haben lassen. Allerdings fordern sie nun dafür auch einen Preis ein. Ihre alten Erzfeinde - die Menschen bezeichnen sie als "Antags", kurz für Antagonisten - sind ihnen nämlich ins Sonnensystem gefolgt und haben auf dem Mars einen Brückenkopf angelegt.

    Dieses Grundszenario wird in den weiteren Bänden der Trilogie noch eine größere Rolle spielen, immerhin sind da noch viele Fragen offen. Man weiß ja nicht mal, wie die Gurus aussehen, so geschickt halten sie sich im Hintergrund. Aber einige Infosplitter sind doch dazu angetan, die Wohltäter der Menschheit verdächtig erscheinen zu lassen. Etwa dass sie im Geheimen längst die Weltpolitik bestimmen und sich zwar - bis auf ihre Forderung nach Marssöldnern - weitgehend zurückhalten, aber doch die eine oder andere vermeintlich harmlose Regelung durchgesetzt haben. Und kann man jemanden zu den Guten zählen, der Universitäten aushungern lässt?

    Erinnerungslücken nach Marsbesuch - klingt bekannt?

    Zu Beginn des Romans kehrt Michael gerade von seinem jüngsten Einsatz auf dem Roten, wie der Mars durchgängig genannt wird, zur Erde zurück. Die Substanz, die ihn den langen Raumflug überstehen ließ, hat Spuren hinterlassen - aber da ist auch noch etwas anderes an Michael, wie wir im letzten Teil des Romans erfahren werden. Beide Faktoren führten jedenfalls dazu, dass unser Ich-Erzähler zunächst einen etwas desorientierten Eindruck macht.

    Dieses Gefühl reicht der Autor ungefiltert an uns weiter. Auf den ersten Seiten werden wir mit einer wahren Flut an neuen Wörtern - Kosmolin, Skyrines, Spaceframes, Orbital, Timeout, Engel - konfrontiert, wie das in Genreromanen ja ganz gerne mal gemacht wird. Dazu kommt aber noch eine zweite Welle, die nicht auf das Worldbuilding, sondern auf den Plot bezogen ist - hier ein Ausschnitt: Aber es stört mich nicht, allein zu sein. (...) Nicht, wenn Joe zurückkehrt und mir erklärt, wie alles gelaufen ist. Was es mit dem wahren Geheimnis auf sich hat, mit den Muskis und dem Drifter, der Siliziumseuche und dem Turm der klugen Diamanten. Mit Teal. Und den Voors, fiesen, habgierigen Hurensöhnen ... Im Grunde fasst Greg Bear hier bereits die gesamte folgende Handlung zusammen (ohne dass wir zu diesem Zeitpunkt auch nur ein einziges Wort verstehen würden, versteht sich).

    Möglich ist dies deshalb, weil der Roman im Rückblick erzählt wird: Erst versucht Michael seine Erinnerungen allein zu sortieren, später wird er noch eine Gesprächspartnerin erhalten. Und eines sei vorneweg gesagt: "Muskis" hat eine sehr schöne Herleitung.

    Eine Soldatengeschichte

    Michaels nach und nach rekonstruierte Geschichte ist Bear-typisch von Hard-SF geprägt, was sich nicht nur in der verwendeten Technologie äußert. Unter anderem steigen wir auch zum Eisenkern eines abgestürzten Mondes hinab und dürfen am Einschlag eines Kometen teilhaben. Aufmerksame Bear-Fans werden zudem eine Anspielung auf seine "The Way"-Reihe ("Äon") entdecken. Ist zwar eine andere Version der Zukunft, aber ein Mathematiker hat sich da offenbar auch in dieses Universum herübergestohlen.

    Was die Komponente "Military SF" betrifft, bin ich mir nicht sicher. Manche scheinen damit automatisch Heroismus und dergleichen zu assoziieren - den sucht man hier vergebens. Allerdings setzt Bear auch keine vordergründig pazifistischen Botschaften. Es ist einfach eine Soldatengeschichte, geschildert aus der Perspektive derjenigen, die im Einsatz stehen, ihre - teilweise selbstgewählte - Aufgabe erfüllen und diese mit galligem Humor kommentieren, wenn's grade mal eine Atempause gibt. Der Titel "Wardogs" weist ja schon auf den Grundton der Erzählung hin. Und Sätze wie "Physik ist das, was einen umbringt, doch Biologie ist das, was dich töten will" bringen das Denken der Beteiligten auf den Punkt.

    Resümee

    Auf mich wirken die ProtagonistInnen jedenfalls ziemlich glaubhaft. Dass sich Bear, der den Roman den Soldaten des Zweiten Weltkriegs und des Korea- und Vietnamkriegs widmet, von Veteranen beraten hat lassen, kommt der Geschichte eindeutig zugute.

    Perfekt ist "Die Flammen des Mars" nicht - dafür sind für meinen Geschmack zu viele unterschiedliche Parteien auf dem Mars vertreten (fast wie bei den angeblich abgelegenen Inseln von "Lost" oder "Gilligan's Island", auf denen zeitweise ja auch Durchreiseverkehr wie am Frankfurter Flughafen herrschte). Aber spannend ist der Auftakt der Trilogie allemal. Auf Teil 2 heißt es noch ein bisschen warten, der kommt im Oktober erst mal im Original raus.

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