Rundschau: Forentrolle im Fadenkreuz

    Ansichtssache9. Mai 2015, 17:40
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    Hässliche neue Medienwelten in aktuellen Science-Fiction-Romanen und ein ganz realer Rechtsputschversuch im SF-Genre

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    coverfoto: p.machinery

    Sven Klöpping (Hrsg.): "Bullet"

    Broschiert, 195 Seiten, p.machinery 2014

    Shared Universes lese und bespreche ich nur in Ausnahmefällen - ich habe dabei immer das Gefühl, dass mir zuviele Insiderinformationen fehlen, um die Erzählungen angemessen beurteilen zu können. "Bullet" scheint da aufs Erste auch nicht geeignet zu sein, Schwellenängste abzubauen. Immerhin enthält der schmale Band von weniger als 200 Seiten ein zehnseitiges(!) Glossar. Dazu kommen dann noch eine ganze Menge Fußnoten in den einzelnen Erzählungen - und trotzdem werden Massen unerklärter Neologismen über einem zusammenschlagen. Aber "Bullet" enthält auch gleich zwei Erzählungen, die beim Kurd-Laßwitz-Preis (KLP) als beste Kurzgeschichte nominiert sind, also habe ich den schon länger bei mir herumliegenden Band doch noch in Angriff genommen.

    Hintergrund

    Das Grundszenario des von Sven Klöpping geschaffenen "MegaFusion"-Universums ist eine den ganzen Globus umspannende Stadt - ähnlich also wie bei "Magnus dem Roboterkämpfer" oder "John Difool". Vom Feeling her deutlich näher an Letzterem, denn hier sind Zynismus und skrupelloser Kapitalismus Trumpf (in "Glücklichland" von Frederic Brake beispielsweise betreiben Konzerne ihr Headhunting mit Schusswaffen). Das liest sich mehr als alles andere wie Cyberpunk und fühlt sich darum auch eher an, als würde es 30 Jahre in der Zukunft liegen - statt der veranschlagten ca. 3.000. Immerhin gibt's hier auch noch E-Zigaretten und Einkaufswagen.

    "Shared" ist das MegaFusion-Universum übrigens erst mit diesem Band - bis dato hatte Klöpping es mit einer ganzen Reihe von Erzählungen allein bestückt. Hier hält er sich mit nur zwei kürzeren Erzählungen weitgehend zurück, beide davon mit auffälligem Schluss ("Crime Sponsoring" über einen angehenden Attentäter mit einer schadenfrohen Schlusspointe, "Homebasejump!" über einen Adrenalinjunkie, der sich von Wolkenkratzern stürzt, mit einem seltsamen Nachsatz aus der realen Welt, wie ihn TV-Verfilmungen zur Einordnung des Geschehens gerne vor den Credits einblenden).

    ¡Arriba! ¡Arriba! ¡Ándale!

    Mit "Der große Gig" von Dirk Ganser alias D. J. Franzen legt die Anthologie einen Kickstart hin: Ein Ermittler klinkt sich in die rekonstruierten Erinnerungen eines Musikmanagers ein, um eine Welle von Selbstmorden zu klären, die mit den Auftritten einer Band in Zusammenhang zu stehen scheinen. Das wird für den Ermittler zu einem Hochtempo-Trip voller schneller, greller Impressionen und wartet zudem mit einem gelungenen Twist auf. Der "Gig" ist nicht hundertprozentig frei von Klischees (für jeden "sabbernden Idioten" sollte ein Autor fünf Euro ins Phrasenschwein werfen, ebenso wie für einen - hier zum Glück nicht enthaltenen - "gähnenden Abgrund"). Aber insgesamt liefert Franzen einen wirklich guten Auftakt ab.

    Zugleich ist damit die Vorgabe für den Rest der Anthologie gemacht: Sex, Gewalt, Geld, Drogen, Gossensprache und ein bisschen Rock'n'Roll. Und vor allem: Tempo. Christian Künne mit "Die Uhr schlägt nicht mehr" und Michael Schmidt mit "She" setzen Franzens erzählerischen Sprint fort; das liest sich teilweise wie Stuckrad-Barre auf Speed.

    Die Kandidaten

    Da tut es gut, wenn nach diesem Trio der erste KLP-Nominierte seinen Auftritt hat und das hysterische Tempo rausnimmt. In Thorsten Küpers "Der Mechaniker" soll ein Software-Spezialist einen reichen Klienten aus einer wahrhaft misslichen Lage befreien: Den hat nämlich ein Robotermädchen mit dem Mund am Penis arretiert wie ein Jagdhund, der auf sein Herrchen wartet. Die - schon wieder - mit einem Twist aufwartende Geschichte ist im Prinzip Golden-Age-SF (plus Sex-Einschlag, den man sich damals nicht getraut hätte) und zählt tatsächlich zu den stärksten Erzählungen der Anthologie.

    Witzigerweise könnte man auch dem zweiten KLP-Nominierten das Golden-Age-Siegel aufdrücken, wenn man die Story erst mal auf den Kern reduziert und den aufgesetzten Kraftmeierslang, von dem ich Vincent Voss eher abgeraten hätte, abzieht (wer sagt heute noch "Stecher"?). Sein "Bullet" entwirft jedenfalls ein klassisches Dilemma: Ein verbitterter Mann, der Frau, Job und Status verloren hat, erhält ein für eine fiktive Zukunftswelt typisches unmoralisches Angebot. Otis hat nämlich in einer Lotterie drei Kugeln gewonnen - inklusive der Zusicherung von Straffreiheit, wen auch immer er damit erschießen wird. Ziemlich großartige Idee.

    Stilistisch ist die gesamte Anthologie stark von Pop-Literatur beeinflusst, was natürlich bedeutet: Geschmackssache. Völlig aus dem Rahmen fällt hingegen Stefan Blankertz, der sich in "Rambo II" in Sprachdekonstruktion übt: Der richtige Happen für alle diejenigen, die 2013 Reinhard Jirgls "Nichts von euch auf Erden" geschafft haben. Also nicht für mich - aber mit einer Geschichte wie "Rambo II" wartet nicht jede SF-Anthologie auf, das verdient Respekt.

    Das Thema Sprache

    Ein zentrales Element im Worldbuilding von "MegaFusion" ist die Sprache. Hier als Neupalaver bezeichnet, was einige AutorInnen tendenziell in Richtung Denglish, die anderen eher als Sammelsurium von Neologismen interpretieren. Eine künstliche Zukunftssprache zu entwerfen, ist in der SF natürlich nichts Neues - siehe etwa Anthony Burgess' "A Clockwork Orange" oder John Brunners "Stand on Zanzibar". Beide Beispiele demonstrieren zugleich allerdings auch, dass kaum etwas so antiquiert wirkt wie der Zukunftsslang von gestern.

    Das kann den "MegaFusion"-AutorInnen zwar wurscht sein (Schreiben mit Anspruch auf Zeitlosigkeit ist ja erst recht öde) - allerdings könnte man sich eine gewisse Konsistenz erwarten. Bei einigen AutorInnen kommt das Neupalaver hier aber als krude Mischung aus nord- und süddeutscher Umgangssprache, aus Früh-80er-Coolsprech und 15 Jahre jüngerem Hip-Hop-Slang daher, was dann extrem künstlich wirkt. Deutlich besser kommt das in "Revenge" von Marianne Labisch rüber, die hier unter dem putzigsten Pseudonym seit langem schreibt: Diane Dirt. Ich kann aus der Ferne nicht beurteilen, inwieweit sich die Kodderschnauze ihrer Hauptfigur an einen real existierenden deutschen (rheinländischen?) Dialekt hält, aber zumindest stechen hier keine völlig unpassenden Wörter als sprachliche Fremdkörper raus.

    Highlight

    "Revenge" ist die Geschichte einer in den Untergrund verbannten Prostituierten, die in die Welt der Reichen und Schönen zurückkehrt, um Rache zu nehmen. Und ist meine Lieblingsgeschichte in dieser Anthologie nicht nur deshalb, weil sie Witz hat, sondern weil sie auch in einer ungewöhnlichen Form erzählt wird: Nämlich wie ein Audioprotokoll, bei dem nur die Stimme der Hauptfigur zu hören ist. Es gibt weder beschreibende Passagen, noch hören wir die Dialogteile von anderen Figuren, sondern ausschließlich die Antworten unserer fiesen "Heldin" - und das reicht völlig. Gekonnt gemacht. Und zwar nicht für den KLP, aber dafür - zusammen mit Küpers "Mechaniker" - für den Deutschen Science-Fiction-Preis nominiert. Zu Recht, wie ich finde.

    Wie schon gesagt: Nicht allen AutorInnen hier kaufe ich die Gossensprache ab - bei einigen hatte ich doch den Eindruck, sie hätten beim Schreiben ein verschämtes Grinsen im Gesicht getragen (Hihi, ich hab "Scheiße" sagen dürfen. "Arschloch."). Andererseits hat Klöpping mit der Vorgabe des Grundtons dafür gesorgt, dass "Bullet" etwas hat, was man jeder Anthologie nur wünschen kann: einen eigenständigen Charakter.

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