Rundschau: Eine Welt ist nicht genug

    Ansichtssache28. März 2015, 10:00
    72 Postings

    Der Roman, der 2014 alle Science-Fiction-Preise abräumte, plus Neues von China Miéville, Catherine Fisher, Stephen Baxter und Terry Pratchett

    Bild 9 von 10
    coverfoto: p.machinery

    Ralf Boldt: "Der Temporalanwalt"

    Broschiert, 188 Seiten, € 9,90, p.machinery 2014

    "Du musst mich auf dieser Mission begleiten", beharrte Josepha. "Das ist doch für Hans-Peter viel zu gefährlich", verteidigte mich Sabine. Ein Punkt, in dem sich aktuelle deutschsprachige SF-Erzählungen - selbst so bewusst altmodisch gehaltene wie diese - von solchen aus den Nachkriegsjahrzehnten unterscheiden: Damals fühlten sich Autoren noch bemüßigt, ihren Helden "coole" englisch klingende Namen verpassen zu müssen. Wie Ben, Tom ... oder Perry. Hier heißt der Protagonist Hans-Peter Grießau, kommt aus Oldenburg in Oldenburg und ist Anwalt und Notar.

    Zur Handlung

    Als wir ihn kennenlernen, schreiben wir das Jahr 2020 - es geht danach mehrfach ein paar Jährchen nach vorne und zurück - und da ist er bereits ein versierter Temporalanwalt. Nämlich seit er im Jahr 2014 eine Grundstückstransaktion für zwei Mandanten abwickelte, die in Wahrheit ein und dieselbe Person sind: Die 20- und die 50-jährige Ausgabe von Harm Meesters, einem Zeitreisenden aus dem Jahr 2043. Dort erhofft man sich durch kommerzielle Zeitreisen ein neues Wirtschaftswunder. Den Grundstein dafür will Meesters in Form einer Temporalkuppel im nahen Ammerländer Moor legen, weil dort die Geografie das Reisen durch die Zeit in einzigartiger Weise begünstige.

    Ehe sich's Hans-Peter versieht, arbeitet er mit seiner juristischen Expertise am Projekt mit, kümmert sich in seiner Kanzlei nebenbei um weitere zeitreisende T-Mandanten und könnte sich im Prinzip seines Lebens freuen ... wenn da nicht eine junge Frau aus der Zukunft auftauchte, die ihn vor Meesters warnt. Vielleicht ist der ja doch nicht so philanthropisch wie gedacht. Nolens volens stolpert damit Hans-Peter, der ein eher gemächlicher Denker und Handler ist, ins Abenteuer.

    Nordisch by Nature

    Im Netz habe ich einen genialen Satz gefunden: Ralf Boldt (wir kennen ihn hier bereits als Mitherausgeber der Storysammlung "Die Stille nach dem Ton") hat den ersten ostfriesischen Science-Fiction-Roman geschrieben. Das bringt die beschaulich-norddeutsch-ländliche Atmosphäre, die den Roman vor allem anderen auszeichnet, sehr gut auf den Punkt - auf die Gefahr hin, dass ich damit einem Klischee aufsitze.

    Aber es geht ja auch nicht nur um die Geografie, sondern vor allem um's Feeling: Wir begegnen hier so SF-typischen Elementen wie einem Bausparvertrag, artiger Konversation bei Tee oder der bangen Frage, was denn aus den Kranichen und Gänsen des Ammerländer Moors wird, wenn auf ihrem alten Sammelplatz eine Temporalkuppel steht. Über der dann ein buntes Kränzchen im Wind schaukelt, wenn man vor versammelter Lokalpresse das Richtfest feiert.

    In der ersten Romanhälfte hatte ich echt ein paarmal das Gefühl, ich würde mich in einem Loriot-Sketch vor brauner Tapete befinden, so herrlich bürgerlich-bieder geht's da zu. Bezeichnend auch Hans-Peters Reaktion, als ihm zum ersten Mal bewusst wird, dass er eigentlich gar nichts über die Welt des Jahres 2043 weiß. Die erste Frage, die ihm nun durch den Kopf schießt: Wird es da noch den Euro geben?

    Wo es konventionell wird

    Natürlich scheiden sich an dieser Stelle die Geister. Für mich als Sehrvielleser läuft sowas unter Alleinstellungsmerkmal und ist daher etwas klar Positives. Für jemanden, der eher sporadisch Bücher kauft und sich einfach eine spannende Zeitreisegeschichte erwartet ... nun, nicht, dass Boldt nichts dergleichen zu bieten hätte. Das sind für mich allerdings die weniger interessanten Teile des Romans.

    So gibt es etwa ein im Verhältnis zum Gesamtumfang überlanges Kapitel, das den Bericht eines Zeitreisenden beinhaltet, der im Germanien des dritten Jahrhunderts strandet, und das auf mich ein wenig den Eindruck macht, als hätte Boldt hier einen bereits bestehenden Text in den Roman integriert. Das und die Verschwörungs- und Aufdeckungs-Action in den Schlusskapiteln entsprechen dann klassischen Zeitreisegeschichten. Ist aber nichts, was man nicht schon hundertmal gelesen hätte.

    Ein paar weitere T-Mandanten hätte ich Hans-Peter schon gegönnt, da hätte Boldt seine Fantasie ruhig noch ein bisschen spielen lassen können. Denn da wäre mehr drin gewesen - wenn wir zum Vergleich etwa nehmen, wie viele Deals der Protagonist von James Tiptree Jr.s erster Erzählung "Geburt eines Handlungsreisenden" abwickelte - und das im Rahmen einer Kurzgeschichte! Und auch die oben genannte Atmosphäre kommt in der zweiten Romanhälfte leider nicht mehr so zur Geltung, weil dann die konventioneller gehaltene Action im Vordergrund steht. So bleibt als Gesamtresümee für den "Temporalanwalt": Nicht aufregend. Aber irgendwie sympathisch.

    weiter ›
    Share if you care.