Rundschau: Eine Welt ist nicht genug

    Ansichtssache28. März 2015, 10:00
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    Der Roman, der 2014 alle Science-Fiction-Preise abräumte, plus Neues von China Miéville, Catherine Fisher, Stephen Baxter und Terry Pratchett

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    coverfoto: blanvalet

    Catherine Fisher: "Die vergessene Kammer"

    Broschiert, 319 Seiten, € 10,30, Blanvalet 2015 (Original: "Crown of Acorns", 2010)

    Ted Chiangs "Tower of Babylon", Brendan Connells "The Architect", François Schuiten & Benoît Peeters' Graphic Novel "Der Turm" und natürlich Arthur C. Clarkes Klassiker "The Fountains of Paradise": Mein Buchregal sagt mir, dass ich ein Faible für Geschichten über megalomanische, in den Himmel ragende Bauwerke habe. Deshalb war mein Interesse sofort erwacht, als ein Roman herauskam, der vorne dieses Cover und hinten folgenden Text trägt: "Er will eine gigantische, sich spiralförmig in den Himmel schraubende Straße bauen, die alle auf der Welt existierenden Bauwerke in den Schatten stellt." Yeah!

    ... und dann stellt sich beim Lesen heraus, dass es um nichts dergleichen geht. Gegenstand der in "Die vergessene Kammer" behandelten architektonischen Vision ist vielmehr eine ringförmige Wohnanlage aus dem 18. Jahrhundert, noch dazu basierend auf einem realen Vorbild, dem Circus von Bath. - Also manchmal fragt man sich schon, in welchem Paralleluniversum KlappentextautorInnen sitzen. Und warum man ihnen nicht den E-Mail-Zugang zu unserer Welt kappt.

    Die Sache mit Sulis

    Trotz dieses sich in den Himmel schraubenden Etikettenschwindels habe ich es letztlich allerdings nicht bereut, den Roman gelesen zu haben. Und das, obwohl - oder weil? - er auch diverse andere Erwartungen nicht erfüllt. Zum Beispiel, dass es sich um einen Fantasy-Roman handeln würde. Das Werk der walisischen Autorin Catherine Fisher, die wir bereits von "Incarceron" kennen, wird zwar unter Young-Adult-Fantasy subsumiert, lappt aber unverdrossen in andere Genres bzw. in die Mainstreamliteratur hinüber. Die grundsätzliche Konstruktion von "Incarceron" hat Fisher übrigens auch hier verwendet: Nämlich die Handlung auf mehrere Ebenen aufzuteilen, die durch Welten - oder in diesem Fall Zeiten - voneinander getrennt sind, zwischen denen es aber verbindende Elemente gibt.

    Auf der Gegenwartsebene begegnen wir einem 17-jährigen Mädchen, das jetzt Sulis genannt werden will (sein Geburtsname bleibt geheim) und das gerade zum wiederholten Male bei einer Pflegefamilie untergebracht wird. Aus den Ortsbeschreibungen und der römischen Bezeichnung Aquae Sulis dürfen wir schließen, dass es sich bei ihrem neuen Wohnort um das südenglische Bath handelt; auch wenn dieser Name nie fällt. Stattdessen gibt es Umschreibungen wie "die goldene Stadt", die dem Ganzen eine leichte mythologische Überhöhung geben: Fishers erste Phantastik-Nebelkerze, das macht sie echt geschickt.

    Die Umstände von Sulis' Umzug wirken ebenfalls recht mysteriös. Offenbar ereignete sich in ihrer Kindheit ein Verbrechen, bei dem eine Freundin zu Tode kam. Seitdem wird Sulis in einer Art Zeugenschutzprogramm von einem geheimen Aufenthaltsort zum nächsten weitergereicht. Und trotz all dieser Vorkehrungen scheint ihr ein bedrohlicher Fremder stets auf der Spur zu sein. Auch in ihrer neuen Heimatstadt wird Sulis ihn bald sehen - die Paranoia wächst.

    Jahrhunderte und Jahrtausende früher

    Auf einer zweiten Handlungsebene erfahren wir, wie die historische Anlage, in der Sulis nun lebt, einst geplant wurde. Jonathan Forrest nennt Fisher den dahintersteckenden Architekten - die Romanversion von John Wood dem Älteren, der den realen Circus von Bath gebaut hat. Forrest teilt einige Charakterzüge mit dem historischen Wood - etwa dass er von der keltischen und prä-keltischen Vergangenheit der britischen Inseln geradezu besessen war. Freimaurerei, die Weisheit der Druiden, bedeutungsschwangere Symbolik in Forrests Architektur und die Mitgliedschaft in einem Geheimbund: Fisher streut hier jede Menge Mystery-Elemente aus; die zweite Phantastik-Nebelkerze.

    Hauptfigur dieser Ebene ist allerdings Forrests jugendlicher Lehrling Zac, der aus guter Familie stammt und sich von seinem Meister völlig verkannt fühlt. So sehr, dass er sogar bereit ist, Verrat an ihm zu begehen. Bis der junge Schnösel erkennen muss, dass er in Wirklichkeit nicht viel taugt und Forrest ihn bloß aus Großzügigkeit aufgenommen hat - wie die junge Prostituierte Sylvia und diverses streunendes Getier auch. Ein mächtiger Schlag fürs aufgeblasene Ego.

    Auf einer dritten Handlungsebene schließlich wirft die Autorin den Saga-Modus an und erzählt ihre Version vom Leben des legendären Druidenkönigs Bladud, auf den sich Forrest bzw. Wood in seiner Arbeit bezog. Bladud, ein mythischer Herrscher aus vorrömischer Zeit, werden allerlei Großtaten zugeschrieben - unter anderem soll er die Heilquelle gefunden haben, um die herum er die Stadt Bath errichten ließ. In der einen oder anderen Form wird Bladuds Erbe in der Zukunft fortbestehen, in Zacs und sogar noch in Sulis' Zeit.

    Only in 3's

    Wie es sich für einen Roman gehört, der sich um eine architektonische Vision dreht, spielt Konstruktion eine maßgebliche Rolle. Allenthalben begegnen wir Kreisen und der Zahl 3: Drei Hauptfiguren, drei mal zehn dreistöckige Gebäude im Circus usw. Und natürlich drei Handlungsebenen, auch wenn die kursorischen Bladud-Kapitel mit den ausführlichen Berichten von Zac und Sulis keine vollkommene Symmetrie ergeben. Aber was ist schon vollkommen.

    Wer eindeutig definierte Fantasy will, ist hier an der falschen Stelle. Catherine Fisher spielt geschickt mit Phantastik-Elementen, obwohl "Die vergessene Kammer" letztlich eher eine Mischung aus Psychothriller und historischem Roman ist (deshalb zuvor das Wort "Nebelkerze"). Aber Hauptsache spannend - und das ist der Roman allemal. Für YA echt nicht so übel.

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