Rundschau: Eine Welt ist nicht genug

    Ansichtssache28. März 2015, 10:00
    72 Postings

    Der Roman, der 2014 alle Science-Fiction-Preise abräumte, plus Neues von China Miéville, Catherine Fisher, Stephen Baxter und Terry Pratchett

    Bild 3 von 10
    coverfoto: heyne

    China Miéville: "Das Gleismeer"

    Broschiert, 398 Seiten, € 14,40, Heyne 2015 (Original: "Railsea", 2012)

    Endlich mal wieder ein Miéville, der so richtig Spaß macht! Mit etwas Verspätung & nach einem nicht ganz verständlichen Verlagswechsel haben wir jetzt auch das Buch auf Deutsch in Händen, mit dem der einzigartige China Miéville seine mit Power durchgezogene Ein-Roman-pro-Jahr-Phase abschloss, um sich vorerst anderen Dingen zu widmen - unter anderem einer Comic-Serie ("Dial H").

    Nicht ganz verständlich ist der Wechsel für mich deshalb, weil Bastei Lübbe Miéville doch so lange die Treue hielt - weit über die populären Bas-Lag-Romane hinaus. "Die Stadt & die Stadt" gehört für mich zwar zum Besten, was Miéville je geschrieben hat; ich kann allerdings nachvollziehen, warum viele Altfans damit nicht so recht warm wurden. & was die darauffolgenden "Der Krake" & "Stadt der Fremden" anbelangt: Die haben unter ihrem eigenen Gewicht doch schon ziemlich gestöhnt; bei beiden hat mir irgendwie der Drive gefehlt. & just wenn diese Durststrecke endet & Miéville mit "Railsea" wieder einen deutlich leichter verdaulichen Roman schreibt, plumpst er aus dem Programm. Da hat Heyne im richtigen Moment zugeschlagen!

    Applaus für den Schauplatz!

    Es könnte glatt eine Schwesterwelt zu Bas-Lag sein, auf die es uns hier verschlägt. An bizarrem Worldbuilding mangelt es diesem Planeten jedenfalls nicht. Der möglicherweise die Erde einer fernen Zukunft ist - nach dem Plastozän (schönes Wort!) bzw. dem Götterstreit (naturwissenschaftliche vs. metaphysische Erklärung, pick your choice). In den höheren Schichten der Atmosphäre kreisen Lovecraft'sche Monstrositäten, nachdem Generationen von außerirdischen Besuchern dort ihren Müll verklappt haben. So richtig spannend aber ist's zu ebener Erd'.

    Denn die Oberfläche des Gleismeers ist ein einziges gigantisches Schienengewirr. Fast jeder Quadratmeter ist von sich millionenfach verzweigenden, wieder zueinander findenden & Endlosschleifen bildenden Gleisen bedeckt. Das "&"-Zeichen sieht Miéville als schönes Symbol dafür an, weshalb er es im gesamten Roman anstelle des Worts "und" verwendet (tsss ... welcher Sadist behelligt denn seine LeserInnen mit sowas?). & da wir uns einmal mehr auf einem Planeten mit nicht einordenbarer Technologiestufe befinden, ziehen auf diesen Gleisen Dampf- & Dieselzüge ebenso ihre Bahn wie solche, die mit Wind- oder Solarkraft betrieben, von Rhinozerossen gezogen oder von Galeerensklaven vorangestrampelt werden.

    Typisch Miéville'scher Brainstorming-Stil also: Gib mir ein Themenfeld & ich hau alles raus, was mir dazu einfällt. & wie immer, wenn Miéville mal wieder ein neues semantisches Feld entdeckt hat, das er beackern bzw. bis zur Neige ausbeuten kann, hört man ÜbersetzerInnen weltweit aufstöhnen, weil sie sich schon wieder ein neues Fachlexikon zulegen müssen - im konkreten Fall zur Eisenbahnkunde (Schleppweiche? Gleiskoppelspule?? ächz!). Gleiches gilt aber auch für die Fauna des Gleismeers, denn unter den Schienen graben sich monströse Lebewesen durch den Boden: Von Maulwürfen über Ameisenlöwen bis zu Würmern & Kaninchenkäuzen zerrt der Autor so ziemlich alles ans Licht, was unsere Erde an unterirdischen Bewohnern hergibt - natürlich gigantifiziert & groteskifiziert: ein Kaleidoskop des zoologischen Irrsinns.

    Moby Dick, aber nicht Dumm

    Womit wir auch schon mitten in der Handlung wären, denn das Schiff ... pardon: der Zug "Medes" kreuzt auf der Jagd nach einem gebirgsgroßen Maulwurf, einem Moldywarp, übers Gleismeer. Mit an Bord die Hauptfigur, der Jugendliche Sham, der als Assistent des Bordarztes fungiert. Befehligt wird die bunte Crew der "Medes" von Kapitänin Abacat Naphi. Die eine Armprothese trägt. Weil ein gigantischer Moldywarp ihr einst den Arm abgerissen haben soll. Den sie jetzt wie besessen durch die Weiten des Gleismeers verfolgt. Einen Moldywarp, der sich durch sein helles Fell von seinen Artgenossen unterscheidet ...

    Anfangs macht man sich tatsächlich noch Sorgen, dass Miéville hier einfach Herman Melvilles "Moby Dick" unter schrilleren Umweltbedingungen nacherzählen könnte. Aber dafür ist er zum Glück viel zu gewitzt. Miéville macht in Melville, das schon. Aber auf der Meta-Ebene. Der Wal in "Moby Dick" ist eine der klassischen Projektionsflächen der Literaturgeschichte. In "Gleismeer" hingegen wird das Spiel mit den Deutungsebenen offen ausgesprochen und in die Handlung miteinbezogen. Der Wal ist wortwörtlich Käpt'n Naphis Philosophie - & andere Kapitäne haben ihrerseits Philosophien in Gestalt einer tierischen Nemesis:

    Nicht jeder Kapitän aus Streggeye Land hatte eine solche, aber eine erhebliche Anzahl von ihnen entwickelte eine zwiespältige Affinität zu einem bestimmten Tier, in welchem sie Bedeutungen, Potenziale, Erkenntnisse verkörpert sahen oder zu sehen glaubten. An einem gewissen Punkt (...) wechselte die professionelle Einstellung des Jägers gegenüber dem Wild als auserkorenem Opfer auf ein anderes Gleis & wandelte sich zur Hingabe an ein Tier, das nun zur Weltanschauung geworden war. & Sham stellt fest: Ihm kam es vor, als bedauerten die Kapitäne manchmal, nur eine begrenzte Anzahl Gliedmaßen zur Verfügung zu haben, die man einer fixen Idee opferte. Man war ein Beinloser oder ein Armloser: Hätte man noch etwas anderes zu verlieren - Fühler, Tentakel, Flügel -, gäbe es zusätzliche Möglichkeiten für die prägnanten Narben des Philosophierens. Also wenn das kein großartiger Meta-Moby ist, dann weiß ich auch nicht.

    Folge deinem Stern ... aber im Eilzugstempo, bitteschön

    Zentrales Thema des Romans ist letztlich, eine Aufgabe zu haben, ein Lebensziel. Sham wird seine Aufgabe erst im Verlauf des Romans finden - & wenn sie sich ihm zum ersten Mal zeigt, wird er zu lange zögern. In einem Zugwrack findet Sham nämlich eine Speicherkarte, auf der etwas völlig Unvorstellbares enthalten ist: ein Bild von einem einsamen Schienenstrang, der aus dem Gleismeer hinausführt. Sham wird das junge Geschwisterpaar Caldera & Dero Shroake kennenlernen, die sich sofort aufmachen, den Ort zu finden, an dem dieses "unmögliche" Bild entstand. Sham wie gesagt vergurkt seine erste Chance, die beiden auf ihrem Abenteuer zu begleiten. Aber gehen wir mal davon aus, dass er noch eine zweite erhalten wird.

    Es folgt eine halsbrecherische Jagd übers Gleismeer, in deren Verlauf Miéville zum dritten Mal den Brainstorming-Modus anwirft. Denn er wartet mit allem auf, was Seefahrermythen von der Odyssee bis zu Robinson Crusoe so angehäuft haben: Piratenüberfälle, Seeungeheuer, Geisterschiffe, Schatzsuche, Schiffbruch, Seegefechte, Schiffsfriedhöfe & so weiter & so weiter. Alles natürlich auf Schiene gelegt & erzählt mit dem Überschwang von einem, der in einer Hafenkneipe bei bester Laune & mit diversen Promille im Blut das tollste Seemannsgarn spinnt. Gleisgarn in diesem Fall.

    Es ist immer intelligent, was China Miéville tut. Aber diesmal macht's auch wieder so richtig Spaß. Ich freue mich jetzt schon auf seine Storysammlung "Three Moments of an Explosion", die im Sommer erscheinen soll.

    weiter ›
    Share if you care.