Rundschau: Eine Welt ist nicht genug

    Ansichtssache28. März 2015, 10:00
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    Der Roman, der 2014 alle Science-Fiction-Preise abräumte, plus Neues von China Miéville, Catherine Fisher, Stephen Baxter und Terry Pratchett

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    coverfoto: heyne

    Christian Cantrell: "Der zweite Planet"

    Broschiert, 346 Seiten, € 9,30, Heyne 2015 (Original: "Containment", 2010)

    Die Erde ist verwüstet, deshalb werden andere Planeten besiedelt: So richtig eingeleuchtet hat mir dieser klassische Plot eigentlich nie. Rechnet man alle Umweltfaktoren zusammen, müsste man den Planeten, dem wir uns angepasst haben, schon ganz gewaltig - und ich meine gewaltig - ruinieren, ehe eine Wiederherstellung aufwändiger wäre als das Terraforming einer komplett anderen Welt. Mit "Der zweite Planet" bestärkt mich der US-amerikanische Neo-Autor Christian Cantrell in dieser Meinung ... und zwar auf eine weitgehend unerwartete Weise.

    Zur Handlung

    Schauplatz ist die Kolonie V1, eine Ansammlung hermetisch versiegelter "Pods" auf der Venus. Unser innerer Nachbarplanet wurde anstelle des Marses kolonisiert, weil die mit der Erde vergleichbare Schwerkraft Faktoren wie Giftatmosphäre und 400 Grad Bodentemperatur übertrumpft - oder zumindest ist das der Grund, den man den Angehörigen der Generation V, den ersten in V1 geborenen Menschen, nennt. Einer davon ist die Hauptfigur des Romans: Arik Ockley, ein hochbegabter junger Mann, der an der Schnittstelle von Softwareentwicklung und Biowissenschaften forscht. Sein wichtigstes Ziel ist die Entwicklung künstlicher Photosynthese, um die lebensfeindliche Umgebung für Menschen tauglich zu machen. Besonderer Ansporn: Ariks Frau ist schwanger, und wenn nicht irgendein Weg gefunden wird, die Sauerstoffproduktion zu erhöhen, hat V1 bald einen Bewohner zuviel. Da liegt fast ein Hauch von "The Cold Equations" in der Luft.

    Zu Beginn des Romans erwacht Arik aus einem dreimonatigen Koma, nachdem er offenbar einen Unfall erlitten hat. Auffallend früh erwähnen sowohl der Arzt als auch Ariks Vater die Möglichkeit, dass er unter Gedächtnislücken leiden könnte - erstes Anzeichen dafür, dass hier eine Verschwörung im Busch sein dürfte. Weitere folgen. So findet Arik eines Tages eine verschlüsselte Botschaft, die er vor dem Unfall an sich selbst geschickt hat. Und etwa zur Mitte des Romans bricht der Kontakt zur Erde ab. Cantrell lässt die Handlung schließlich auf einen Twist Marke "Er wird doch nicht ... jetzt hat er's tatsächlich getan" hinauslaufen, den man zwar nicht von Anfang an, aber doch für einige Zeit kommen sieht. Und bei dem man sich schon fragen muss, wie das die ganze Zeit geheim gehalten werden konnte. Erst recht in einem "Leuchtturm des Wissens" voller brillanter Köpfe, wie die GründerInnen von V1 ihre Kolonie sehen.

    Gebrauchsanweisung für eine Zukunft

    Auf dem Papier liest sich das Konzept des Romans tadellos - bis hin zur Konstruktionsweise, die Handlung parallel in zwei Strängen vor und nach dem Unfall ablaufen zu lassen. Nur leider passt die Ausführung nicht, und der Grund dafür ist: Cantrell erklärt zuviel. Viel zuviel. Entweder direkt an uns gerichtet in Form ausführlicher Beschreibungen, oder die Romanfiguren erklären einander etwas im Dialog - und wenn alle Stricke reißen, gibt's einen Bildvortrag im Public Pod.

    Das zeichnet sich von Anfang an ab, wenn jede auftauchende Figur brav mit Funktion und Aussehen vorgestellt und jeder neue Begriff sofort erklärt wird. Jedes Navi im Auto lässt einem mehr Freiraum zum Selberdenken. Es folgen Infodumps zur Geschichte der Station und der Raumfahrt im Allgemeinen sowie immer wieder seitenlange Beschreibungen zur Methodik von Ariks Forschungen und der Funktionsweise technischer Systeme (wobei Cantrell, der selbst Softwareentwickler ist, auf seinem Fachgebiet fraglos eigene Stärken ausspielen kann). Sogar auf den letzten 15 Seiten, wo alles hektisch dem Höhepunkt entgegenstrebt, hält Cantrell es noch für eine gute Idee, mehrere Seiten dem Ablauf einer von Arik durchgeführten Analyse zu widmen. Inklusive fachmännischer Erklärungen zum Hintergrund natürlich. In Summe liest sich "Der zweite Planet" wie die Gebrauchsanweisung für eine Zukunft, weniger wie eine Erzählung aus selbiger.

    Damit stellt sich die Frage, für welches Publikum der Roman denn gedacht sein mag. (Jungen) LeserInnen, die sich primär dafür interessieren, wie eine Science-Fiction-Welt bzw. deren Technik funktionieren könnte, dürfte er gut gefallen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Hugo Gernsback selig an "Der zweite Planet" seine Freude gehabt hätte - die Mischung aus Erzählung und Sachtextpassagen hätte ganz dessen Version von Hard SF entsprochen. Was mich betrifft: Ich falle leider nicht in die Zielgruppe und werde auf die weiteren Bände der Reihe verzichten.

    Und so geht's weiter

    Zunächst darf ich stolz vermelden, dass die Rundschau erneut für den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie "langjährige Leistungen" (jetzt fühle ich mich alt) nominiert worden ist. Zeit für eine erbarmungslose Kampagne in eigener Sache, denn ich bin wild entschlossen, den vorletzten Platz, den sie vor zwei Jahren gemacht hat, mit Zähnen und Klauen zu verteidigen!!!

    Dafür greife ich tief in die Trickkiste: Ich werde Bücher vorstellen(!), damit rechnet sicher keiner. Die Themen reichen von einem vor laufender Kamera verfaulenden Medienstar über einen Serienkiller, der all die Leute abmurkst, die ihn im Internet nerven, bis zur Historie der Hugo Awards. Man liest sich! (Josefson, derStandard.at, 28.3. 2015)

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