Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2014

    Ansichtssache24. Jänner 2015, 15:37
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    Das Science-Fiction-Jahr 2014 im Schnelldurchlauf: Bemerkenswertes von Planet der A wie Affen bis Z wie Zeitschleifen

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    coverfoto: quirk books

    Ben H. Winters: "Countdown City" & "World of Trouble" ("The Last Policeman" 2 & 3)

    Broschiert, jeweils 319 Seiten, Quirk Books 2013/2014

    It remains hard to fathom, hard to believe, that this is what the world has become. That this, of all possible worlds and times in which I could have been born, could have been a policeman, that this is the world and time that I got. Dieses kurze Staunen ist auch schon das Höchstmaß an Selbstmitleid, zu dem sich Hank Palace, der Titelheld in Ben H. Winters' Trilogie vom "Letzten Polizisten", hinreißen lässt - ansonsten bleibt Hank ein Musterbeispiel an Selbstdisziplin. Dabei hätte er allen Grund auszuflippen: Wird doch, wie im Auftaktband "Der letzte Polizist" beschrieben, in Kürze ein Asteroid von der Größe des Dinosaurierkillers auf die Erde prallen und alles höhere Leben auslöschen. Die Zivilisation zerfällt - aber Hank macht weiter seinen Job.

    Es geht bergab

    Winters fügt sich in den aktuellen Trend - siehe etwa Will McIntosh oder Darin Bradley -, uns nicht ansatzlos in die ewiggleichen postapokalyptischen Landschaften zu beamen, sondern den Prozess des Unter- bzw. Niedergangs zu beschreiben, während er noch abläuft. In Hanks Heimatstädtchen Concord geschieht dies zumindest im ersten Teil sogar noch recht zivilisiert - diverse Selbstmorde und Fälle von Vandalismus einmal ausgenommen. Die wirklich schrecklichen Dinge - etwa Bombardierungen von Flüchtlingsströmen - ereignen sich weit entfernt und bilden bloß eine Art Hintergrundrauschen in den Nachrichten (solange es noch welche gibt).

    In Teil 2, "Countdown City", wird Hank erstmals selbst Zeuge eines Massakers, das schon deutlich näher an Concord stattfindet - und auch in der Stadt selbst geht es mit den bürgerlichen Tugenden den Bach runter. Im abschließenden "World of Trouble", wenn Hank zu seiner letzten Ermittlung aufbricht, bewegt er sich dann schon durch ein klassisch anmutendes Apokalypse-Szenario. Während seiner Überlandfahrt teilt er die Städte auf seinem Weg nach einem Farbkodierungssystem ein: Rot für Orte offener Gewalt, Blau für solche, an denen man noch den Anschein wahrt, es wäre alles normal, und so weiter.

    Der unvergleichliche Hank Palace

    Mit Ausnahme vielleicht von Andy Weirs Mark Watney war mir 2014 keine Romanfigur so sympathisch wie Hank Palace. Hank ist genauso methodisch und umsichtig wie Weirs "Marsianer" ... aber ganz anders. Zugeknöpft. Ein bisschen steif. Manchmal habe ich mich echt gefragt, ob er er an einer leichten Variante von Asperger leidet.

    Womit beschreibt man ihn am besten? Damit, dass er den Hund eines Ganoven adoptiert hat? Dass er als Kind freiwillig den Fernseher abschaltete, wenn die erlaubte halbe Stunde vorbei war? Dass er allen Ernstes noch "Holy moly" sagt? Dass er unbeirrt ermittlungsrelevante Informationen in seinem Notizbüchlein festhält, während rings um ihn die Welt im Chaos versinkt? Oder dass er den Fall eines kleinen Jungen, der sein Spielzeugschwert verloren hat, genauso auf seine To-do-Liste setzt wie einen Mord?

    Es ist ein Kunststück des Autors, dass man Hank trotz seines oft komisch wirkenden Festhaltens an Standardprozeduren für vielleicht ein bisschen neurotisch hält, er einem aber nie unheimlich wird. Da er nach einer Umstrukturierung nicht mehr offiziell im Dienst steht und die Polizei sich ohnehin vor allem um sich selbst zu kümmern scheint, gäbe es keinen Grund für Hank, immer noch Verbrechen aufklären zu wollen - Bezahlung nimmt er auch keine an. Er wird oft gefragt, warum er das tut, und kann stets nur antworten: "Ich weiß es nicht." Spätestens im dritten Teil, wenn Hank dann doch einmal ausrastet, begreifen wir aber, dass es dieses Festhalten an gewohnten Strukturen und Abläufen ist, das ihn angesichts des nahenden Endes nicht den Verstand verlieren lässt.

    Die letzten Fälle

    In "Countdown City", das 77 Tage vor dem prognostizierten Asteroideneinschlag einsetzt, begibt sich Hank auf die Suche nach einem verschwundenen Ehemann - eigentlich ein völlig hoffnungsloses Unterfangen vor dem Hintergrund, dass sich Menschen längst zu Millionen auf Nimmerwiedersehen verabschieden, sei es in den Tod oder zu einem letzten Abenteuer vor dem Weltuntergang. In "World of Trouble" schließlich, angesiedelt in der letzten Woche vor dem Ende, versucht Hank seine Schwester Nico zu finden und stolpert dabei einmal mehr über einen Mordfall.

    Apropos Nico: Von Hanks freigeistiger Schwester - so ziemlich sein charakterliches Gegenteil - wissen wir seit Band 1, dass sie Kontakt zu einer Gruppe hat, die dem Glauben anhängt, der Asteroid sei noch ablenkbar, doch werde dieses Wissen von der Regierung unterdrückt. Bloße Verschwörungstheorie oder steckt mehr dahinter? Diese Frage wird in Band 2 und 3 immer relevanter: für Hank, aber auch für uns LeserInnen. Man ist hin- und hergerissen, ob der Autor nun konsequent bleiben oder doch noch das Happy End finden soll, das wir den Figuren so sehr gönnen würden (das aber dann vielleicht unglaubwürdig und kitschig rüberkäme). Wer die Antwort wissen will, wird wohl zur Originalausgabe greifen müssen: Auf meine Rückfrage beim Verlag hin sah es nicht danach aus, als ob eine Übersetzung von Band 2 und 3 anstünde.

    Absolut lesenswert

    Behind Martha on the wall is a flat-screen TV, a flat cold rectangle, and I am struck by the object's profound uselessness, a receiver for an extinct species of signal, a reminder of all that is already dead, a tombstone hung on the wall. Winters' Trilogie ist für ihre traurige Schönheit gelobt worden, die in den vielen kleinen Alltagsdetails zum Tragen kommt, in denen sich der Untergangsprozess ausdrückt - etwa wenn Menschen am Speaker's Corner Schlange stehen, um nacheinander unter Applaus hinauszurufen, was sie an der Welt vermissen werden. Aber die Bücher sind immer wieder auch überraschend komisch. Dazu trägt Hanks eigenbrötlerisches Verhalten ebenso bei wie der Umstand an sich, dass wir es hier trotz anstehender Apokalypse immer noch mit Krimis zu tun haben. Ganz klassischen sogar, inklusive überraschender Twists und Tätersuche bis fast zur letzten Seite.

    Passt das denn überhaupt zusammen? Nun, das läuft letztlich auf die Grundfrage hinaus, die Winters uns allen stellt: Soll man angesichts des bevorstehenden Endes weitermachen wie bisher oder gibt es einen Punkt, ab dem alles egal ist? Ab dem man alle bisherigen Regeln sausen lassen kann, weil die Schuld nicht bei einem selbst liegt? Hank hat darauf eine klare Antwort, und für die mag ich ihn: "The asteroid is not making anyone do anything. It's just a big piece of rock floating through space. Anything anyone does remains their own decision."

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