Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2014

    Ansichtssache24. Jänner 2015, 15:37
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    Das Science-Fiction-Jahr 2014 im Schnelldurchlauf: Bemerkenswertes von Planet der A wie Affen bis Z wie Zeitschleifen

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    coverfoto: orbit

    Claire North: "The First Fifteen Lives of Harry August"

    Broschiert, 406 Seiten, Orbit 2014

    Schriftstellerpseudonyme haben schon ihren Sinn. Dieses Buch wurde im englischsprachigen Raum von Anfang an gefeiert und ist auch in zahlreichen Jahresrückblicken vertreten, sodass man kaum dran vorbeizukommen glaubt. Und es verdient all das Lob tatsächlich! Aber ich hätte mir die Bestellung zweimal überlegt, wenn mir schon vorher aufgefallen wäre, dass sich hinter "Claire North" die britische Autorin Catherine Webb verbirgt. Von der hatte ich vor ein paar Jahren mal den zeitgenössischen Fantasyroman "Lucifer" gelesen: Eh nett, die Götter in einer Familiengeschichte versammelt zu sehen, mit Jahwe in der Rolle des Stinkstiefels. Aber nachhaltigen Eindruck hat der Roman bei mir keinen hinterlassen. Das ist hier zum Glück anders.

    Die Ausgangsidee

    In "The First Fifteen Lives of Harry August" haben wir es mit Menschen zu tun (sie nennen sich selbst manchmal die Kalachakra), die nach ihrem Tod wiedergeboren werden - am gleichen Tag und im gleichen Körper wie beim ersten Mal. Sie bewegen sich also durch eine jahrzehntelange Zeitschleife, allerdings eine mit Variationen. Denn im Wesentlichen bleibt der Ablauf der Historie der gleiche, doch er lässt sich beeinflussen.

    Zudem können sich die Kalachakra an ihre früheren Leben erinnern. Und das eröffnet faszinierende Möglichkeiten: Die Unsterblichen können nicht nur versteckte Botschaften an ihre Artverwandten in der Zukunft hinterlassen, die Kommunikation funktioniert auch andersherum. Wenn ein wiedergeborenes Kind einen greisen Unsterblichen seiner Zeit kontaktiert, kann es ihn bitten, nach seinem Tod eine Botschaft in die eigene Kindheit mitzunehmen. Und immer so weiter - ein Kettenbrief durch die Jahrhunderte. Auf diese Weise erreicht die Titelfigur Harry August zu Beginn des Romans die Nachricht aus der Zukunft, dass sich der Weltuntergang beschleunigt hat. Man müsse etwas tun.

    Die Hauptfigur

    Harry wird in der Neujahrsnacht 1918/19 im Norden Englands geboren und kurz danach adoptiert: Ein Umstand, der ihm später wichtigen Schutz bieten wird, denn Unsterbliche tun gut daran, ihre Herkunft geheim zu halten. In der Folge macht er die typische Entwicklung eines Kalachakra durch: Nach seiner ersten, für ihn noch völlig überraschenden Wiedergeburt verfällt er bald dem Wahnsinn und begeht Selbstmord. In seinem dritten Leben sucht er vergeblich in Religionen nach Antworten (keine Angst, ist nur ein kurzer Streifzug). In seinem vierten gerät er erstmals an Normalsterbliche, die seine Fähigkeiten skrupellos ausnutzen wollen. Aber er übersteht auch das und entwickelt allmählich die notwendige Routine, um sich Gefahren zu entziehen. Dass er Kontakt zu erfahreneren Kalachakra knüpft, die ihn unter ihre Fittiche nehmen, hilft dabei immens.

    Die im Cronus Club lose vernetzten Kalachakra darf man sich nicht als illuminierten Geheimbund vorstellen, der aus dem Verborgenen die Geschicke der Welt lenkt. Im Gegenteil. Sie halten sich bewusst aus allem heraus, denn aus früheren Erfahrungen weiß man, wie gefährlich es sein kann, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen. "Complexity should be your excuse for inaction" lautet das Motto des Cronus Club - eine temporale Variante der Obersten Direktive, wie wir sie aus vielen Zeitreiseromanen kennen.

    Dolce Vita vs. Ernst der Leben

    Man nutzt die eigenen Möglichkeiten lediglich dazu, Mit-Kalachakra in deren schwierigen ersten Inkarnationen zu unterstützen und sich ansonsten ein schönes Leben zu gönnen: Je nach Laune betreibt man Privatforschungen oder experimentiert mit Drogen, sucht nach Zeitkapseln oder gestaltet selber welche (wie Harrys Mentorin, die der Nachwelt aus Jux ein schwer verschlüsseltes Rezept für Zitronensorbet hinterlässt). Einmal trifft Harry auf einen Söldner, der Kriege als Freizeitsport betrachtet: "Kuwait's a good 'un, and I've tried the Balkan shit too, though again that's all so much 'Kill the civilian, kill the civilian, run from the tank!' and I'm like, Jesus guys, I'm a fucking professional, do you have to give me this shit?" Was übrigens kurz darauf von ernsthaften Gedanken über die Sinnlosigkeit von Kriegen an sich gefolgt wird, so etwas streut die Autorin immer wieder geschickt, weil unaufdringlich ein.

    Natürlich drängen sich grundlegende Fragen geradezu auf, wenn die Handlung von Figuren getragen wird, die das Leben beinahe aus der Vogelperspektive betrachten können. Wiedergutmachung ist ein wiederkehrendes Thema im Roman (etwa in Harrys Verhältnis zu seinem biologischen Vater), oder auch Verantwortung: So begegnet Harry einmal einem Serienmörder und tötet diesen daraufhin in allen weiteren Leben, bevor er seine Taten begehen kann; mitleidlos und so routinemäßig wie Zähneputzen. Und unter allem schwelt die existenzielle Frage, die jeden Unsterblichen - natürlich stellvertretend für jeden Menschen überhaupt - umtreibt: Bin ich letztlich der einzige auf der Welt, der zählt?

    Spannung, Sprache, Raffinesse

    Wenn sich Harry ab seinem zwölften Leben auf die Spur desjenigen begibt, der den Weltuntergang herbeiführen wird, ist es mit dem Dolce Vita sowieso vorbei, für Harry wie für den ganzen Cronus Club. Es folgen Serienmorde, Spionage-Action und ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Harry und seinem Widersacher (God, but he lied beautifully; it was a masterclass. If I hadn't been concentrating so hard on my own deceit, I would have stood up and applauded.). Auch als Spannungsroman spielt "The First Fifteen Lives of Harry August" alle Stückeln.

    Trotz drohenden Weltuntergangs und eines daran beteiligten "Quantenspiegels" ist dies übrigens kein SF-Roman; es wird ja auch nie eine Erklärung versucht, wie die Wiedergeburten zustandekommen. Witzigerweise scheint sich eher die Struktur der Erzählung als die Handlung an der Physik zu orientieren. Kapitel mit Vor- und Rückblicken oszillieren um den Hauptstrang des Geschehens und machen das "Jetzt" zu einer so flüchtigen Größe wie dem Aufenthaltsort eines Elektrons in einem Atomorbital (ist aber trotzdem einfach zu lesen!). Und so, wie sich die Kalachakra zyklisch durch ihre jeweiligen Lebensspannen bewegen, gleichzeitig jedoch eine darüber hinausreichende Linearität erleben - das hat mich unwillkürlich an die "aufgerollten Extradimensionen" der Branen- und Stringtheorie erinnert.

    Womit wir beim letzten Kaufargument wären: der Sprache. Sehr schön. Nicht nur, dass die Hauptfigur und einige ihrer Weggefährten Briten sind und wunderbares Understatement pflegen. Die ganze Erzählung wird - selbst in Folterszenen! - von einem gelassenen Ton getragen. Gespeist aus der inneren Distanz, die jemand, der schon alles erlebt hat, zwangsläufig entwickelt - glaubwürdig ist dieser Stil also obendrein. Wie sagt Harrys Mentorin doch einmal? "One obtains a kind of neutrality after a while." Nicht jedoch gegenüber diesem Buch - ich fand es großartig.

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