Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2014

    Ansichtssache24. Jänner 2015, 15:37
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    Das Science-Fiction-Jahr 2014 im Schnelldurchlauf: Bemerkenswertes von Planet der A wie Affen bis Z wie Zeitschleifen

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    coverfoto: rororo

    Lauren Beukes: "Zoo City"

    Broschiert, 365 Seiten, € 15,50, Rowohlt Polaris 2014 (Original: "Zoo City", 2010)

    Mit "Zoo City" ist der südafrikanischen Autorin Lauren Beukes ein Kunststück gelungen: Nämlich einen Roman zu schreiben, der zwar eigentlich Urban Fantasy ist, sich aber wie Science Fiction anfühlt. So sehr offenbar, dass sich unter den diversen Preisen, die "Zoo City" eingeheimst hat, auch der Arthur C. Clarke Award befindet - und der ist doch rein der SF gewidmet. Ein bisschen mag mitgewirkt haben, dass alle noch Beukes' - ebenfalls in Südafrika angesiedeltes - Erstlingswerk "Moxyland" von 2008 im Hinterkopf hatten, das unter Cyberpunk fiel. Doch hat Beukes das Cyberpunk-Feeling voll auf diesen ihren zweiten Roman übertragen.

    Nach dem raffiniert konstruierten Zeitreisekrimi "Shining Girls", den ich bei dieser Gelegenheit auch noch einmal ausdrücklich als Teil der Jahresrundschau nennen möchte, ist "Zoo City" nun bereits der zweite Beukes-Roman, den Rowohlt herausgebracht hat. Und mit dem geht es mitten ins Genre: Kein unerklärlicher Einzelfall in einer ansonsten vertrauten Welt macht hier die Handlung aus, hier kommt ein ausgebautes fantastisches Setting ins Spiel.

    Die Romanwelt

    Genau genommen handelt es sich bei "Zoo City" um die Fantasy-Variante einer Alternativweltgeschichte. Von der unseren ist die Romanwelt nämlich bereits in den 1980ern abgebogen, als die ersten Aposymbionten bzw. Getierten auftauchten; flapsig auch als "Zoos" bezeichnet. Dabei handelt es sich um Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, und denen eine besondere Form von Buße auferlegt oder vielleicht auch eine zweite Chance zuteil geworden ist (ob vom Universum, einem Gott oder sonst irgendeinem übernatürlichen Faktor, weiß niemand).

    Jeder Betroffene verfügt in seinem zweiten Leben über eine besondere psychische bzw. magische Gabe. Und schleppt zudem als sichtbares Zeichen seines geächteten Status ein Tier mit sich herum, das wie aus dem Nichts neben ihm materialisiert ist und ihn fortan wie ein klassischer familiar begleitet. Mit diesen - zumindest teilweise intelligenten - Tieren verbindet die Zoos eine tiefe seelische Beziehung. Sie geht so weit, dass ein Zoo den Tod seines Tiers nur kurz überleben würde: Denn dann holt ihn das dunkle Gewalle des Sogs von der Welt. Das darf man sich ziemlich genauso vorstellen wie die Szene, in der Patrick Swayzes Widersacher in "Ghost" in die Hölle gezogen wird.

    Zinzi setzt sich auf die Spur

    Als zumindest nominelle Hauptfigur des Romans fungiert Zinzi December, eine ehemalige Journalistin, die den Drogen verfiel und Schuld am Tod ihres Bruders trägt. In ihrem neuen Leben als Zoo lebt sie in einem Gettodistrikt von Johannesburg mit einem Faultier namens "Faultier" als Begleiter. "Ich glaub, hier war ich schon mal. Ganz unten", fasst sie einmal die aktuelle Situation und ihr Leben zusammen. Mit galligem Humor und kleinkriminellen Gelegenheitsjobs hält sie sich mehr schlecht als recht über Wasser - etwa indem sie Scam-Mails verschickt und als "armes Flüchtlingsmädchen" auftritt, wenn ihr Ex-Dealer mal wieder naive Wohltäter aus dem Ausland angelockt hat. Aber irgendwie muss sie ja ihre Drogenschulden abstottern.

    Zinzis magische Gabe ist es, die Verbindungen zwischen Menschen und Gegenständen, die diese verloren haben, wahrzunehmen. Das spült zwar auch nicht viel Geld in die Kassa - doch ein neuer Job könnte das ändern: Die weibliche Hälfte eines erfolgreichen Teenie-Pop-Duos ist verschwunden und Zinzi nimmt den Auftrag an, das Mädchen zu suchen. Das führt zu einer kurvenreichen Handlung, über die die "Washington Post" nicht zu Unrecht schrieb: Man hat das Gefühl, die Autorin wusste nicht so recht, wie sie die Geschichte enden lassen soll, also hat sie die Macheten ausgepackt. Aber letzten Endes kommt doch alles noch irgendwie zusammen.

    Der eigentliche Star

    Wenn ich vorher von der "nominellen Hauptfigur" gesprochen habe, dann liegt dies daran, dass Zinzi zwar formal im Mittelpunkt steht und auch als Ich-Erzählerin fungiert. Der eigentliche Star des Romans ist aber Zoo City selbst, die ins Fantastische verschobene Variante des Johannesburger Stadtteils Hillbrow. Beukes beschreibt, aufbauend auf eigenen Erfahrungen, eine multikulturelle und von sozialen Spannungen gezeichnete Welt, die überaus lebendig wirkt: Ein wunderbares Beispiel für den seit einigen Jahren anhaltenden Trend, Phantastik von der "Peripherie" zu schildern; siehe auch Ian McDonald, Geoff Ryman, Paolo Bacigalupi oder Nnedi Okorafor.

    Reichtum und Elend liegen hier nur einen Steinwurf voneinander entfernt - und die Grenzen sind durchlässig. Das soziale Auf und Ab symbolisieren nicht nur Wolkenkratzer, die sich in einem ständigen Zyklus von Verwahrlosung und Re-Gentrifizierung zu befinden scheinen. Auch Zinzi selbst fungiert wie ein Fahrstuhl zwischen den Welten. Eben noch draußen in der Gated Community, wo ihr Kunde wohnt, pirscht sie anschließend durch die gefährlichen Straßen des Gettos, trifft ehemalige Journalistenkollegen im schicken Nachtclub und verkriecht sich zum Schlafen wieder in ihrem versifften Wohnsilo ohne Stromversorgung.

    Beukes hat für ihre muntere und wortspielreiche Sprache (die sich zumindest zum Teil auch ins Deutsche herübergerettet hat) viel Lob bekommen. Verbunden mit dem exotisch und gleichzeitig doch so realistisch anmutenden Gesellschaftspanorama, das sie hier zeichnet, ergibt das einen wirklich lesenswerten Roman. Und Rowohlt hat offenbar Blut geleckt: Schon im Juni soll Beukes' jüngster Roman "Broken Monsters" auf Deutsch erscheinen.

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