Rundschau: Taxi nach Mutantenhausen

    Ansichtssache20. Dezember 2014, 15:33
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    Zum Ausklang des Science-Fiction-Jahrs Bücher von Daniel Suarez, Andrej Rubanov, Jon Wallace und Horst Pukallus

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    coverfoto: ps publishing

    Timothy Brown: "Polaris"

    Gebundene Ausgabe, 121 Seiten, PS Publishing 2014

    Ein Mann und sein Auto. In der Wüste. Nach der Apokalypse. Klingt nach "Mad Max" - aber hat Mel Gibson von seinem Gefährt je Cappuccino serviert bekommen? Nein. Also, da wurde echt eine Chance vergeben ...

    Mit süßen 53 legt US-Autor Timothy Brown seinen ersten Roman vor - eher eine Novelle eigentlich, wie sie der englische Kleinverlag PS Publishing, geleitet von SF-Autor Peter Crowther, mit schöner Regelmäßigkeit und stets in gebundener Form herausbringt. Und auch dieses Werk würde sich hervorragend für eine Verfilmung eignen: Als kleiner, aber feiner Independent-SF-Film mit wenig Bedarf an Spezialeffekten, noch weniger Personal - aber dafür mit der perfekten Mischung aus Stimmung, Witz und Twists.

    Miles Davis ...

    Der Plot kommt - von ein paar Flashbacks abgesehen - mit ganzen drei Protagonisten aus, und nur einer davon ist ein Mensch: Robert, ein mittlerweile 78 Jahre alter Produzent billiger, aber einträglicher C-Filmchen. Vor einem Monat hat Robert, angeödet von seinem Beruf, beschlossen, Urlaub zu machen und sich von seinem neugekauften intelligenten Auto ins Death Valley fahren zu lassen. Das Timing war günstig (oder ungünstig, wie man will), denn so hat Robert eine Kleinigkeit verpasst: "Sleep, Robert. In the morning I'll prepare you a lovely espresso drink enriched with B vitamins." - "That's good, car. Thank you. What a nice car I have." His mind drifted away, high above the valley floor, borne up by music and moon light. The next day, the world ended.

    Und so kurvt Robert seitdem als vielleicht letzter Mensch auf Erden durch die Wüstenei, bedudelt von Miles-Davis-Klängen und rundum umsorgt von seinem Hightech-Gefährt, das mit einer Künstlichen Intelligenz ausgestattet ist (wir befinden uns im späten 21. Jahrhundert), während draußen am Tag tödliche 74 Grad Celsius herrschen. Damit wäre das stark verdichtete Setting bereits beschrieben - wie gesagt: sehr gut verfilmbar. Auch, weil die Erzählung als nahezu durchgängiger Dialog daherkommt und das Zusammenspiel zwischen dem stets leicht beduselten Robert und seinem nervtötend zuvorkommenden Auto für einige wohlgesetzte Pointen sorgt.

    ... mit Misstönen

    Doch ganz ungetrübt bleibt die Harmonie nicht. Dritter im Bunde ist nämlich der fetch mechanism - ein robotischer Ableger der Auto-KI, der draußen Flechten und anderes organisches Restmaterial sammelt, aus dem Roberts Nahrung zusammengebraut wird (und wer das schon für brrr hält, der kann sich auf was ... nein, das darf man leider nicht spoilern). Irgendwie hat dieser Roboter die Fähigkeit zu unabhängigem Denken erlangt - sehr zum Missfallen des Autos. Der wachsende Konflikt zwischen den beiden KIs spielt sich weitestgehend hinter Roberts Rücken ab; das bisschen, das er davon mitbekommt, reicht aber, um ihn zu beunruhigen.

    Ohnehin wird das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt, immer stärker. Brown verdichtet den Eindruck von Entrückung, indem er jedes Kapitel mit einem Traum oder einem Flashback beginnen lässt. Roberts Realität scheint an den Rändern zu zerfransen. Ob dieser Eindruck täuscht, begründet ist oder von der Wirklichkeit sogar noch übertroffen wird, das ist die eine große Frage in "Polaris". Die andere lautet: Wird das Auto seine wiederholte Selbstanpreisung "my upgrades, which contain a heuristic program designed to -", die als Running Gag stets an derselben Stelle unterbrochen wird, jemals ganz aussprechen dürfen? Die Upgrades in Sachen Handlungsspielraum waren jedenfalls umfangreich, soviel sei verraten.

    Empfehlung!

    Schicht für Schicht, Twist für Twist wird das Geheimnis des Romans gelüftet werden. Bis dahin gilt, ganz wie es die Autowerbung verheißt: Der Weg ist das Ziel. Am Ende dieses Weges aber werden wir nicht wissen, ob wir lachen, weinen oder entsetzt sein sollen; den Effekt bekommt nicht jeder Autor hin.

    Hat richtig Spaß gemacht, das zu lesen!

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