Rundschau: Taxi nach Mutantenhausen

    Ansichtssache20. Dezember 2014, 15:33
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    Zum Ausklang des Science-Fiction-Jahrs Bücher von Daniel Suarez, Andrej Rubanov, Jon Wallace und Horst Pukallus

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    coverfoto: heyne

    Andrej Rubanov: "Chlorofilija"

    Broschiert, 428 Seiten, € 10,30, Heyne 2014 (Original: "Chlorofilija", 2009)

    Es war großartig zu prosperieren. Es war wunderbar, morgens auszuschlafen und bis zum späten Abend zu florieren - und das jahrein, jahraus. Das Goldene Zeitalter kam ganz nebenbei, leicht und bezaubernd - keiner hatte es dem Volk nahebringen müssen, alles geschah von selbst. Wenn eine Gesellschaft derart im Glück schwelgt wie hier die russische in Andrej Rubanovs höchst originellem Roman "Chlorofilija" ... dann muss an der Sache einfach etwas faul sein. Das ist dem geübten SF-Leser von Anfang an klar - bis es der Hauptfigur dämmert, dauert's etwas länger.

    Viel schöner hätte sich Putin die Zukunft auch nicht ausmalen können: Während Europa in Armut, Amerika in Fettsucht und sämtliche Küstengebiete der Welt im Meer versunken sind, steht Russland da wie eine Eins. Mit einer unschlagbaren Ressource in der Hinterhand, der der Klimawandel nichts anhaben konnte: Sibirien. Das wurde kurzerhand an China verpachtet, und das aus Peking anrollende Geld ermöglicht den Russen nie gekannten Luxus. Niemand muss mehr arbeiten gehen (außer er will unbedingt), alle erhalten freie Grundversorgung und reichlich Taschengeld aufs Konto. Und über der Moskauer Autobahn schwebt ein riesiges Hologramm, das die staatliche Ideologie des absoluten Wohlstands auf den Punkt bringt: "Du bist niemandem etwas schuldig." Es ist, wie es an einer Stelle heißt, eine russische Gesellschaft "im Vorruhestand".

    Zu schön, um wahr zu sein

    Wer sich die Mühe machen wollte, Fragen zu stellen, der hätte dazu natürlich jede Menge Gelegenheit. Etwa warum die stark geschrumpfte, aber immer noch 40 Millionen Menschen umfassende Bevölkerung Russlands ihr gesamtes Hinterland aufgegeben hat und sich nun in den Wolkenkratzern der Megalopolis Moskau zusammendrängelt. Oder warum die obersten Etagen dieser Wolkenkratzer ausschließlich Chinesen zugänglich sind. Oder ob man nicht vielleicht doch ein bisschen zu abhängig von den als Arbeitsbienen verlachten Chinesen geworden ist: Alles, wirklich alles, was man in Moskau verbraucht, hat der fleißige Nachbar produziert. Sogar der Rubel wird in China gedruckt. Und ist die beliebte TV-Sendung "Nachbarn" - eine Art Verschmelzung von Facebook und "Big Brother" - nicht genauso ein Instrument der Kontrolle wie die Mikrochips, die jedem Bürger implantiert wurden?

    Im wahrsten Sinne des Wortes überschattet wird das alles jedoch von einer Moskauer Spezialität: Über Nacht sind dort vor ein paar Jahrzehnten die gigantischen Halme eines mysteriösen Gewächses aus dem Boden geschossen. 300 Meter hoch und unverwüstlich, nimmt dieses "Gras" den BewohnerInnen der unteren Etagen - folgerichtig die Blassen genannt - das Sonnenlicht. Dafür liefert es Fruchtfleisch, dessen Verzehr euphorisierende Wirkung hat: Die Blassen verschlingen es roh, die gebräunte Oberschicht destilliert daraus Pillen. Eine angeblich völlig nebenwirkungsfreie Wohlfühldroge frei Haus, wenn das nicht die Alarmglocken schrillen lassen sollte. Nicht umsonst ist einer der Schauplätze des Romans das Café "Soma" ...

    Der mühevolle Weg zum Licht

    Als Hauptfigur von "Chlorofilija" fungiert Saweli Herz: Anfang 50 und Starreporter eines erfolgreichen Monatsmagazins, da stellt man sich automatisch einen mit allen Wassern gewaschenen sympathischen Bärbeiß vor, wie er in neueren russischen SF-Romanen so gerne das Zepter schwingt. Doch Saweli wirkt überraschend passiv. Selbst wenn er auf Recherche ist, fallen ihm Informationen eher ungewollt zu, als dass er gezielt danach bohrt. Und allzu viel scheint er mit den Hinweisen, die er von diversen Gesprächspartnern erhält, auch nicht anfangen zu können. Ein weiteres Indiz für tiefgehende Verdrängungsprozesse, die sich hier unter der Oberfläche abspielen.

    Schon früh stellt man beim Lesen mit diebischem Vergnügen fest, dass sich die Moskauer eigentlich wie Pflanzen verhalten: Ihre ständige Gier nach (möglichst exklusiv abgefülltem) Wasser, der seltsame Höflichkeitskult, der sich darum entwickelt hat, dass man einem anderen nicht im Licht stehen darf, ihr Drang nach oben ... All das sind eigentlich bereits Indizien genug, doch Rubanov wird dies noch weiter treiben - bis zu einem Szenario, das durchaus an Eugène Ionescos "Die Nashörner" erinnert.

    "Chlorofilija" ist ein sehr bildhafter Roman. Sei es die vertikale Hierarchie der Moskauer Gesellschaft oder ihre Abhängigkeit von den Riesenhalmen: Es ist eine vom Konsum betäubte Gesellschaft, die die ihr auferlegten Einschränkungen nicht erkennt und fröhlich auf den Abgrund zutanzt. Wie metaphorisch das "Gras" ist, zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass seine Herkunft viel diskutiert, aber nie geklärt wird: Es könnte außerirdischen Ursprungs sein. Oder, gemäß einer anderen im Roman geäußerten These, auch die Manifestation all dessen, was in Russland schiefgelaufen ist ... letztlich spielt das keine Rolle.

    Empfehlung!

    Während sich der Roman in der ersten Hälfte noch recht munter und kraftvoll gibt ("Wichtig ist es, ein Stück abzubeißen. Ob du es schlucken kannst oder nicht, ist ohne Bedeutung."), vergeht den ProtagonistInnen in der zweiten Hälfte mit den Illusionen auch das Lachen. - Und jetzt Achtung, hier kommt die Message: Erst am absoluten Tiefpunkt angelangt, ist es wieder möglich, sich auf das Wesentliche zu besinnen - also das, was den Menschen ausmacht. Wie bedeutungslos das bisherige Leben im Glück war, dafür findet Rubanov beispiellos deprimierende Worte: Goscha hat ein kleines Speicherwerk - nicht größer als eine Faust, eine Flashcard. Darauf ist alles gespeichert, was die Menschheit je ersonnen hat - sämtliche Musik, alle Filme, Reproduktionen aller Bilder, Bücher, Gedichte, philosophische Werke. Goscha trägt in seiner Tasche die Kultur der ganzen Welt, sie wiegt nichts.

    Ein ausgesprochen gelungener Roman, mehr Strugatzki als Glukhovsky.

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