Rundschau: Taxi nach Mutantenhausen

    Ansichtssache20. Dezember 2014, 15:33
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    Zum Ausklang des Science-Fiction-Jahrs Bücher von Daniel Suarez, Andrej Rubanov, Jon Wallace und Horst Pukallus

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    coverfoto: gollancz

    Jon Wallace: "Barricade"

    Broschiert, 250 Seiten, Gollancz 2014

    Es ist die alte Geschichte: Nachdem ein Krieg zwischen der Menschheit und den von ihr gezüchteten Kunstwesen die Erde verwüstet hat, haben sich die letzten Reste der Zivilisation in die Städte zurückgezogen und hinter gigantischen Mauern verbarrikadiert. Und da bleibt man besser auch, denn in der vergifteten, radioaktiven Wüste, die sich zwischen diesen befestigten Oasen erstreckt, lauern die wilden Horden derer, die nicht zur Gänze ausgemerzt werden konnten. An dieser Stelle sollte man vielleicht noch erwähnen, dass die wilden Horden in diesem Fall die Menschen sind.

    Eine frische Stimme im Genre: Jon Wallace ist ein junger Autor aus England, der nach diversen Kurzgeschichtenveröffentlichungen mit "Barricade" seinen ersten Roman vorlegt. Und der ist ausgesprochen gelungen: Mit einer kräftigen Prise schwarzen Humors gewürzt und deshalb sehr unterhaltsam - obwohl es um nichts Geringeres als ein Holocaust-Szenario geht.

    Die Ausgangslage

    Aufgezogen wird die Handlung an einem klassischen Roadtrip: Kenstibec, in seinem jetzigen Leben Taxifahrer, soll die Reporterin Starvie von Edinburgh nach London kutschieren, zwei der besagten Barrikadenstädte. Und zwischen denen liegt eine lange Strecke dreckiges, düsteres, deprimierendes Ödland. Strahlung, giftige Chemikalien und Mikroben können den beiden zwar nichts ausmachen, gehören sie doch zu den Ficials: nanotechnologisch aufgemotzten Kunstmenschen, denen schon seeehr viel zustoßen muss, ehe sie sich nicht mehr regenerieren können.

    Aber da sind ja noch die Reals, also die Letzten der verseuchten, vergifteten und verstrahlten echten Menschen. Die befinden sich zwar allesamt in unterschiedlichen Stadien des körperlichen Verfalls, setzen aber jede verfügbare Energie dafür ein, ihre Widersacher, die neben ihnen wie wandelnde Hochglanzannoncen aussehen, zu vernichten. Weshalb Kenstibecs "Taxi" auch eher so etwas wie ein schwer bewaffnetes Geländefahrzeug ist - allerdings ausdrücklich kein gepanzertes, wie man es aus Zombiefilmen kennt. Da legt der alte Profi Wert drauf, denn in einem Panzer kann man sehr leicht festgesetzt und abgemurkst werden (wenn der Gegner nur wie ein Zombie aussieht, sein Hirn aber noch tadellos funktioniert).

    Kenstibec kurvt mit seiner Passagierin durch ein Albtraumland, kämpft gegen Reals, ist live bei der Belagerung der Barrikadenstadt York durch ein Real-Heer dabei, begegnet überraschend der Person, die die Ficials einst entwickelt hat, und erlebt in London schließlich eine noch größere Überraschung, wenn er feststellen muss, dass es Kräfte gibt, denen ein Genozid noch nicht genug war - machen wir doch gleich den nächsten. Unterstützung erhält Kenstibec auf seiner gefahrvollen Reise von einem Real, den er als kundigen Führer aufgabelt. "Fatty" nennen ihn die beiden Ficials mit der ihnen eigenen Einfühlsamkeit; sein Körper ist nämlich von einer Blue Frog genannten tödlichen Seuche aufgequollen. Seine Tage sind gezählt - aber für diesen Trip werden seine Kräfte schon noch reichen.

    Gestern, heute und kein morgen

    Die Gegenwartsebene erzählt Wallace parallel zu Rückblicken auf die Zeit, als alles noch (beinahe) in Ordnung war. Damals - es ist erst wenige Jahre her - sollten die innovativen Ficials Großbritannien zu neuer Blüte verhelfen. Kenstibec beispielsweise war ursprünglich Bauarbeiter. Das schlägt immer noch gelegentlich durch, wenn er mitten im unpassendsten Moment - zum Beispiel einem Massaker - architektonische Details begutachtet: Ein Anflug von "Psychologie" im Roman und dazu ein potenzieller Pointenlieferer. Allerdings hätte Wallace da noch mehr rausholen können. Ich nehme aber an, dass der Autor diese tendenziell nerdige Perspektive nicht forcieren wollte, weil die Attraktivität von Bautechnik doch ihre Grenzen hat.

    Andere Ficials erledigten Sexarbeit oder - Achtung, zynischer Einschlag - ballerten die Flüchtlingsmassen nieder, die vom kriselnden Festlandeuropa ins immer noch ganz gut funktionierende Königreich flüchten wollten. Und dann gab es da noch Control, jene denkende und lenkende Entität, die die Ficials im Hintergrund kommandierte. Mit dem Auftrag, die Welt zu einem lebenswerteren Platz zu machen. Und die dennoch hauptverantwortlich dafür ist, dass der allergrößte Teil der britischen Bevölkerung getötet wurde (Wallace verwendet dafür das scheußliche Wort culling, das wir aus der Viehzucht kennen). Den Rest der Welt erledigten die "religiösen Irren unter ihrem Mormonenpräsidenten" von jenseits des Atlantiks, als sie auf die Aktion der Ficials mit ABC-Waffeneinsatz reagierten.

    All das können wir uns nach den ersten Kapiteln schon recht gut zusammenreimen. Wie genau die Apokalypse aber abgelaufen ist, was hinter ihr steckt und warum Control auf der Gegenwartsebene verstummt ist - das wird sich parallel zu Kenstibecs Reise erst nach und nach zu einem äußerst makabren Bild zusammenfügen.

    Humor der schwärzesten Sorte

    Wer erinnert sich noch an die postapokalyptischen Kinder aus "Mad Max 3", die sich zum Geschichtenerzählen einen hölzernen "Fernseherrahmen" vors Gesicht hielten? Tja, die Glotze ist eine Kulturmacht - deswegen haben auch Wallaces Reals in ihren Elendsquartieren nichts Dringenderes zu tun, als überall möglichst schnell wieder lokale TV-Sender aufzubauen. Auf denen schauen sie sich dann Archivbilder von Überwachungskameras aus der guten alten Zeit an. Die Ficials halten dagegen und strahlen aus ihren Städten via Cull TV endlose Abfolgen von Massenvernichtung aus. Was unweigerlich die televisionäre Rüstungsspirale weiterdrehen lässt: Die Belagerung von York wird als schrilles TV-Spektakel inszeniert, dessen Details ich lieber nicht spoilern will. Aber nennen wir's ein "Wetten, dass ...?" für Fortgeschrittene.

    Die besten Pointen liefert allerdings der Umstand, dass die perfekten Ficials doch einen Makel haben (auch wenn sie diesen nicht als solchen empfinden): Sie haben keine Gefühle. Was zu ganz neuen Umgangsformen führt: Als zu Beginn der Reise beispielsweise Starvie Kenstibec die Hucke vollquatscht, schlägt er sie kurzerhand bewusstlos - und sie nimmt ihm dies nach dem Aufwachen auch gar nicht sonderlich übel: "Did you hit me just then?" "Yes", I said, "but it was only to hurry things up. You were getting all introspective."

    Darunter: der Abgrund

    Mit Kenstibec haben wir einen Ich-Erzähler, dessen schlichtes Gemüt und fehlende Empathie der Geschichte einen ganz eigentümlichen und sehr originellen Ton verleihen. Seine Nonchalance, nicht zuletzt in Bezug auf Gewalt, verblüfft ebenso, wie sie immer wieder für Pointen sorgt. Doch kaum einen Schritt davon entfernt lauert stets der Horror. In einem der präapokalyptischen Rückblicke wird Kenstibec vom kleinen Sohn seines Besitzers gefragt, ob es den Ficials Spaß macht, Menschen zu töten. Kenstibec verneint wahrheitsgemäß. Doch im Stillen ergänzt er: The truth is, I don't want to kill him, but I don't want not to kill him either.

    Diese einzigartige Perspektive ermöglicht es Wallace, sich einen ganzen Roman lang an der Grenze von Grauen und Humor entlangzutasten. Mit einem wirklich beachtlichen Erstlingswerk als Ergebnis. Wie gesagt, eine frische Stimme im Genre - und eine sehr willkommene.

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