Rundschau: Die Wahrheit ist hier drinnen

    Ansichtssache15. November 2014, 10:00
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    coverfoto: underland press

    Darin Bradley: "Chimpanzee"

    Gebundene Ausgabe, 208 Seiten, Underland Press 2014

    Eine "Soft Apocalypse" ganz im Stil von Will McIntoshs gleichnamigem Roman zeichnet US-Autor Darin Bradley in seinem Zweitling "Chimpanzee". Keine Fortsetzung seines sehr gut aufgenommenen Debüts "Noise", aber ebenso wie dieses und das geplante "Totem" Teil einer dystopischen Dreifalt: drei Szenarien des gesellschaftlichen Niedergangs, nicht zusammenhängend, aber thematisch verwandt.

    Das Szenario

    Die Wirtschaft (zumindest die der USA, vermutlich aber der ganzen Welt) ist zusammengebrochen - aber nicht bevor der Wissenschaft ein entscheidender Durchbruch gelungen ist: Die Struktur des menschlichen Bewusstseins konnte so genau aufgeschlüsselt werden, dass gezielte Eingriffe und Änderungen möglich sind. Die Anlagen zu jeder Form von psychischer Störung können schon früh erkannt und im Keim erstickt werden. Soweit die gute Seite.

    Die weniger gute bekommt der Erzähler am eigenen Leib bzw. an der eigenen Psyche zu spüren. Benjamin Cade unterrichtete Literaturwissenschaft an einer privaten Uni, bis er wegen des Wirtschaftskollapses seinen Job verlor. Weil er deshalb seinen Studienkredit nicht mehr zurückzahlen kann, wird er zur Repossession verurteilt: Sein nicht vollständig bezahltes und daher "unrechtmäßig erworbenes" Fachwissen wird ihm wieder entzogen. Nicht gelöscht, das ist nicht möglich. Aber systematisch geblockt, sodass er keinen Zugriff mehr darauf hat.

    Verlust und Widerstand

    In einer Reihe von Sitzungen dröselt eine Therapeutin die "Indizes" von Bens Bewusstsein auf und macht ihm seine enteigneten Gedanken Schicht für Schicht, Assoziation für Assoziation, unzugänglich. Damit verliert Ben aber mehr als nur seine Expertise. Denn Fachliches und Privates lassen sich nicht immer komplett voneinander trennen: Was ist zum Beispiel, wenn er eine geniale Idee während eines Gesprächs mit seiner Frau Sireen hatte? So etwas läuft dann unter "Kollateralschäden": Ganze Situationen verschwinden aus Bens Gedächtnis. Eine Reihe von textlich abgesetzten Flashbacks macht dies deutlich. Je länger die "Therapie" anhält, desto mehr häufen sich in diesen Passagen die Leerstellen. "Chimpanzee" ist somit - unter anderem - die Geschichte einer Persönlichkeitsveränderung.

    Aber obwohl Ben als insgesamt ziemlich passiver Charakter gezeichnet wird, beschließt er etwas zu tun, solange er geistig dazu noch in der Lage ist. Er stellt sich in den Park und unterrichtet alle, die ihm zuhören wollen, in seinem Fachgebiet: Rhetorik, Linguistik und Philosophie. Das klingt aufs Erste nicht unbedingt so brisant, dass es die Polizei unterbinden müsste (wie es bald geschieht). Oder dass eine studentische Bewegung, die sich mit kreativen Methoden gegen den autoritären Zukunftsstaat auflehnt, Ben zu einer Art Guru machen müsste (wie es zu Bens Überraschung ebenfalls geschieht). Aber vielleicht steckt in Bens vermeintlich abstraktem Wissen über die Grundlagen des Denkens tatsächlich genug revolutionäres Potenzial, um eine Veränderung herbeizuführen: Das ist der einzige, aber vielleicht entscheidende Hoffnungsschimmer in einem ansonsten unglaublich melancholischen Roman.

    Ungemütlich nahe Zukunft

    Ähnlich wie McIntosh setzt Bradley den wirtschaftlichen Niedergang auf nicht-reißerische und dafür umso glaubwürdigere Weise um: Er beschreibt eine Fahrt Bens und seiner Frau zu einer Auktion für beschädigte Waren und beinahe abgelaufene Lebensmittel, ganze Straßenzüge von nach Zwangsräumungen leerstehenden Häusern oder Versuche, lokale Mikro-Ökonomien auf Tauschbasis aufzubauen. Kein einziges Symptom der New Depression wirkt SF-mäßig spektakulär, was das Szenario umso mehr an die Gegenwart heranrücken lässt.

    Um dem Niedergang entgegenzuwirken, hat der Staat unter dem Stichwort Homeland Renewal ein Maßnahmenpaket verabschiedet, das nur auf den ersten Blick an Roosevelts New Deal aus den 30er Jahren erinnert. Während damals Infrastrukturprojekte die Wirtschaft wiederbeleben sollten, handelt es sich in Bradleys Welt um Strafarbeit. Schon das geringste Vergehen wird als domestic terrorism against the common good gewertet. Wofür es früher Geldstrafen gab, dafür muss man nun in einer Arbeitskolonne antreten. Was Straßenreinigen oder Krankenpflege ebenso bedeuten kann wie ... mit dem Handy durch die Straßen zu patrouillieren und "verdächtiges Verhalten" an die Behörden zu melden.

    Zusätzlich zur Repossession muss Ben auch zu solcher Sozialarbeit antreten. In Uniform, bewacht von Bewaffneten, die jeden Verstoß gegen die unglaublich kleinlichen Verhaltensregeln drakonisch bestrafen; es ist ein ähnlich demütigendes System wie in einem Bootcamp. Bemerkenswert aber, in welcher Stille dies hingenommen wird. Man könnte spekulieren, ob die obligatorische Eliminierung psychischer Auffälligkeiten die Bevölkerung auch insgesamt folgsamer gemacht hat. Aber vielleicht ist das auch nur eine verzerrte Wahrnehmung, weil wir die Welt aus der Perspektive des passiven Ben erleben.

    Die theoretische Seite

    Darin Bradley hat in einem Interview erklärt, dass in Ben viel von ihm selbst eingeflossen sei. Nicht zuletzt der Umstand, dass sich sowohl Autor als auch Erzähler professionell mit Kognitionswissenschaften beschäftigt haben. Was übrigens auch heißt: "Chimpanzee" ist mitunter durchaus anspruchsvoll zu lesen. Nicht nur durch das verwendete Fachvokabular, sondern auch dadurch, dass Ben jede Situation und jedes Gespräch aus linguistischer bzw. erkenntnistheoretischer Perspektive reflektiert.

    Und Bradley setzt sogar noch eins drauf und schaltet einen weiteren Wahrnehmungsfilter dazwischen. Eine neue Modeerscheinung breitet sich nämlich aus, das Chimping. Datenbrillen-artige Apparate ermöglichen es, die Welt aus der Sicht von jemand anderem zu sehen; bevorzugt von jemandem, dessen Psyche nicht normiert wurde. Unter anderem stürzt Bradley Ben bzw. uns LeserInnen vorwarnungslos für einige Seiten in die Wahrnehmung eines Menschen mit einer Zwangsstörung. Beeindruckend! Keine simple Effekthascherei übrigens, denn für die Handlung wird dieses Chimping mehrfach eine entscheidende Rolle spielen.

    Wir brauchen eine Revolution

    "We are not in charge", lautet der zentrale Satz des Romans. Auch der bezieht sich ursprünglich auf einen kognitionstheoretischen Aspekt - nämlich auf die Illusion von einem verantwortlichen "Ich", das bewusst Informationen aufnimmt und auf deren Grundlage rationale Entscheidungen trifft (während in Wirklichkeit der Großteil unserer Wahrnehmungen und Reaktionen an dem, was wir als unser Ich empfinden, vorbeiläuft). Doch er lässt sich auch auf Ben als Individuum anwenden, das weniger handelt, als von einer Situation in die nächste zu rutschen. Und auf die Gesellschaft als Ganzes, die erst wieder lernen muss, sich gegen ihre Entmündigung zu wehren.

    Und obwohl es in diesem überaus beeindruckenden Roman letztlich um Wiederaneignung und die Hoffnung auf Besserung geht, nehme ich als Abschlusszitat doch noch ein Beispiel für den Ton, der den Großteil der Erzählung prägt: Melancholie, wie sie melancholischer nicht sein könnte. The radio slips between stations. The mountains are breaking up the broadcast into its constituent parts. Hissing and squealing. "You know, ten percent of that radio static is left over from the Big Bang," Sireen says. I wait long enough after she's said this before I turn it off. It's just noise, after all. Salvage from the universal wrack.

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