Rundschau: Die Wahrheit ist hier drinnen

    Ansichtssache15. November 2014, 10:00
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    coverfoto: septime

    James Tiptree Jr.: "Sternengraben"

    Gebundene Ausgabe, 334 Seiten, € 22,90, Septime 2014 ("The Starry Rift", 1986)

    Ein seltenes Ereignis für mich: Erzählungen von James Tiptree Jr., die ich zuvor noch nicht gelesen hatte! Ganz zufällig ist das nicht, denn in Tiptree-Best-ofs wurden und werden diese Spätwerke kaum jemals berücksichtigt. Geschrieben in den letzten beiden Jahren, bevor Alice B. Sheldon, die Frau hinter dem männlichen "Tiptree"-Pseudonym, im Alter von 71 Jahren ihren kranken Ehemann erschoss und sich anschließend selbst das Leben nahm. Das Auffliegen ebendieses Pseudonyms, der Tod ihrer Mutter, eigene Krankheiten, psychische Probleme und Drogenkonsum: All das war in den Jahren zuvor allmählich kulminiert und wirkte sich auch auf Sheldons schriftstellerische Arbeit aus - ihren Zenit als Autorin hatte sie damals schon längst überschritten.

    Die Struktur

    Die drei hier vereinten Geschichten sind zwar voneinander unabhängig, haben aber jeweils denselben Hintergrund: den "Sternengraben", eine sternenarme Region am Rande der menschlichen Föderation, und die Raumstation "FedBase 900". Die Erzählungen wurden noch zu Tiptrees Lebzeiten zu einem Band zusammengefasst und mit einer "Rahmenhandlung" versehen. Das kann man sich in etwa wie "Disneys Lustige Taschenbücher" vorstellen - damals, als sich der Ehapa-Verlag noch die Mühe machte, die Einzelstories durch solche zwischengeschobenen Episoden zu verbinden. Als Kind habe ich mich seinerzeit immer gewundert, warum die Zeichnungen dort nicht so gut waren wie in den eigentlichen Geschichten ... aber als sie dann ganz damit aufhörten, habe ich es vermisst.

    Die Rahmenhandlung in "Sternengraben" tut übrigens nichts zur Sache: Ein Alien-Bibliothekar plaudert mit seinen KundInnen (Angehörigen eines anderen Alienvolks) und empfiehlt ihnen Geschichten aus früheren Zeitaltern, die wir dann auch zu lesen bekommen. Twists oder große Einsichten bieten die Episoden in der "Universität Deneb, Große Zentralbibliothek" nicht. Aber wie gesagt: Der Gedanke zählt.

    Liebe und Tod

    In "Das einzig Vernünftige" ("The Only Neat Thing to Do") bekommt die unternehmungslustige Coati Cass ein kleines Raumschiff zum 16. Geburtstag geschenkt und macht sich darin ohne Wissen ihrer Eltern zur Erkundung des Sternengrabens auf. Dort gerät sie in Kontakt mit Sporen (was in der Science Fiction selten Gutes verheißt) und trägt fortan eine fremde Nano-Lebensform im Körper. Zwischen ihr und diesem als weiblich empfundenen Wesen namens Syllobene entwickelt sich aber überraschenderweise eine freundschaftliche Beziehung; und vielleicht sogar ein bisschen mehr als das.

    Obwohl die Geschichte in der 3. Person erzählt wird, erinnert sie an ein Girlie-Tagebuch. Der Stil ist aufgekratzt und wimmelt nur so von Rufzeichen (Sie hat es geschafft! Ihr erster Sprung allein!). Man könnte auch sagen: So liest es sich, wenn ein älterer Mensch Jugendlisch spricht bzw. schreibt. Im Kontrast dazu steht das typischste aller Tiptree-Motive, die Verknüpfung von Liebe und Tod. Die Umstände von Sheldons eigenem Tod, der zum Zeitpunkt, als sie dies schrieb, nicht mehr allzu fern war, klingen in dieser durchaus kitschigen Teenagerliebe auf mehrfache Weise an. Was der Erzählung eine tragisch ominöse Note verleiht.

    Herzblatt unter erschwerten Umständen

    Ein unwahrscheinliches Zusammentreffen mitten im Nichts ist der Plot von "Lebt wohl, ihr Lieben" ("Good Night, Sweethearts"): Raven, Pilot eines Bergungsschleppers, stößt auf eine im Sternengraben treibende Raumjacht, versorgt sie mit Treibstoff und warnt die Richniks an Bord vor Piraten. Vergeblich, denn die Jacht wird kurz nach seinem Abflug gekapert - aber Raven kehrt zurück und stürzt sich beherzt in den Kampf.

    An Bord der Jacht ist auch Illyera, Ravens Jugendliebe. Die Wege der beiden hatten sich getrennt, als sie zum "Gridshow"-Star wurde und er zum Militär ging. Jetzt ist sie eine kosmetisch aufgemotzte Greisin, während Raven aufgrund vieler Kälteschlafphasen bei Unterlichtflügen biologisch immer noch 30 ist. Und als wäre das nicht schon problematisch genug, befindet sich als Gefangene an Bord des Piratenschiffs auch noch ein Klon zweiter Generation von Illyera. Nun, lieber Raven, wer soll jetzt dein Herzblatt sein: Illyera, die Frau mit den Runzeln, die mit dir all die schönen Erinnerungen an früher teilt und in die du dich einst verliebt hast? Oder die junge Laine, die für dich zwar eine völlig Fremde ist, die aber genauso aussieht wie deine ehemalige Geliebte und in dir das gleiche Begehren weckt? Raven wird diesen Konflikt auf eine interessante Weise lösen.

    First Contact mit Hindernissen

    Handlungszeitlich vor den beiden anderen Erzählungen ist "Kollision" ("Collision") angesiedelt. Damals war der Menschheit die jenseits des Sternengrabens residierende Zivilisation der Ziellor noch unbekannt - wir dürfen sie uns übrigens als zyklopische Riesenkängurus vorstellen, auf deren Körper Wasser so zersetzend wie Säure wirkt. Dafür kennen die Ziellor bereits die Menschen - zumindest einen Haufen abtrünnige KolonistInnen, die einige Welten im Einflussbereich der Ziellor überfallen und einem Schreckensregiment unterworfen haben. Als nun ein offizielles Erkundungsschiff der Föderation im Gebiet der Ziellor ankommt, hat man alle Hände voll damit zu tun, nicht gelyncht zu werden. Zudem gilt es zu verhindern, dass die ahnungslose Föderation selbst angegriffen wird und ein interstellarer Krieg beginnt.

    Die Geschichte wird durch einige Verfremdungselemente aufgewertet. Zum Beispiel stellt sich das Geschehen für die Menschen an Bord von FedBase 900 zeitversetzt dar. Sie erfahren immer erst dann vom Voranschreiten des Konflikts, wenn eine Nachrichtenkapsel des Erkunders eintrifft - und noch während man deren Inhalt studiert, kann sich die Lage längst verändert haben. Zudem entwirft Tiptree einen metaphysischen Effekt, der sowohl Menschen als auch Ziellor betrifft: Offenbar projiziert jede Zivilisation eine Art geistiges Feld um sich, das jeden beeinflusst, der da von außen hineingerät. Mit dem Effekt, dass man sich in seinem biologischen Körper plötzlich fremd fühlt - die menschlichen Crewmitglieder des Erkunders etwa "vermissen" plötzlich ein zusätzliches Paar Arme und können sich nur schwerfällig bewegen, weil ihnen der unterstützende Känguruschwanz "fehlt".

    The lesser works of James Tiptree Jr.

    Das klingt eigentlich durchaus Tiptree-typisch. Alleine, es fehlt die gewohnte erzählerische Kraft. Sei es die etwas kitschige Schwärmerei in "Lebt wohl, ihr Lieben", das halblustige Pidgin-Galaktisch, das in "Kollision" geradebrecht wird oder ein Wort wie Ultrasuperabsorptionsfeld. Es wirkt, als wäre Sheldon nicht mehr mit Ernst bei der Sache gewesen - ohne aber den rasanten Humor der Erzählungen aus ihrer frühesten Schaffensphase wie etwa "Geburt eines Handlungsreisenden" zu erreichen. Die Geschichten sind nicht schlecht (so mancher Autor wäre froh, wenn er das hinbekäme). Doch sie machen ein wenig traurig, weil sie nach einem Autor klingen, der seinen Stil verloren hat und vergeblich nach einem neuen sucht. Zumindest zwei der Erzählungen hätte ich nicht als Tiptree-Werke erkannt, wenn ich es nicht gewusst hätte.

    Fassen wir es so zusammen: Für Tiptree-Fans sind diese Erzählungen natürlich alleine schon wegen ihres Seltenheitswerts obligatorisch. Doch sind sie - zumindest in Relation dazu, wie hoch die Autorin einst die Latte gelegt hatte - doch recht ... tralala. Das wird umso deutlicher werden, wenn im nächsten Jahr der Band "Liebe ist der Plan" mit einigen großartigen Erzählungen aus der Zeit, als Sheldon auf dem Höhepunkt ihres Schaffens stand, folgt. Auf den freue ich mich jetzt schon!

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