Rundschau: Die Wahrheit ist hier drinnen

    Ansichtssache15. November 2014, 10:00
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    coverfoto: penhaligon

    George R. R. Martin (Hrsg.): "Wild Cards: Das Spiel der Spiele"

    Broschiert, 542 Seiten, € 15,50, Penhaligon 2014 (Original: "Wild Cards: Inside Straight", 2008)

    Und weiter geht's mit Veröffentlichungen, die auf der Erfolgswelle von "Game of Thrones" schwimmen: Mehr als ein Verlag hat dieser Tage in George R. R. Martins Bibliografie gekramt, um Erfolgversprechendes zu Tage zu fördern. Gibt ja auch genug Lesenswertes, etwa den SF-Band "Planetenwanderer" bei Heyne (auch wenn ich in dem Fall eher zur Originalfassung rate). Oder die derzeit sogar mit TV-Spots beworbene "Wild Cards"-Reihe. Zu der es möglicherweise einiger einführender Worte bedarf, denn im Netz kursieren Kommentare, von wegen: Das hat ja gar nicht Martin selbst geschrieben. Stimmt. Und stimmt auch wieder nicht.

    "Das ist ja gar nicht von Martin ..."

    Zunächst einmal gehört "Wild Cards" nicht der Fantasy im eigentlichen Sinne, sondern dem Superheldengenre an. Die Prämisse ist ebenso einfach wie praktisch, eine Art einheitliche Feldtheorie für das Superheldengetümmel, wie wir es von Marvel und DC kennen: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Wild-Cards-Virus ausgebreitet, das jede Menge Menschen getötet und einen kleinen Prozentsatz in Joker oder Asse verwandelt hat - also körperlich verändert und/oder mit speziellen Kräften ausgestattet. Danach folgte die Geschichte dieser Welt weitgehend der unseren - nur eben mit Superhelden und -schurken.

    Angelegt ist das Ganze als Shared Universe, zu dem schon so prominente AutorInnen wie Roger Zelazny, Howard Waldrop, Pat Cadigan oder Walter Jon Williams beigetragen haben. George R. R. Martin ist nicht der ursprüngliche Erfinder dieses Universums, hat sich aber als Herausgeber und immer wieder auch als Autor einzelner Erzählungen zu dessen Adoptivvater entwickelt. Gemeinsam mit Melinda M. Snodgrass hält er die "Wild Cards" zusammen ... womit er auch ganz schön zu tun hat, denn die 1987 gestartete Reihe blickt auf eine recht abwechslungsreiche Geschichte zurück und vagabundierte von Verlag zu Verlag. Auf Deutsch erschienen bislang nur die Bände aus der 80er-Jahre-Tranche bei Heyne. Und während diverse Titel aus den 90ern unübersetzt blieben, hat sich nun Penhaligon des jüngsten "Wild Cards"-Schwungs angenommen, der ab 2008 bei Tor Books erschien. Der nächste Band dieser Tranche folgt im Sommer 2015: "Der Sieg der Verlierer" soll er heißen.

    "Das ist ja gar kein Roman ..."

    "Wild Cards" stand stets im Zeichen des Kurzformats, innerhalb der Reihe überwiegen die Anthologien die Romane deutlich. Dieser Band hier, "Das Spiel der Spiele", ist zwar ein Roman, aber mosaikartig angelegt. Neben Martin und Snodgrass beteiligt waren Daniel Abraham (der von der "Expanse"-Reihe her eine Koautorenschaft ja gewohnt ist), Michael Cassutt (für den dasselbe gilt, siehe "Himmelsschatten"), Carrie Vaughn, Caroline Spector, John Jos. Miller, S. L. Farrell und Ian Tregillis ("Bitter Seeds"). Ganz schöner Auftrieb!

    Die Workflowlösung sah so aus, dass sich die einzelnen AutorInnen aus dem Figurenensemble des Romanexposés jeweils einen Superhelden herauspickten und für die Dauer ihres Beitrags zum Mittelpunkt machten. Mancher tat dies in Form einer in sich relativ abgeschlossenen Kurzgeschichte (rührend etwa Tregillis' Fokussierung auf den schlicht gestrickten und fälschlich des Rassismus bezichtigten Rustbelt, der vom Hassobjekt zum Helden wird). Andere fügten sich nahtlos in den Handlungsbogen ein. In Summe ist das Ganze übrigens kohärenter als so mancher Roman von einem Einzelautor, den ich schon gelesen habe, also keine Angst!

    Zur Handlung

    Den großen Rahmen zeichnet Daniel Abraham: "Sein" Ass ist Jonathan Hive, ein junger Mann, der sich in einen Wespenschwarm verwandeln kann (viele der hier vorgestellten Superkräfte sind ähnlich bizarr wie die in China Miévilles "Dial H"). Jonathan bewirbt sich für die Castingshow "American Hero", in der America's Next Top Superhero gesucht wird. Dass er gleich als erster Kandidat rausgewählt wird und ins Verliererhaus umziehen muss, stört ihn wenig - schließlich möchte er Journalist sein und Hintergründiges bloggen. Dass er dafür seine Einzelbestandteile buchstäblich wie Aufklärungsdrohnen ausschwärmen lassen kann, kommt ihm dabei sehr zupass.

    Nebenbemerkung: Während bildlose Superheldengeschichten heute nichts Besonderes mehr sind, waren Martin & Co damit in den 80ern fast noch Avantgarde. Lange glaubte man ja, dass solche Plots ohne Visualisierung lächerlich wirken würden (in "Das Spiel der Spiele" vermisst man Bilder aber nur selten - etwa wenn beschrieben wird, wie unsere Helden mit Tieren im Zoo ringen). Dafür liegt die Verknüpfung mit einer Reality-Show derart auf der Hand, dass die "Wild Cards"-SchöpferInnen in diesem Punkt nicht nur vom allesverwurstenden Comic-Universum überholt wurden, sondern sogar von der Wirklichkeit selbst: 2006/2007 ließ nämlich niemand Geringeres als Stan Lee am Syfy-Channel KandidatInnen in der Castingshow "Who Wants to Be a Superhero" antreten. Die Gewinner der beiden Staffeln wurden anschließend zu Comic-Figuren gemacht.

    Die raue Wirklichkeit

    Herumgelungere im Luxuscontainer, Eifersüchteleien, Absprachen, Rollenverhalten und Challenges prägen diesen Handlungsstrang - ganz wie man es von "Big Brother" kennt ("Das ist echt wie in der Highschool"). Außerhalb dieser Entertainment-Blase gibt es aber noch eine andere Welt, und in der weht ein rauerer Wind. Nachdem der Kalif Großarabiens von einem westlichen Geheimdienst ermordet wurde, sind im Nahen Osten Unruhen ausgebrochen. Leidtragende sind die Joker - also die körperlich Veränderten - der Region, denen man das Attentat in die Schuhe geschoben hat. George R. R. Martin selbst übernimmt es, den Roman auf eine ernstere Bahn zu bringen und schildert in seinem Teil Flüchtlingselend und Massaker.

    "Das Spiel der Spiele" stellt die beiden Welten einander gegenüber - dezent holzhammermäßig, wenn vom Hotel Luxor in Las Vegas direkt ins Flüchtlingslager des ägyptischen Luxor gesprungen wird. Die Verknüpfung der beiden Handlungsstränge wirkt vielleicht einen Tick an den Haaren herbeigezogen. Aber irgendwie müssen die ProtagonistInnen ja dorthin gelangen, wo statt inszenierter Challenges echte, lebensbedrohliche Herausforderungen auf sie warten. Die Diskrepanz zwischen Heldentum und TV-Heldentum könnte größer nicht sein ... sollte man meinen. Doch wenn unsere Asse erst einmal ins Spiel der Mächte geraten sind, stellt sich die Frage, ob sie hier nicht wieder genauso instrumentalisiert werden wie in der Welt des Fernsehens.

    Das ist ja ... insgesamt ziemlich unterhaltsam

    Zugegeben, dem Castingshow-Handlungsstrang hätte man auch etwas weniger Platz einräumen können, die eine oder andere Challenge wirkt schon recht redundant. Und natürlich ist die Schreibe bei insgesamt neun AutorInnen mal unterhaltsamer (Abraham, Martin), mal unscheinbarer (Vaughn). Aber alles in allem ermöglicht "Das Spiel der Spiele" einen guten Neueinstieg in die Reihe anhand ihrer vierten(?) und jüngsten Inkarnation. Und für diejenigen, für die es ein Wiedereinstieg ist, sind diverse Anknüpfungen an frühere Erzählungen enthalten. Golden Boy! Jetboy! John Fortune!

    Die Gretchenfrage, die sich mir am Ende eines "ersten" Teils immer stellt, lautet aber so: Möchte ich wissen, wie es mit den Figuren weitergeht? Hier war die Antwort ja. Gutes Zeichen.

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