Rundschau: Die Wahrheit ist hier drinnen

    Ansichtssache15. November 2014, 10:00
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    Akte XX-Chromosom mit Gillian Andersons Romandebüt, "Metropolis"-Maria und der Weltherrschaft von Slutbot

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    coverfoto: heyne

    Gregory Benford & Larry Niven: "Sternenflüge"

    Broschiert, 590 Seiten, € 15,50, Heyne 2014 (Original: "Shipstar", 2014)

    "Ringwelt"-Fans dürften dieses Buch mit dem gleichen Gefühl zuschlagen, mit dem "HdR"-Fans das Kino nach dem "Hobbit" verlassen: Hätten wir das also auch gehabt. Eh alles schön und gut, unterhaltsam war's auch, und es steckt unleugbar eine Menge Können drin. Aber irgendwie fehlt der Zauber.

    Nochmals kurz an die Handlung des Vorgängerbands "Bowl of Heaven" ("Himmelsjäger") erinnert: Eine menschliche Weltraumexpedition ist mit einem Haufen tiefgefrorener KolonistInnen zu einem potenziell besiedelbaren Exoplaneten unterwegs, als man plötzlich ein gigantisches Objekt auf gleichem Kurs entdeckt: Einen Zwergstern, der eine künstliche "Schüssel" respektive "Schale" von einigen Lichtminuten Durchmesser hinter sich herzieht. Und die ringförmige "Wand" dieser Schale ist bewohnt. Außenteams beginnen die riesige Kunstwelt zu erkunden und geraten dabei in Konflikt mit deren Verwaltern, den vogelähnlichen Astronomen, die sich selbst schlicht das Volk nennen. Einige bereits gefallene Andeutungen zur Herkunft dieses Volks werden sich in Band 2 der Dilogie übrigens bestätigen - was man davon halten mag, bleibt jedem selbst überlassen. Ich habe mich unwillkürlich an eine "Star Trek: Voyager"-Folge erinnert gefühlt, bei der ich seinerzeit nur die Augen verdreht habe, die aber allgemein als eine der besseren der Serie gilt. Well.

    Menschen als Handlungselemente

    Ein Phänomen, das mir schon in Band 1 aufgefallen ist, setzt sich hier gleich zu Beginn fort: Die Menschen an Bord des Expeditionsschiffs "SunSeeker" treffen nicht immer die allernachvollziehbarsten Entscheidungen. Am Anfang von "Shipstar" bzw. "Sternenflüge" (wieder mal ein deutscher Titel aus dem SF-Zufallsgenerator) schafft es nämlich eines der Außenteams nach langer Schalen-Safari endlich an Bord der "SunSeeker" zurück - nur eine Person wird verletzt zurückgelassen. Das Erstaunliche daran: Niemand verschwendet in der Folge einen Gedanken daran, ob bzw. wie man die verlorene Tochter zurückholen könnte. Was nicht nur menschlich, sondern auch ein klassischer Plot-Driver wäre. Hier jedoch wird die Betroffene vermutlich eher dafür gebraucht, sie im Umfeld der Astronomin Memor zu platzieren, um diesen Handlungsfaden aufzuwerten.

    Dass ich mit Memor ein Alien als einzige Handlungsfigur beim Namen nenne, liegt einfach daran, dass mir die Menschen allesamt sehr austauschbar vorkamen - eher wie reine Handlungsfaktoren. Eine Gruppe ist an Bord des Raumschiffs (und trifft gleich die nächste haarsträubende Entscheidung ... also wäre ich ein Astronom, hätte ich die destruktiven Eindringlinge auch von meiner Schale geputzt). Eine Gruppe zieht noch durch die Gegend und guckt der Schalenwelt unter den Rock. Und die verbleibende Einzelperson muss für biologische Experimente herhalten.

    Biologismus in Reinkultur

    Womit wir schon beim ganz fetten Stichwort BIOLOGIE wären. Cliff runzelte die Stirn. Evolutionstheorie mitten in einem Kampf ... und wir runzeln mit. Denn für ein kleines Pläuschchen über die Zusammenhänge zwischen dem menschlichen bzw. astronomischen Verhalten und den jeweiligen evolutionären Grundlagen der beiden Spezies scheint hier tatsächlich immer Zeit zu sein. Selbst wenn ringsum die Fetzen fliegen. Benford und Niven machen sich einen noch größeren Spaß daraus, die Biologie als Erklärung für alles heranzuziehen, als ein Alan Dean Foster.

    Mitunter schießen sie dabei auch ein bisschen übers Ziel hinaus. Etwa wenn die gefangene Tananareve Bailey sich nach den Bäumen der Erde sehnt, als wollte sie sämtliche Primaten-Vorurteile der Astronomen bestätigen. Oder wenn es zum zweibeinigen Gang der Menschen heißt: "Ich glaube, ihre besondere Fortbewegungsart - ein kontinuierliches kontrolliertes Fallen - hat im Verlauf ihrer Evolution Improvisationsgeschick gefördert. Sie entwickeln neue Ideen weitaus schneller, als wir es vorhersehen konnten."

    Fremdes und weniger fremdes Leben

    Bei den Astronomen selbst haben sich die Autoren sehr bemüht: Die Verwalter der Schalenwelt denken anders als Menschen, da sie Kontrolle über ihr Unterbewusstsein haben. Sie können das Geschlecht wechseln und verändern damit auch ihre Persönlichkeitszüge. Und sie sind extrem langlebig, was sich auch in ihrem Planen und Denken niederschlägt. Bemerkenswerterweise ist in der Astronomen-Gesellschaft selbst trotz all dieser Faktoren in Summe nichts rausgekommen, das fremdartiger oder beeindruckender wäre als ein byzantinischer Beamtenstaat, in dem fortwährend in ausgeklügelt ritualisierter Form um den persönlichen Status gerungen wird.

    Glücklicherweise hat das Autorenduo aber noch mehr auf Lager. Schöne Ideen, die wieder etwas Sense of Wonder versprühen, sind beispielsweise Städte, deren Form weithin lesbare Botschaften bildet, uralte Intelligenzwesen aus supraleitenden Flüssigkeiten oder eine Spezies, die das Sternenplasma bewohnt. Vakuumblumen, die das Sternenlicht einfangen, kennt man allerdings bereits, teils von Paul McAuley, teils von Niven selbst bzw. den Killergewächsen seiner Ringwelt. Und Dinosaurier sind für sich genommen zwar faszinierend, in Science-Fiction-Erzählungen kommen sie jedoch meistens eher pulpig rüber - wenn jemand überzeugende Gegenbeispiele kennt, bitte posten!

    This is Old School!

    "Es ist irgendwie beruhigend", sagte Aybe, "dass an einem so fremdartigen Ort wie diesem Flansche, Sechskantschrauben, Druckringe und Kugellager hergestellt werden." - "Technik ist universell", erwiderte Terry. Das ist ein wesentlicher Punkt: Larry Niven und Gregory Benford sind beide der Hard SF zuzuordnen. Deshalb kommen hier auch keine quasi-magischen Technologien vor. So beeindruckend die Schalenwelt auch sein mag - sie beruht nur auf einem höheren Level technischer Durchführungsmöglichkeiten, als sie der Menschheit zur Verfügung stehen. Nicht auf einem höheren Verständnis des Universums. Die Besucher der Schalenwelt können sich also zumindest vorstellen, wie das Trumm funktioniert.

    Dass wir es mit zwei Autoren der alten Schule zu tun haben, zeigt sich auch an dem Umstand, dass die Hardware hier weitaus wichtiger ist als die Software. KIs beispielsweise gibt es - sie spielen für die Handlung aber keine Rolle. Und man hängt auch nicht ständig in irgendeinem Info-Netz herum. Der goldigste Old-School-Einschlag kommt jedoch in Form einer Botschaft xenophober Aliens daher: Um die Menschen davon abzuhalten, ihr System zu besuchen, schicken sie ihnen ein Video, in dem eines der Aliens den stärksten aller Menschen massakriert: Superman. Für mich das Highlight des ganzen Romans!

    Ein von Herzen kommendes Naja

    Im Anhang gehen die beiden Autoren noch einmal auf die physikalischen Grundlagen ihrer Schalenwelt ein und betonen bei der Gelegenheit, dass diese etwas gaaaanz anderes sei als die Ringwelt. Naja, wenn sie meinen. Mir kam das alles recht bekannt vor. Wenn sie gegen Ende den Schluss von Arthur C. Clarkes Kurzgeschichte "Rescue Mission" paraphrasieren, dann hätte ich das unter anderen Umständen als gewitztes Zitat empfunden. Nach all den Déjà-vus in der Handlung davor hatte dann aber selbst das für mich eher den Ruch einer Gebrauchtware.

    Verbunden mit dem Umstand, dass man die gesamte Handlung der beiden dicken Bände im Grunde in eine einzige Episode einer TV-Serie stecken hätte können, bleibt für mich daher nur das oben schon genannte Resümee: Hätten wir das also auch gehabt. Oder anders ausgedrückt: Die "Schalenwelt" ist für den literarischen Kosmos des Larry Niven das, was "Voyager" für "Star Trek" war.

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