Rundschau: Die Wahrheit ist hier drinnen

    Ansichtssache15. November 2014, 10:00
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    Akte XX-Chromosom mit Gillian Andersons Romandebüt, "Metropolis"-Maria und der Weltherrschaft von Slutbot

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    coverfoto: heyne

    Hal Clement: "Schwerkraft"

    Broschiert, 782 Seiten, € 15,50, Heyne 2014 (Original: "Mission of Gravity", 1953, "Close to Critical", 1964, und "Starlight", 1971)

    Wer Robert L. Forwards Hard-SF-Klassiker "Das Drachenei" mochte, sollte sich auch das hier nicht entgehen lassen. Mit "Mission of Gravity" schrieb der US-amerikanische Autor, Astronom und Chemiker Hal Clement nämlich schon 1953 einen Roman, der wie der Prototyp des "Dracheneis" wirkt. Auch hier geht es um den friedlichen Kontakt zwischen der raumfahrenden Menschheit und einer Spezies, die auf einer Welt mit extremer Schwerkraft lebt. (Und wie Forwards Cheela leiden deshalb auch Clements Meskliniten unter extremer Höhenangst; von wegen verheerende Folgen eines Sturzes und so.) Diese Spezies - eine weitere Parallele - lebt anfangs noch auf Steinzeitniveau, befindet sich aber in einem rasanten Aufholprozess.

    Die wunderbare Welt der Schwerkraft

    "Unternehmen Schwerkraft" ("Mission of Gravity") ist einer von drei Romanen Clements, die Heyne hier in einem Omnibus zusammengefasst hat. Und alle drei demonstrieren, was für ein genialer Planetendesigner der Mann war. So ist Mesklin, Schauplatz des Romans von 1953, ein Ellipsoid, dessen Schwerkraft an den Polen hunderte Male stärker ist als am Äquator. Mit Müh und Not kann sich der Erdenmensch Charles Lackland am Äquator aufrechthalten und dort den einheimischen Seefahrer Barlennan für eine wichtige Mission gewinnen. Eine Raketensonde ist in den Bereichen Mesklins abgestürzt, die keines Menschen Fuß je betreten wird. Die soll nun Barlennan mit seiner Crew bergen. Als Belohnung erlangt er Wissen, von dem er nie zu träumen wagte. Aber das weckt in Barlennan auch Ambitionen, und das kleine raupenförmige Wesen kocht durchaus sein eigenes Süppchen - denn selbst der ehrlichste Händler überlegte es sich zweimal, jemanden in seine Geheimnisse einzuweihen.

    Die eigentlichen Stars des Romans sind aber Physik und Topographie, auf die Uwe Neuhold im Anhang noch einmal ausführlich eingeht. Der Roman ist im Wesentlichen eine große Überlandfahrt durch die wunderbare Welt der Schwerkraft. Hier treibt kein Konflikt die Handlung voran, dafür nimmt die Schilderung von Abläufen breiten Raum ein. Hal Clement betont den Begriff "Science Fiction" eindeutig auf der ersten Hälfte. Dafür muss man in Kauf nehmen, dass die Dialoge zumindest im ersten Roman eher steife Informationsübermittlung als wirkliche Gespräche sind. Das wird sich in den späteren Romanen aber zunehmend organischer entwickeln.

    ... wie "Stützpunkt auf Dhrawn" ("Starlight") von 1971, der dritte der hier versammelten Romane, zeigt. Der wiederholt im Wesentlichen den Plot von "Mission of Gravity" eine Generation später. Diesmal gehen einige Meskliniten - unter ihnen auch wieder Barlennan - auf einer noch extremeren Welt in den Einsatz: einem Braunen Zwerg von 3471-facher Erdmasse. Wie in allen drei Romanen geht es hier um Lernprozesse, und die Action basiert nicht auf handgreiflichen Konflikten, sondern auf der Durchführung einer Mission.

    Fantastische Finsterwelt

    Es gibt englischsprachige Omnibus-Ausgaben, in denen diese beiden Romane mit kürzeren Erzählungen zusammengestellt wurden, die direkt mit ihnen verbunden sind. Heyne hat für seine Ausgabe stattdessen "Botschafter von den Sternen" ("Close to Critical") aus dem Jahr 1964 mitaufgenommen, der da nicht direkt dazugehört. Doch muss ich sagen, dass ich über diese Entscheidung alles andere als unglücklich bin - mir persönlich gefällt dieser Roman am besten von allen dreien.

    Wieder ist es derselbe Grundplot: Menschen verfolgen aus dem Orbit mit, wie gewitzte Einheimische auf einer Welt, die wir nicht betreten könnten, die Kohlen aus dem Feuer holen. In diesem Fall sind es die geschuppten, achtbeinigen Bewohner der finsteren Höllenwelt Tenebra - und sie tragen Namen wie Nancy oder Nick, was anfangs für leichte Verwirrung sorgt. Hintergrund: Ein vor Jahren auf Tenebra gelandeter Roboter hat eine Brut der Einheimischen entführt und in menschlichem Sinne erzogen. Warum auch nicht, schließlich sollte erst zwei Jahre später in einem anderen fiktiven Universum die Oberste Direktive der Nichteinmischung erfunden werden ... (Was in Clements 71er-Buch übrigens anklingt: Da hatte sich der Gedanke von "Star Trek" offenbar bereits verbreitet.) Nebenbei bemerkt hat Clement damit einen eleganten Weg gefunden, eine seiner Schwächen zu überspielen: Alle seine Aliens denken und handeln nämlich seeehr menschlich. Hier allerdings ist das plausibel, denn diese Außerirdischen wurden ja auch als Menschen erzogen.

    Aber zurück zum eigentlichen Reiz: Die Atmosphäre von Tenebra besteht aus Wasser, das sich - siehe Originaltitel - am sogenannten "kritischen Punkt" befindet. Durch die enorme Hitze und einen Druck von 800 Atmosphären gehen der flüssige und der gasförmige Zustand hier ineinander über, was einen permanenten Wandel bewirkt. Gewässer bilden sich an der Oberfläche und verschwinden über Nacht wieder. Dampf kann sich plötzlich zu gewaltigen Tropfen zusammenballen, in denen man einen Elefanten ertränken könnte - für die Eingeborenen hingegen sind dies nur Dichteschwankungen. Wenn sie in flüssig gewordenem Wasser nicht mehr atmen können, versinken sie einfach vorübergehend in Bewusstlosigkeit und wachen wieder auf, sobald das Wasser verdampft. Kurz: Es ist eine fremdartige, äußerst faszinierende Welt. Ich kann mich nicht erinnern, dergleichen schon anderswo gelesen zu haben.

    Kein Planet ist wie der andere

    In "Stützpunkt auf Dhrawn" heißt es an einer Stelle, dass es drei Typen von Planeten gebe - eine Aussage, die sich an dem orientierte, was wir damals aus unserem Sonnensystem kannten. Inzwischen kennen wir fast 2.000 Exoplaneten, und erst in den letzten paar Jahren hat sich durch ständige Verfeinerung der Messmethoden gezeigt, dass die Palette an Varianten bedeutend größer ist. Möglicherweise ist es sogar so, dass einige der verbreitetsten Varianten in unserem Sonnensystem gar kein Pendant haben - außerirdische Besucher könnten sich also wundern, was das hier für ein exotisches System ist.

    Leider konnte der 2003 verstorbene Hal Clement das nicht mehr miterleben, es hätte ihn vielleicht zu neuen, noch fantastischeren Szenarien inspiriert. Aber immerhin war es ihm noch vergönnt, die Bestätigung zu bekommen, dass es außerhalb unseres Systems unzählige Welten gibt. Es muss für ihn ein Fest gewesen sein.

    Advent, Advent, der Hut brennt

    Nach der Rundschau ist vor der Rundschau. Ich bin wild entschlossen, vor Weihnachten noch eine reguläre Ausgabe durchzubringen, ehe es im Jänner wieder ein Jahres-Best-of gibt. Mögliche Themen im Dezember sind eine Stadt, die sich dem Untergang entgegenstemmt, eine Taxifahrt mit Mutanten und ein Wild-West-Szenario mit gigantischen Solarkraftanlagen. Die Auswahl hängt allerdings wegen des Zeitfaktors auch ein bisschen davon ab, wie fett die jeweiligen Bücher sind. Novellen! Novellen! Mein Königreich für eine Novelle! (Josefson, derStandard.at, 15. 11. 2014)

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