"Atmosphäre wie im Fußballstadion"

Interview24. September 2014, 16:10
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Der Deutsche Martin Kaymer spielt ab Freitag zum dritten Mal beim Ryder Cup. Der Faszination des Duells zwischen den besten Golfern aus Europa und den USA kann auch er sich nicht entziehen

STANDARD: Wie unterscheidet sich die Atmosphäre beim Ryder Cup von einem ganz normalen Turnier?

Kaymer: Ryder Cup – mehr geht im Golfsport eigentlich nicht und daher ist es etwas ganz anderes. Beim Ryder Cup ist es noch viel lauter, viel emotionaler. Beim Abschlag schreien 20.000 Menschen deinen Namen, feuern dich an. Da geht es bei anderen Turnieren gesitteter zu. Aber mir gefällt das sehr. Die Atmosphäre ist dann ein bisschen wie im Fußballstadion.

STANDARD: Wie muss sich der als Einzelspieler erzogene Sportler mental für so ein Turnier umstellen?

Kaymer: Auch das ist eine andere Situation und ich musste lernen, mich daran zu gewöhnen. Jedes andere Turnier im Jahr spielst du für dich selbst, du bist alleine für deinen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. Beim Ryder Cup bist du ein Teil eines Teams und ordnest dich dem Erfolg des Teams unter. Das macht den Ryder Cup nicht nur für die Fans, sondern auch für uns Spieler sehr emotional und besonders. 24 Spieler aus Europa und USA spielen nicht um Preisgelder oder Weltranglistenpunkte, sondern um die Ehre.

STANDARD: Ist der Druck für den Spieler größer, wenn er nicht nur für sich spielt?

Kaymer: Ja, das würde ich schon sagen. Wobei ich es als positiven Druck bezeichnen würde, denn es ist eine so große Ehre und tolle Möglichkeit sein Land und seinen Kontinent zu repräsentieren. Es macht mich sehr stolz zum dritten Mal im Team Europa zu sein. Ein Sieg ist auch emotionaler, auch weil so viele Leute da mit dran hängen. Es bedeutet viel mehr, für Europa zu gewinnen.

STANDARD: Was wissen Sie über den Kurs, wo liegen die Besonderheiten in Gleneagles?

Kaymer: Gleneagles ist ein toller Austragungsort für den Ryder Cup 2014. Zumal der Platz für Matchplay super geeignet ist. Mit einer riskanten Spielweise kannst du hier viel gewinnen – aber im Gegenzug auch viel verlieren. Der Platz belohnt gute, offensive Schläge, bestraft aber auch Fehler gnadenlos. Alles in allem ein sehr fairer Platz.

STANDARD: Viele Experten bezeichnen Europa als klaren Favoriten in diesem Turnier. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Kaymer: Ich glaube, dass wir ein Duell auf Augenhöhe erleben werden und sehe weder Europa noch die USA in der klaren Favoritenrolle. Nur der Heimvorteil spricht ein wenig für uns in meinen Augen, auch wenn wir am Wochenende mit britischen Wetterverhältnissen zu tun haben sollten.

STANDARD: Sie haben 2012 den Ryder Cup zu Europas Gunsten entschieden, das "Miracle von Medinah" ging in die Sportgeschichte ein. Welche Bedeutung hatte dieser Triumph?

Kaymer: Ohne Frage war das einer der größten Momente meiner Karriere. Der emotionalste war es in jedem Fall und noch immer ist es unglaublich, was an diesem Tag passiert ist. Die Mannschaft hat ein historisches Comeback hingelegt und ich konnte mit dem Putt zum Sieg meinen Teil dazu beitragen. Den Putt kann mir niemand mehr nehmen. Medinah werde ich nie vergessen.

ryder cup
Ein Rückblick auf das "Miracle von Medinah" 2012.

STANDARD: Sie haben 2014 als erster Kontinentaleuropäer die US Open gewonnen. Ist Ihr Ansehen in den USA damit gestiegen?

Kaymer: Es ist schon ein gutes und stolzes Gefühl jetzt nicht nur einmal ein Major gewonnen zu haben, sondern seit diesem Jahr sogar zwei. Dazu der Sieg bei der Players Championship dieses Jahr, das als inoffizielles fünftes Major der Saison zählt. Ich merke, dass auch die amerikanischen Fans und Medien das registriert haben. So wurde ich im Juni von der PGA Tour auch zum Player of the Month gewählt, eine tolle Auszeichnung.

STANDARD: Wie erklären Sie sich ihre Leistungssteigerung in diesem Jahr, waren Sie davon selbst ein bisschen überrascht?

Kaymer: Nein, überrascht war ich nicht. Ich habe ja jeden Tag im Training gemerkt, dass ich Golf spielen kann und nur darauf gewartet, bis ich das auch endlich wieder bei Turnieren abrufen kann. Dass ich dann in so kurzer Zeit zwei so große und prestigeträchtige Turniere gewonnen habe, ist natürlich doppelt schön gewesen.

STANDARD: 2010 waren Sie mit 25 der Rookie, Phil Mickelson ist mit 44 noch dabei. Gibt es im Golf eigentlich so etwas wie ein bestes Alter?

Kaymer: Man sagt, dass man zwischen 30 und 40 die besten Jahre im Golf hat, aber es gibt trotzdem immer wieder Golfer, die das Gegenteil beweisen. Mit den Jahren verliert man vielleicht an Länge, gewinnt aber an Erfahrung. Das Schöne am Golf ist eben auch, dass man es auch im höheren Alter noch sehr professionell und gut spielen kann.

STANDARD: Deutschland zeigt wie Österreich Interesse am Ryder Cup 2022. Wäre das für Sie ein großes Ziel?

Kaymer: Ich wäre dann 37 Jahre alt – also auch noch immer mittendrin. Natürlich wäre es dann für mich eine spektakuläre Gelegenheit, dort mitzuspielen. (E-Mail-Interview, Philip Bauer, DER STANDARD, 25.9.2014)

Martin Kaymer (29) aus Düsseldorf ist seit Ende 2005 Golfprofi, hat bisher 20 Turniere (zwei Majors) gewonnen und fast 17 Millionen Euro Preisgeld kassiert. Die aktuelle Nummer zwölf war 2011 acht Wochen lang Weltranglistenerster.

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    Der Deutsche ist schon in der Vorbereitung ein gefragter Mann.

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