Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfoto: heyne

    Ramez Naam: "Nexus"

    Broschiert, 622 Seiten, € 10,30, Heyne 2014 (Original: "Nexus", 2013)

    Manchmal glaubt man schon früh, die Limits eines Romans zu erkennen, und merkt dann erst nach und nach, dass man seinen ersten Eindruck revidieren muss. Zum Beispiel hier: Ramez Naams Romandebüt "Nexus" beginnt als konventioneller Technikthriller mit sehr konventioneller Personenkonstellation. Die Sprache ist straight, die Sätze kurz - und schon früh tauchen klischeehafte Formulierungen auf wie: Heiß glühte ihr Körper unter seinen Händen. Oder: Sie kamen, um ihn zu holen, und nur Gott konnte denen helfen, die sich ihnen in den Weg stellten. Und ich dachte schon: Oje.

    Aber das bessert sich. Oder vielleicht ist es mir nur nicht mehr aufgefallen, weil "Nexus" immer mehr an Spannung gewinnt, bis es schließlich richtig packend wird. Und das Schöne daran ist, dass diese Spannung gar nicht in erster Linie durch die Action zustande kommt (von der es reichlich gibt, Naam erspart seinen Figuren und uns keine Grausamkeit). Nein, die kommt auf eine andere Weise ins Spiel - aber mehr dazu später.

    Das Szenario

    Wir schreiben das Jahr 2040 und befinden uns in einem Setting, das irgendwo zwischen "Mission Impossible" und "Johnny Mnemonic" angesiedelt ist: Es cyberpunkelt - aber noch nicht so stark wie in den Zukunftswelten der frühen 80er. Der Autor - ein US-amerikanischer Software-Entwickler und Experte für transhumane Technologien - kann hier seine Expertise ausspielen: Wir lesen von einer ganzen Reihe plausibel wirkender informations- und biotechnologischer Innovationen. Diejenige, um die es hauptsächlich geht, ist allerdings illegal. Und keiner weiß, woher sie gekommen ist: Nexus.

    Nexus wird als "Droge" bezeichnet. Eigentlich handelt es sich dabei aber um nanotechnologische Konstrukte, die sich im Körper ansiedeln und in einem Gehirn-Computer-Interface resultieren können. Von der ursprünglich nur kurzfristig wirksamen Substanz gibt es inzwischen mehrere Ableger, die dauerhaft und zu kreativen Zwecken eingesetzt werden können: Etwa um sich eine programmierte Zusatz-"Persönlichkeit" mit speziellen Fähigkeiten (sagen wir: einen Casanova oder einen Bruce Lee) anzueignen, die in der passenden Situation die Körpersteuerung übernimmt. Am wichtigsten ist aber der Effekt, dass die NutzerInnen untereinander in quasi-empathischer bzw. -telepathischer Weise kommunizieren können. Und just diese friedlichste aller Anwendungen wird Mord und Totschlag auslösen.

    Hauptgrund dafür ist, dass die USA mal wieder einen ihrer Motto-Kriege führen und die restliche Welt großteils mit reingezogen haben: Nach dem Krieg gegen den Terror und dem Krieg gegen Drogen steht nun der Krieg gegen posthumane Bedrohungen auf dem Menü. Und wird mit aller undemokratischen Härte geführt, die man sich nur vorstellen kann: Überwachungswahn und Zensur, Missachtung der Souveränität anderer Staaten, Ausschaltung der Justiz, gezielte Morde und keinerlei Bedenken wegen Kollateralschäden - kurz: eine völlige Skrupellosigkeit im Namen der Sicherheit.

    Die Hauptfiguren ...

    Und die geballte Staatsmacht stürzt auch sogleich wie eine Tonne Ziegelsteine auf Kaden Lane herab, einen Doktoranden der University of California, der etwas naiv mit seinem eigenen Nexus-Update herumexperimentiert. Der Heimatschutz erpresst Kaden zur Mitarbeit - andernfalls würden alle seine bei einer Razzia hopsgenommenen Freunde auf Nimmerwiedersehen in einem Staatsgefängnis verschwinden. So wird Kaden nach Thailand geschickt, um dort die geniale chinesische Wissenschafterin Su-Yong Shu zu treffen, deren technologische Innovationen die USA als Bedrohung einstufen.

    Bewacht wird Kaden von der schlagkräftigen Agentin Samantha Cataranes. Unbemerkt folgt ihnen zudem Kadens Freund Watson Cole nach, ein ehemaliger US-Soldat, der sich von den Umtrieben seines Landes angewidert abgewandt hat. Er ist als einziger der Regierungsrazzia entkommen, versucht mit seiner Vergangenheit klarzukommen und dafür zu sorgen, dass die Zukunft besser wird.

    ... und ihr Dilemma

    Wie gesagt: Es folgt jede Menge Hauen, Stechen, Schießen und Sprengen. Das allein wäre aber nichts Besonderes - viel interessanter ist der innere Konflikt, in den sämtliche Hauptfiguren der Reihe nach geraten. Samantha etwa, die klar die Anti-Transhumanismus-Linie ihrer Regierung vertritt. Allerdings kann sie auch schwer übersehen, dass sie aufgrund ihrer diversen Augmentierungen im Grunde selbst längst kein "normaler" Mensch mehr ist. Zudem empfindet sie eine Nexus-bedingte empathische Verschmelzung als etwas durchaus Positives.

    Kaden wiederum droht zunächst im Konflikt der Mächte zerrieben zu werden und muss erst mal einen Überblick gewinnen, welche Seite ihm als die sympathischere (oder weniger schlimme) erscheint. Zum einen die mit rücksichtsloser Brutalität, aber auch echter Sorge vorgehende Regierung seines Landes. Zum anderen Su-Yong Shu, deren Vision von der transhumanen Zukunft auch nicht frei von Brisanz ist. Shu hat - wie übrigens die meisten Hauptfiguren - aufgrund ihrer Vergangenheit wirklich gute Gründe, die bestehenden Machthaber zu hassen. Doch verheißen auch ihre Rachepläne wenig Gutes.

    Die Motive beider Seiten werden immer wieder in neuem Licht dargestellt und machen es schwer, zwischen "gut" und "böse" zu unterscheiden. Zudem blitzen auch ganz andere Sichtweisen des Themas auf. Etwa wenn Kaden mit buddhistischen Geistlichen in Kontakt kommt, die das Thema menschliche Weiterentwicklung ganz entspannt sehen und daher auch neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen sind. Sollte Technik-Nerd Kaden ausgerechnet hier eine Antwort auf die Frage finden, welchen Weg er - für sich und für die Menschheit - einschlagen soll? Und das ist es, woraus "Nexus" seine Spannung bezieht: Nicht aus bloßer Action, sondern aus der bis zum Schluss offenen Frage, wofür sich die Romanfiguren letztlich entscheiden werden. Eine der besten Arten, Spannung zu erzeugen, wie ich finde.

    Standing on the shoulders of giants

    Das Grundszenario des Romans kann in der SF auf eine lange Tradition zurückblicken. Das Entstehen einer neuen Spezies mit erweitertem Potenzial, die von der alten Menschheit bekämpft wird, das gibt es spätestens seit A. E. van Vogts Telepathen-Roman "Slan" aus dem Jahr 1940. Ein Beispiel für die jüngere, stärker technikbezogene Variante desselben Grundthemas wäre etwa Ian McDonalds "Cyberabad". Womit wir schon mitten im Thema Singularität wären, das wir unter anderem von Charles Stross, William Gibson oder Greg Bear sehr gut kennen und das in "Nexus" natürlich auch eine große Rolle spielt.

    All diese Autoren haben jeweils eigenständige Szenarien für eine technologische Singularität entwickelt (am originellsten vielleicht immer noch das von Bears "Blutmusik"). "Nexus" erschien mir im Vergleich dazu zunächst wie die Hollywood-Version des Themas, eine Art gestreamlinte Version der Ideen anderer. Aber wie gesagt: Ich habe meine Meinung im Verlauf der Lektüre geändert. Auch Naam hat seine eigene Herangehensweise ans Thema (den berühmten Mehrwert) gefunden. In diesem Fall ist es die feste Verankerung des zukünftigen Geschehens in den politischen Problemfeldern unserer Gegenwart, insbesondere dem fundamentalen Kampf von "Sicherheit" versus Freiheit.

    Besonders deutlich wird dies am Ende des Romans, wenn Naam noch einmal eine Figur zu Wort kommen lässt, deren Biografie wohl nicht von ungefähr der seinen ähnelt: Wie er kam auch sie als Kind von Einwanderern in jungen Jahren in die USA. Und wendet sich schließlich mit einem offensichtlich von Herzen kommenden Appell an die Öffentlichkeit, das einstige "Land of the Free" wieder auf den Weg zurückzubringen, für den es einst stand.

    P.S.

    Die letzte Strophe ist damit übrigens noch nicht gesungen: Die Fortsetzung "Crux" ist vor ein paar Wochen erst im Original erschienen und wird hoffentlich ebenfalls übersetzt werden. Ausgerechnet "Fraktal"-Autor Hannu Rajaniemi meinte dazu, dass ihm nach der Lektüre von "Crux" der Kopf geschwirrt habe. Das klingt ... beängstigend.

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