Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfoto: heyne

    Harlan Ellison: "Ich muss schreien und habe keinen Mund. Erzählungen"

    Broschiert, 671 Seiten, € 19,60, Heyne 2014 (Original-Zusammenstellung)

    Ein streitbarer Querdenker, ein Literat unter den jungen Wilden der US-amerikanischen Science Fiction in den späten 60ern und 70ern - flackernd und hungrig wie wütendes Feuer, wie Dietmar Dath heuer Harlan Ellison anlässlich dessen 80. Geburtstags würdigte. Skurrilerweise kommt mir Ellisons Name in letzter Zeit ständig bei der Neuausstrahlung von "Babylon 5" (immer noch so gut wie vor 20 Jahren) unter, wo er als Berater engagiert war und sogar ein-, zweimal durchs Bild gehuscht ist. Was genau genommen gar keine Randnotiz ist, weil Ellison im Lauf der Jahrzehnte für eine lange Reihe von TV-Projekten gearbeitet ... und auch dort zahlreiche Sträuße ausgefochten hat. Ein Mann eben, der etwas zu sagen hat und sich dafür kein Blatt vor den Mund nimmt.

    Dem deutschsprachigen Publikum sind die Produkte, für die Harlan Ellison als Drehbuchautor oder "Creative Consultant" tätig war - von den "Outer Limits" bis zu "Star Trek" -, vermutlich sogar geläufiger als sein schriftstellerisches Werk. Als Autor von vorwiegend Kurzformaten konnte er hierzulande nie so sehr Fuß fassen wie im englischsprachigen Raum. Sehr schön also, dass Heyne ihn im Jubiläumsjahr mit einer Zusammenstellung würdigt, die es in dieser Form auf Englisch nicht gibt. Herausgeber Sascha Mamczak hat das Vorwort erkennbar mit Herzblut geschrieben! Der mächtige Band umfasst, chronologisch geordnet, 20 Erzählungen aus den Jahren 1965 bis 1993 - von diesen sind übrigens so viele mit Hugo und/oder Nebula ausgezeichnet worden, dass ich es bei den einzelnen Geschichten gar nicht erst erwähnen werde. Und ganz so, wie es mir mit Ellison immer gegangen ist, reicht deren Bandbreite von großartig bis zu solchen, mit denen ich rein gar nichts anfangen kann.

    Gnadenlos zwischen den Genres

    Beginnen wir mal mit der Erzählung, die dem Band den Namen gegeben hat: "Ich muss schreien und habe keinen Mund". In diesem atemberaubend albtraumhaften Szenario "leben" die letzten fünf Menschen im Inneren eines gottgleichen Supercomputers, der die Menschheit ausgelöscht hat. Diese fünf hat er sich extra aufgehoben und setzt sie nicht enden wollenden Qualen aus, um sich für seine sinnlose Existenz zu rächen. Starker Tobak und wirklich sehr, sehr, sehr gut.

    Damit wären wir schon bei einem der Elemente angelangt, die in Ellisons Werk immer wieder auftauchen: einer gewissen Erbarmungslosigkeit. In "Das Winseln geprügelter Hunde" beobachten die MieterInnen einer modernen Wohnanlage teilnahmslos von ihren Fenstern aus einen Mord. Unter ihnen auch die Hauptfigur, die später noch die Kehrseite der Medaille kennenlernen wird: Zur Hälfte ist es eine Parabel über Gleichgültigkeit, zur Hälfte aber auch eine fantasyeske Annäherung an das Böse als externe, nicht im Menschen liegende Macht. Und auch das ist typisch für Ellison: Die Grenzen zwischen Science Fiction, Mystery, Fantasy, Horror und Realismus sind bei ihm so durchlässig, dass es sinnlos ist, sein Werk einem bestimmten Genre zuordnen zu wollen.

    Keine erkennbaren Phantastik-Elemente enthält beispielsweise "Das weiche Äffchen", in dem die Hauptfigur - in diesem Fall eine Obdachlose - ebenfalls Zeugin eines Mordes wird und sich anschließend auf der Flucht vor den Tätern wiederfindet. In "Zauberhafte Maggie Moneyeyes" landet ein Spieler in Las Vegas an einem von einem Geist besessenen Glücksspielautomaten, was ebenso unversöhnlich endet wie "Die Stadt am Rande der Welt". Darin wird Jack the Ripper in eine sterile Metropole der fernen Zukunft versetzt und muss feststellen, dass es Schlimmeres gibt als ihn. (Die amoralischen posthumanen BewohnerInnen der Stadt, die Jack zu ihrem Spielzeug machen, erinnern mich irgendwie an "Zardoz".) Manchen Ellison-Geschichten möchte man nachts nicht in einer dunklen Gasse begegnen.

    Die Vergangenheit lebt weiter

    Er kann allerdings auch ganz anders. Eine meiner Lieblingserzählungen in dem Band ist das vielschichtige "Jeffty ist fünf". (Und nicht nur meiner - die LeserInnen des Fachmagazins "Locus" haben es vor einigen Jahren zur besten Kurzgeschichte aller Zeiten gewählt.) Sie erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zweier Jungen, von denen einer älter und schließlich erwachsen wird, während der andere für immer fünf bleibt. Doch nicht nur das: Jeffty lässt um sich herum auch eine andere, seiner ewigen Kindheit entsprechende Realität entstehen. Er hört im Radio brandneue Episoden einer längst eingestellten Serie und kauft am Kiosk Comics, die es gar nicht mehr gibt. Und der älter werdende Erzähler der Geschichte, der - wie viele Ellison-Figuren übrigens - der Vergangenheit nachtrauert, kann es in Jefftys Nähe miterleben. Was sehr schön und leider auch sehr traurig ist.

    Ellison ist zwar als großer Experimentator in Sachen Sprache, Form und Struktur - insbesondere was nichtlineares Erzählen anbelangt - bekannt. Aber ein gewisser Zug, die Vergangenheit zu verklären, zieht sich auch wie ein roter Faden durch sein Werk. Figuren, die an der Gegenwart und all ihren angeblichen Unsäglichkeiten herumraunzen, tauchen darin zuhauf auf. Ebenso wie Anspielungen auf diverses Popkulturgut von Film bis Literatur - und es sind stets Werke aus der Zeit, als Ellison selbst noch ein Kind war. Liest man dies zwei Generationen später, merkt man erst so richtig, dass es sich hier um pure Nostalgie handelt; da ist Ellison im Grunde nicht viel anders als heutige Eltern, die ihre ratlosen Kinder für "Wickie" begeistern wollen.

    Schwarzer Humor

    Schön schräg äußert sich dies in "Ein Junge und sein Hund". Hier versammeln sich jugendliche Bandenmitglieder einer postapokalyptischen Welt in einer Kinoruine, um sich Werke aus der Goldenen Ära Hollywoods reinzuziehen. Die sehr bekannte Novelle dreht sich um den Jungen Vic und seine Beziehung zu seinem Jagdgefährten Blood, einem intelligenten Hund mit telepathischen Fähigkeiten. Die beiden leben in ihrer eigenen perfekt ausgewogenen Harmonie - bis diese von einem Mädchen durcheinandergewirbelt wird. Die Geschichte wurde nicht nur zum Ausgangspunkt eines ganzen Erzählzyklus, sondern auch zur Vorlage eines Kultfilms mit dem blutjungen Don Johnson ("Miami Vice") in der Hauptrolle.

    Das Ende von "Ein Junge und sein Hund" zeigt Ellisons Sinn für schwarzen Humor. Exzessiv ausgelebt hat er ihn in "Das Nachtleben auf Cissalda", einer der witzigsten Apokalypsen, die ich je gelesen habe. Ausgelöst wird sie von einem "Temponauten", der aus einer anderen Dimension ein widerliches Ding mitbringt ... das sich allerdings als der perfekte Sexpartner entpuppt. Schon bald kommen dessen Artgenossen nachgereist und belegen sukzessive die gesamte Menschheit mit Beschlag. Man beachte, dass Ellison nicht eben wenig Platz darauf verwendet, schamlos Promis aufzuzählen, die sich ihren Symbionten hingeben: Barbra Streisand sang den höchsten Ton ihrer Karriere, als sie penetriert wurde.

    Ohne gemeinsamen Nenner

    Erwähnen möchte ich noch drei weitere, kürzere Erzählungen: In "Croatoan" steigt ein Mann in die Kanalisation hinab, weil seine Freundin möchte, dass er ihren abgetriebenen Fötus zurückholt. Auf seinem surrealen Trip wird er mit dem konfrontiert, was er verloren hat und was er gewinnen könnte. Rührend und ein bisschen kitschig kommt "Der Wächter der verlorenen Stunde" daher (verfilmt für die "Twilight Zone"), in dem der Hüter der letzten Stunde der Welt seinen Nachfolger bestimmt - einen Mann, der ebenso einsam ist wie er. Aber auch ebenso bereit, Verantwortung zu übernehmen.

    Und dann ist da natürlich noch das berühmte und im englischsprachigen Raum extrem populäre "'Bereue, Harlekin!', sagte der Ticktackmann": Eine in grellen Farben und mit wenigen Strichen gezeichnete allegorische Satire (oder satirische Allegorie?) über die moderne Zeitplanungsgesellschaft, der hier ein Mann im Narrenkostüm mit seinem Aktionismus Sand ins Getriebe streut. Kraftvoll, klar - in seiner Klarheit aber auch ein bisschen plakativ.

    Anything goes

    Womit wir auch schon bei einem weiteren Wesensmerkmal von Ellisons Erzählweise wären - und zwar dem, mit dem ich wie oben gesagt nichts anfangen kann. Besonders deutlich zu Tage kommt es etwa in "Der Todesengel", einer Art Anti-Genesis, dem Spätwerk "Der Mann, der Christoph Kolumbus an Land ruderte", "Die Bestie, die im Herzen der Welt ihre Liebe hinausschrie" (aus dem in dieser Ausgabe übrigens ein Textabschnitt rausgefallen zu sein scheint; schade, aber vielleicht auch bezeichnend, dass das niemandem aufgefallen ist) sowie einer Erzählung, deren Titel so unglaublich lange ist, dass ich ihn hier nicht anführe. Und die sich ähnlich wie "Croatoan" um eine Selbstfindung dreht - wofür hier allerdings ein Teilchenbeschleuniger, Dr. Frankenstein und eine Reise in den Mikrokosmos vonnöten sind.

    All diese Erzählungen wirken nicht nur wie Kaleidoskope verschiedenartigster Elemente - anything goes. Ihre surrealen Settings und ihr nichtlinearer Aufbau haben mich auch die ganze Zeit über an die Stationendramen aus der Spätphase August Strindbergs à la "Das Traumspiel" erinnert, die ich seinerzeit im Schwedischunterricht lesen musste. Mit mäßigem Enthusiasmus. Einfach weil es mich nicht anspricht, wenn AutorInnen einen gewissen Abstraktionsgrad einhalten, um so mit diesem "Ich treffe Aussagen für die gesamte Menschheit"-Gestus auftreten zu können. Sorry, aber das finde ich immer etwas prätentiös.

    Aber das ist ja auch nur meine Perspektive. Andere würden aus dieser Sammlung mit Sicherheit eine ganz andere Auswahl treffen und in ihren Wertungen entsprechend abweichen. Darum sollte man sich dieses fette Buch auch unbedingt gönnen: Es bietet jede Menge Stoff zum Schmökern, Denken und Diskutieren.

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