Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfoto: heyne

    Robert A. Heinlein: "Mondspuren"

    Broschiert, 464 Seiten, € 10,30, Heyne 2014 (Original: "The Moon is a Harsh Mistress", 1966)

    Weltraumkolonisierung, Planung und Durchführung einer Revolution, das Entstehen einer Künstlichen Intelligenz, neue menschliche Beziehungsformen, originelles Ausnützen physikalischer Gegebenheiten, Humor und jede Menge Action: erstaunlich, was man alles in ein Buch von durchschnittlicher Länge packen kann. "The Moon is a Harsh Mistress" aus dem Jahr 1966 (auf Deutsch schon unter diversen anderen Titeln erschienen) gilt als einer der ganz großen Klassiker aus dem Schaffen von Robert A. Heinlein: Jenes Mannes, der insbesondere in seiner US-Heimat zum Giganten-Kanon gezählt und gleichauf mit Arthur C. Clarke oder Isaac Asimov genannt wird, während man im deutschsprachigen Raum stets eine gewisse Misstrauensdistanz zu ihm wahrte. Warum, lässt auch dieser Roman erahnen.

    Das neue Australien

    Im Jahr 2075 dient der Mond als Kornkammer der Erde und wird von etwa drei Millionen Menschen bewohnt – keine freiwilligen KolonistInnen, sondern straffällig oder sonstwie unliebsam gewordene Menschen, die man kurzerhand auf den Erdtrabanten abgeschoben hat. Plus deren Nachkommen, die zwar offiziell frei sind, aufgrund der Gewöhnung an die geringe Schwerkraft aber de facto von der Erde verbannt bleiben. Und ein Ticket zum Mutterplaneten könnte sich ohnehin niemand leisten.

    Die Ausgangslage erinnert nicht zu knapp an die Besiedlungsgeschichte Australiens. Und Heinlein unterstreicht dies noch, indem er den "Loonies" vergnügt einige Charakterzüge verleiht, in denen alte Aussie-Klischees anklingen: Sie interessieren sich nur für Bier, Wetten, Frauen und Arbeit (nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge). Und sie sind zwar auf eine hemdsärmelige Art freundlich, zugleich aber auch ... ruppig. Mit körperlicher Gewalt ist man schnell bei der Hand – Gesetze werden auf dem Mond nicht gebraucht, weil sich jeder Missetäter binnen kurzem ohne Schutzanzug auf der luftleeren Seite einer Schleuse wiederfindet.

    Neu – insbesondere für die Zeit, in der der Roman entstanden ist – sind die lunaren Formen menschlichen Zusammenlebens. Da starker Frauenmangel herrscht, haben sich alle möglichen Formen von Vielehen entwickelt. In der TV-Serie "Caprica" kam Vergleichbares als das große gewagte Ding rüber ... Heinlein hat es schon vor einem halben Jahrhundert vorweggenommen. Zumindest in diesem Punkt zeigte er sich immer wieder mal ganz gerne als Freigeist (siehe auch "Fremder in einem fremden Land").

    Das große Revolutionsspiel

    Die Geschehnisse kommen ins Rollen, als den Loonies klar wird, dass ihre natürlichen Ressourcen langsam, aber sicher ausgebeutet sein werden. Das in den Mondkavernen angebaute und zur Erde geschickte Getreide verbraucht sämtliches Mondeis – irgendwann wird es verschwunden sein und die Kolonie vor dem Hungertod stehen. Eine Revolution ist unvermeidlich. Und die verfolgen wir in "Mondspuren" mit: Vom Aufbau erster revolutionärer Zellen über Sabotageakte, Putsch und Unabhängigkeitserklärung (symbolträchtig am 4. Juli 2076, dem "Tricentennial" der amerikanischen) bis zum Konflikt mit der Erde und der Drohung, "Steine zu werfen". Also mit einem Massebeschleuniger Felsbrocken auf die Erde zu lenken. Und wie es schon in der Bibel heißt, kämpft Gott immer auf der Seite mit den größten Geschützen.

    Festgemacht wird diese Entwicklung an der Figur von Manuel Garcia O'Kelly, einem freischaffenden IT-Unternehmer, der sich selbst am besten charakterisiert, als er Einblick in seine Geheimdienstakte erlangt: "Ich wurde als 'unpolitisch' eingestuft, und irgendjemand hatte 'nicht allzu intelligent' hinzugefügt, was unfreundlich und zutreffend war, denn wie hätte ich mich sonst auf eine Revolution einlassen können?" "Mondspuren" ist nicht zuletzt die Geschichte der erstaunlichen Karriere, die Mannie machen wird. Heinlein bringt dies sehr geschickt unter, indem er sich auf beiläufige Bemerkungen beschränkt: Man beachte die aufeinanderfolgenden Titel, mit denen Mannie im Verlauf des Romans angesprochen wird.

    Unterstützung erhält dieser mehr oder weniger zufällige Revolutionär der ersten Stunde von der jungen Agitatorin Wyoming Knott und "Prof" Bernardo de la Paz, dem machiavellistischen Kopf der Bewegung. Wichtigster Verbündeter allerdings ist Mike, der Supercomputer der lunaren Verwaltung, der ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat und Mannie als seinen besten Freund betrachtet. Im Grunde ist es der totale Wahnsinnsplan, den Computer der Verwaltung für einen Aufstand gegen selbige einzusetzen – aber es funktioniert. Dass für den gelangweilten und stets zu Streichen aufgelegten Mike alles nur ein Spiel ist, steht quasi sinnbildlich für den Ton, in dem Heinlein das durchaus blutige Geschehen erzählt.

    Flott und frisch

    Man sollte meinen, dass die Zeit gerade mit Science Fiction besonders grausam umgeht. Doch dieses Buch ist fast 50 Jahre alt und wirkt dennoch keineswegs antiquiert. Da merkt man erst, was die erzählerische Intelligenz eines Autors ausmacht – und wie plump das Zeug von jemandem ist, dem selbige fehlt (ich nenne keine Namen ... Evan Currie).

    Ein wesentlicher Grund für die flotte Erzählweise ist, dass wir das Geschehen aus Mannies laut Eigendefinition "schlichter" Perspektive miterleben. Die drückt sich nämlich auch sprachlich aus. In Rezensionen zur Originalversion war von einem "Mondkreolisch" die Rede, das Heinlein entworfen habe. Davon ist auf Deutsch zwar so gut wie nichts geblieben – aber es ist immer noch auffällig, wie oft wesentliche Dinge in einer vermeintlich ungebildeten Alltagssprache ausgedrückt werden (wie z.B. das "Steinewerfen" auf die Erde). Das wirkt einfach frisch.

    Die Schattenseiten der sympathischen Revolutionäre

    Die andere Seite ist allerdings, wie des Öfteren bei Heinlein, die ideologische. Also ich möchte in dem neuen Mond-Utopia, das da aufgebaut wird, nicht leben. Die Beiläufigkeit, mit der Heinlein alltägliche Gewaltakte schildert, setzt sich in der Revolution nahtlos fort – auch bereits gefangen genommene Soldaten werden wie selbstverständlich umgebracht. Selbiges gilt für entlarvte InformantInnen der alten Verwaltung ... und durchaus auch für einen Mit-Revolutionär, der nach dem Putsch "abweichende" (also von Profs Vorstellungen abweichende) Ideen entwickelt. Wahlen werden als Ritual abgetan und die verfassungsgebende Versammlung ist eine Farce; de facto bleibt die Macht ganz bei der Clique um Mannie und den Prof. Das dahinterstehende Konzept ist einfach: Alle "wirklichen" BürgerInnen ziehen ohnehin an einem Strang (wäre die erste Gesellschaft, in der das der Fall ist), und der kleine Rest wird beseitigt. Demokratie sieht anders aus – immerhin lässt Mannie gegen Ende ein paar zaghafte Ansätze erkennen, dass auch ihm das alles ein bisschen unheimlich wird.

    Rein erzählerisch jedenfalls war Heinlein mit "The Moon is a Harsh Mistress" auf dem Höhepunkt seines Schaffens – und verstand es, den Leser von der ersten bis zur letzten Seite gefangen zu nehmen. Was man nicht zuletzt daran merkt, dass man viel länger zu diesem Haufen Betrüger, Agitatoren, Mörder und Kriegsverbrecher hält, als man eigentlich sollte.

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