Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfoto: subterranean press

    K. J. Parker: "Academic Exercises"

    Gebundene Ausgabe, 529 Seiten, Subterranean Press 2014

    Und da ist es wieder, das bestgehütete Pseudonym der Phantastik seit James Tiptree, Jr. Bis vor ein paar Jahren galt es ja wenigstens als allgemein akzeptierte Tatsache, dass es sich bei K. J. Parker um eine Frau handelt, aber inzwischen ist selbst diese kleine Gewissheit erodiert. (Hmm, das hier ist eine limitierte Edition mit persönlichem Autogramm - vielleicht sollte ich sie einem Graphologen vorlegen.)

    Whodunnit, dammit?

    Ein paar Indizien sprechen dafür, dass Parker eine Frau ist: Zum einen natürlich der oben erwähnte Wissensrest; klingt so, als wäre am Anfang von Parkers Karriere eine Info durchgeschlüpft, ehe der Vorhang der Geheimhaltung mit voller Professionalität geschlossen werden konnte. Außerdem hat es mir mal ein normalerweise vertrauenswürdiger Verleger versichert (wenn er auch leider nicht mit weiteren Infos rausgerückt ist). Ja, und dann wären da noch die Texte selbst: Da finden sich immer wieder ein paar Boshaftigkeiten über das Wesen der Frau eingestreut, die zwar stets einem männlichen Erzähler in den Mund gelegt werden ... die ich in der Art, wie sie formuliert werden, aber nur von Autorinnen kenne. Einen männlichen Phantastikautor, der sich das traut, habe ich schon lange keinen mehr gelesen. Zumindest keinen, der auch nur über einen Bruchteil der Intelligenz verfügen würde, wie Parker sie Mal für Mal aufs Neue demonstriert.

    Andererseits können solche Indizien natürlich auch genau gar nichts wert sein, wie wir spätestens seit dem vielgerühmten "männlich-kraftvollen" Stil von James Tiptree, Jr. alias Alice B. Sheldon wissen.

    Der Grund, warum sich so viele vergnügt auf das "Wer ist K. J. Parker?"-Spiel einlassen, liegt natürlich darin, dass Parkers Erzählungen brillant sind; ansonsten könnt's einem ja wurscht sein. Neben einigen Romanen hat Parker in den vergangenen Jahren vor allem kürzere Erzählungen verfasst. 13 davon - Kurzgeschichten, Novellen und Essays - wurden nun erstmals zu einem Sammelband zusammengefasst. Für mich das Fantasy-Ereignis des Jahres. Bei zweien davon kann ich mich übrigens auf Links beschränken, weil ich sie schon als Einzelwerke rezensiert habe: Die Novellen "Blue and Gold" und "Purple and Black", beide unbedingt lesenswert.

    Ein Fundament aus Recherche

    Der Titel "Academic Exercises" ist zweifach berechtigt: Sämtliche Erzählungen spielen sich in einem akademischen Umfeld ab bzw. haben die Figuren einen entsprechenden Hintergrund. Und dazu kommen drei Essays über verschiedene Aspekte der Kriegsführung, die demonstrieren, dass Parkers an das renaissancezeitliche Europa erinnernde fiktive Welt auf einem festen Untergrund aus solider Recherche steht. In "Cutting Edge Technology" schreibt Parker über die Herstellung und Handhabung von Schwertern (und streut verschmitzt ein, beides selbst schon ausprobiert zu haben). In "Rich Men's Skins" geht es um Rüstungen und die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass sich im historischen Wandel des Kriegshandwerks und der dahinter stehenden "Philosophien" nicht immer die effektivsten Strategien durchgesetzt haben.

    Diese Essays sind ganz so wie Parkers Erzählungen: Scharfsichtig und präzise - es würde kühl wirken, wenn das Ganze nicht mit Ironie und schwarzem Humor aufgelockert wäre. Beispiel 3, der Text "On Sieges" über das Belagerungswesen, zeigt dies sehr schön. Parker demonstriert, dass eine Belagerung kein Schlacht-an-der-Hornburg-Spektakel war, sondern stets das Resultat einer nüchternen Kalkulation, ob sich der ganze Aufwand auch wirklich lohnt. Das Ergebnis habe im Grunde immer schon vorher festgestanden (zumindest wenn der Belagernde keine Fakten ignoriert hat). Die jahrtausendelange Rüstungsspirale aus immer neuen Belagerungsmaschinen und entsprechenden Abwehrmaßnahmen nennt Parker zusammenfassend probably the most expensive hobby in history, at least before the start of the space race.

    Und die Amoral von der Geschicht' ...

    Vergleichsweise konventionell kommt noch die preisgekrönte Geschichte "Let Maps to Others" daher. Der Erzähler ist ein Historiker, der sein Lebenswerk dem mythischen Land Essecuivo verschrieben hat. Als endlich ein Dokument auftaucht, das seine Thesen bestätigt, wird das unschätzbar wertvolle Stück von seinem Erzrivalen an der Universität verbrannt, nur um ihm eins auszuwischen. Was tut er also? Er produziert eine Fälschung ... und setzt damit ungewollt eine geradezu unglaubliche Ereigniskette in Gang. Für die er am Schluss allerdings - ganz der rationale Denker - doch noch ein paar plausible Erklärungen aus dem Hut zaubert.

    Moralische Dilemmata sind ein ganz großes Thema in Parkers Erzählungen - und in aller Regel enden sie ambivalent. In "A Small Price to Pay for Birdsong" etwa haben wir es mit einem Musiktheoretiker und Komponisten zu tun, dem trotz seines hohen Ansehens der geniale Funke fehlt. Ganz im Gegensatz zu einem seiner Studenten, den er in der Todeszelle besucht und ihm ein unmoralisches Angebot unterbreitet: Fluchthilfe gegen Musik. Parker zeichnet eine an Macht und Geld orientierte frühkapitalistische Welt - "Let Maps to Others" beispielsweise geht vom nicht gerade fantasytypischen Szenario einer geplatzten Investitionsblase aus. Man darf darüber spekulieren, wie sehr sich dieses Worldbuilding in den egogetriebenen Figuren widerspiegelt. Parkers Blick auf den Menschen an sich ist jedenfalls ... na sagen wir mal unsentimental.

    Eine Schraubenwindung weiter

    Nachdem wir es trotz aller Realpolitik und -ökonomie aber immer noch mit Fantasy zu tun haben, können die Szenarien, die zu einer Grundsatzentscheidung zwingen, natürlich auch ungewöhnlicher aussehen. Die Hauptfigur von "One Little Room an Everywhere" beispielsweise ist ein sympathischer Betrüger. Es fehlt ihm an Talent, um seine Magier-Ausbildung beruflich umzusetzen. Also wird er Ikonenmaler - und zwar ein begehrter, weil er seine Werke heimlich mit einem gestohlenen Zauberspruch aufmotzt. Dass dieser möglicherweise Nebenwirkungen hat (wir sprechen von Morden, Feuersbrünsten, Erdbeben und Ähnlichem an den Orten, an denen seine Bilder hängen) ... nun, das kann niemand belegen, nicht einmal er selbst. Gibt es also etwas noch "Besseres" als das perfekte Verbrechen? Ja: Eines, für das man nicht einmal dann verurteilt werden kann, wenn man es gesteht - einfach weil sich kein Zusammenhang beweisen lässt. Soll er also seinen Zweifeln nachgeben oder einfach mit seinem Tun weitermachen? Die Antwort können wir uns denken.

    In den meisten Erzählungen wird die Staatsreligion um The Invincible Sun erwähnt - in "The Sun and I" erfahren wir nachträglich, wie sie entstanden ist: Als Schnapsidee einiger junger Habenichtse, die nach einer Methode gesucht haben, den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen. Durch eine Mischung aus Talent, Ausnutzung von Placebo-Effekten und einer Reihe von Zufällen wird die künstliche Religion tatsächlich zum Erfolg. Derart unglaubliche Zufälle übrigens, dass man sich langsam zu fragen beginnt, ob da nicht doch eine höhere Macht ihre Hand im Spiel hat. Denn wen würde sich eine Gottheit wohl dafür aussuchen, andere Menschen von der göttlichen Botschaft zu überzeugen: Irgendeinen frommen Naivling oder jemanden, der ein Profi im Leuteüberzeugen ist? Wie die falsche Religion zur echten wird und doch weiterhin ein Business bleibt, ist einfach herrlich zu lesen und transportiert womöglich sogar so etwas wie eine moralische Anwandlung Parkers: "Gut" und "schlecht" hängen nicht vom Motiv einer Tat ab, sondern von deren Resultat.

    Magie und Machiavellismus

    Dass Parkers Werke auch Fantasy-abholden LeserInnen wärmstens empfohlen werden können, liegt daran, dass bis zum Klischee ausgereizte Motive darin so gut wie gar nicht auftauchen. Die meisten kommen sogar ohne Magie aus. "There is no such thing as magic. Instead, there is a branch of natural philosophy of which we are adepts and the rest of the world is blissfully ignorant", so sehen es die Magier selbst. In "A Room with a View" wird die Anwendung von Magie wie Fließbandarbeit beschrieben, in "Amor Vincit Omnia" und "Illuminated" kommt sie in Form von Profiling- bzw. CSI-Methoden zum Einsatz. (Fantasy-Fans dürfen sich hingegen über ein ebenso originelles wie ausgeklügeltes Magie-System freuen, das ist die andere Seite.)

    Bezeichnend auch hier: Wenn es in "Amor Vincit Omnia" zum magischen Duell mit einem Gegner kommt, der sich unverwundbar gemacht hat, dann wird der nicht als "dunkle", sondern als politische Bedrohung betrachtet. Zynischer geht's kaum: Imagine a rebel who stood in front of the entire army, invulnerable, untouchable, gently forgiving each spear-cast and arrow-shot while preaching his doctrine of fundamental change. It would mean the end of the world.

    Language is a virus from inner space

    Parker ist das Mastermind des Zweifels, sowohl in Bezug auf die eigene Person als auch auf die Handlungsfiguren und die moralischen Implikationen der Entscheidungen, die diese treffen. Parkers Erzählern sollte man stets ein gesundes Misstrauen entgegenbringen, wie schon die beiden oben verlinkten Novellen "Blue and Gold" und "Purple and Black" zeigten. Und manchmal geht es auch über die Moral hinaus - dann beginnt die Wirklichkeit selbst zu verschwimmen:

    So tritt in "A Rich Full Week" ein mittelmäßiger Magier gegen einen "Zombie" zum Psychoduell an - bis es im Zweikampf der Bewusstseine immer unklarer wird, wer wer ist. Und in "Illuminated" betritt Parker die Meta-Ebene und beschreibt die Beziehung zwischen Autor und Leser wie eine Infektion. Hier stößt ein magisches CSI-Team auf Schriftstücke, deren Texte einem sich selbst replizierenden Virus ähneln. Im Verlauf der mit raffinierten Twists versehenen Geschichte wechselt mehrfach die Identität des Erzählers - ein Beunruhigungsfaktor, wie man ihn aus der SF und dem Horror-Bereich sehr gut kennt. In der Fantasy hingegen ist es eher ungewöhnlich, mit Philip K. Dick'schen Fragen wie "Wer bin ich?" und "Was ist wirklich?" konfrontiert zu werden.

    Noch irgendein Argument gebraucht, um von K. J. Parker überzeugt zu werden? Nehmen wir abschließend einfach ein Beispiel: Viele AutorInnen haben schon einen armen Wicht in einen Löwenkäfig werfen lassen. Aber erst in Parkers Welt ist man auf die Idee gekommen, ihn mit einem satten Löwen einzusperren. So bleibt viel mehr Zeit für Angst, bevor das Unvermeidliche geschieht ...

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