Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
    56 Postings

    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

    Bild 2 von 13
    coverfoto: solaris

    Jack Skillingstead: "Life on the Preservation"

    Broschiert, 405 Seiten, Solaris Books 2014

    Nicht vom Cover täuschen lassen - dies ist kein Young-Adult-Roman; und daran ändern auch die beiden jungen Hauptfiguren nichts. Dafür orientiert sich "Life on the Preservation" denn doch zu sehr an Philip K. Dick'schen Existenzfragen, um als reines Abenteuer mit Feelgood-Faktor rüberzukommen. Abgesehen davon haben einige eher verbiesterte LeserInnen noch einen weiteren Grund gefunden, warum es nicht YA sein kann: Es kommt (ein bisschen) Sex drin vor. Warum sie das als Grund ansehen, ein Buch lieber nicht lesen zu wollen, erschließt sich mir zwar auf die Schnelle nicht, aber bitte.

    Seattle ist der Schauplatz der Handlung, und dort ist es auch, wo Autor Jack Skillingstead lebt: Ein relativ spätberufener Schriftsteller, der mit knapp 60 erst seinen zweiten Roman vorgelegt hat - ganz im Gegensatz zu seiner Ehefrau, der beliebten und hochproduktiven SF-Autorin Nancy Kress. Während Kress seit den späten 70ern aktiv ist, veröffentlichte Skillingstead erst ab 2003 seine ersten Kurzgeschichten. Auf einer davon, erschienen 2006, basiert dieser Roman.

    Und täglich stirbt das Murmeltier

    Wir schreiben den 5. Oktober 2012, und den schreiben wir jeden Tag. Es ist stets das gleiche Datum, wenn der 22-jährige Ian Palmer unter ungefähr denselben Umständen zuhause erwacht, sich seinen ersten Kaffee braut und bald darauf einen Anruf von seinem Kumpel Zach erhält. Zach glaubt etwas auf der Spur zu sein: Er erzählt Ian von einem mysteriösen Boogeyman, den er immer wieder in den Straßen zu sehen glaubt - und überhaupt stimme mit der Stadt und ihren Menschen etwas nicht. Alles wiederhole sich, alles sei eine einzige Illusion, wie in "Matrix" oder "Dark City". Das klingt für Ian erst mal fantastisch - allerdings glaubt auch er ständig von einem Déjà-vu-Erlebnis ins nächste zu stolpern. Und die Graffiti, die er nachts heimlich unter seinem Tagger-Namen WHO gesprüht hat, scheinen ihm nun eine Bedeutung zu enthalten, die er nicht mehr ganz versteht.

    Um zu testen, ob sein Seattle real oder doch eine Illusion ist, beschließt Ian eines Tages, über die Stadtgrenze hinauszufahren. Und erlebt dies: Then everything changed. Silence enclosed him, and the space was saturated in yellow and emerald light. Ian hung in the void, able to move his limbs but without effect, like a stranded astronaut. (...) Distance and dimension became meaningless. As his eyes adjusted he perceived that his green-yellow universe swarmed with the detritus of a vanished world. Cars, planes, boats, people and animals - all of them propelled outward as if in a very slow and controlled explosion. Ian stirbt. Und am nächsten Tag ist für ihn alles wieder so wie immer.

    Anderswo in der Stadt erleben wir derweil noch einen weiteren Tod mit. Für den Selbstmörder Charles Noble wird danach jedoch nicht alles wie zuvor sein: Eine Entität namens Curator nistet sich in seinem Körper ein - Skillingstead beschreibt dies aber nicht wie einen Parasitenbefall. Es ist eher so, dass aus der Synthese der beiden Persönlichkeiten eine neue entsteht. Und aus ihrer erweiterten Perspektive kann uns der Autor ein paar Begriffe vor die Füße werfen, die zur Lösung des Geheimnisses von Seattle gehören - es ohne Erklärung des Kontextes zunächst aber natürlich noch vergrößern: Cloud. Preservation city. Hunters.

    Draußen in der Ödnis

    Soweit Handlungsebene 1, die Stadt. Im nahegelegenen Oakdale hingegen schreiben wir zur selben Zeit längst schon 2013. Oakdale ist einer der wenigen Orte, an denen noch Menschen leben, nachdem Aliens die Erde verwüstet haben. Die paar Überlebenden sind allesamt verseucht und unfruchtbar - bis auf die 18-jährige Kylie. Die Nachstellungen eines irren Predigers zwingen Kylie jedoch zur Flucht. Father Jim ist nebenbei bemerkt eine klassische Bösewicht-Kombination aus Selbsthass, verkorkster Sexualität und Gewaltbereitschaft - recht interessant insofern, wie sich sein Zusammenspiel mit Kylie später noch entwickeln wird. Erst mal ist aber Flucht angesagt - hinaus in die verseuchte Wüste, durch die sonst nur noch verstreute "SABs" stolpern (die skin-and-bone-people: optisch Zombies ähnlich, aber ohne jeden Beißtrieb).

    "Life on the Preservation" setzt also auf eine erzählerische Doppelstrategie: Mehr oder weniger handelsübliche Postapokalypse-Action zum einen (Alles hin, hin, hin + Menschen jagen Menschen). Das Ringen mit der Realität und der eigenen Identität zum anderen. Die vom Grundprinzip her sehr unterschiedlichen Plots zeigen dabei durchaus Parallelen: Wenn Kylie zum wiederholten Mal aus einer Bredouille entkommt, nur um Father Jim und dessen Schergen gleich wieder in die Falle zu gehen, dann mag das für sich genommen nach einem überstrapazierten Handlungsmuster aussehen. Andererseits spiegelt es die unendlich frustrierenden Versuche Ians und Zachs wider, dem Geheimnis von Seattle auf die Spur zu kommen ... nur um stets wieder auf "Los" zurückgeworfen zu werden.

    Skillingstead durchbricht hier das übliche Dystopie-Muster: Das lässt auf geistiges Erwachen stets das Wachbleiben, verbunden mit einer Konfrontation mit dem System, folgen. Hier jedoch ist der Ablauf nicht so linear. Fortschritte werden gemacht ... und immer wieder von zermürbenden Rückschlägen gefolgt. Mehr als einmal wachen Ian und/oder Zach auf und haben keine Ahnung mehr, dass ihre Welt nicht das ist, was sie zu sein vorgibt. Bis der nächste kleine Realitätsbruch sie wieder ins Grübeln bringt.

    Philip K. Dick lässt grüßen

    Skillingstead versteht es sehr gut, die große existenzielle Unsicherheit, die Ian befällt, darzustellen (und ohne dass es tranig wird). In jeder seiner Handlungen und jedem seiner Gespräche klingen Echos früherer Variationen an - bis Ian kaum noch weiß, ob er etwas gerade wahrnimmt oder sich an etwas erinnert. Er findet auch gelegentlich Indizien dafür, dass er am Abend zuvor einen Selbstmordversuch unternommen hat - und das eine oder andere Mal könnte der durchaus "erfolgreich" gewesen sein, wer weiß.

    Es wäre auch nicht der erste in seinem Umfeld - die Vorgeschichte psychischer Erkrankungen in Ians Familie hat ihren Teil dazu beigetragen, dass Ian in gewollter Distanz zum Rest der Welt lebt und kaum aus seiner sicheren Blase herauskommen mag. Dass die Menschen um ihn herum vielleicht gar nicht "echt" sind, ist ihm deshalb insgeheim gar nicht so unrecht: ein ungewöhnlicher psychologischer Mix für einen Romanhelden. Und Ians Distanzbedürfnis geht sogar so weit, dass die plot-technisch unvermeidlich scheinende Zusammenführung mit Love Interest Kylie in Frage gestellt wird. Alles in allem fügen sich die verschiedenen Mosaiksteine sehr schön zu einem Gesamtbild zusammen.

    Darüber hinaus ist "Life in the Preservation" schlicht und einfach packend. Erst wegen der Frage: In was zum Teufel stecken die Romanfiguren da eigentlich drin? Und später umso mehr mit: Werden sie da jemals rauskommen? Spannende Lektüre!

    weiter ›
    Share if you care.