Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfoto: fsg

    Jeff VanderMeer: "Acceptance"

    Broschiert, 341 Seiten, FSG 2014

    Und hiermit geht eines der spannendsten Phantastik-Projekte des Jahres zu Ende. Science Fiction? Fantasy? Horror? Mystery? Psychologische Mainstreamliteratur? Das haben wir uns während der Lektüre der Vorgängerbände "Annihilation" und "Authority" mehr als einmal gefragt – und hinter diese Fragezeichen wird der dritte Teil der "Southern Reach"-Trilogie nun einen Punkt setzen. Denn "Acceptance" wird tatsächlich klären, was hinter dem großen Rätsel der Reihe steckt. Und das, ohne ihr den Nimbus des Geheimnisvollen zu nehmen, der sie so einzigartig gemacht hat.

    Für diejenigen, die von der Reihe jetzt zum ersten Mal lesen, lässt sich das Grundszenario immer noch recht einfach zusammenfassen: Im Südosten der USA hat sich ein Area X genanntes Phänomen etabliert, das auf eine schwer zu konkretisierende Weise die Natur verändert. Insbesondere alle Menschen, die die Region betreten, vereinnahmt es – psychisch und schließlich auch körperlich. Klingt simpel, trotzdem kann nur davon abgeraten werden, Band 1 und 2 zu überspringen: Zu viele Handlungsfäden hat Jeff VanderMeer bereits gesponnen, um deren nun erfolgende Verknüpfung ohne Vorwissen zu verstehen.

    Auf drei Spuren

    "Acceptance" ist auf drei Handlungsstränge und ebenso viele Zeitebenen aufgeteilt: Vor bzw. bei dem ersten Auftreten des Phänomens, während der Jahre der fruchtlosen Forschungen an Area X und schließlich nach den Geschehnissen von Band 2, an dessen Ende das lange stabile Areal plötzlich in verheerender Weise zu expandieren begann.

    Hauptfigur des ersten Strangs ist der Leuchtturmwärter Saul Evans, der uns – vielleicht – in den Bänden zuvor bereits als vollkommen mutiertes Wesen begegnet ist: Als The Crawler, jenes Wesen, das damit beschäftigt ist, die Wände einer abwechselnd als "Turm" und "Schacht" bezeichneten räumlichen Anomalie mit einem endlosen, wie eine Beschwörung klingenden Satz vollzuschreiben: Where lies the strangling fruit that came from the hand of the sinner I shall bring forth the seeds of the dead ... und immer so weiter, ohne Ende. Worte, die sich gerade so eben dem wirklichen Verstehen entziehen – eine Eigenschaft, die stellvertretend für die magische Atmosphäre der Trilogie insgesamt steht.

    In "Acceptance" lernen wir nun den Menschen Saul Evans kennen: Als jemanden, der – wie viele andere Figuren der Reihe – Entwurzelung und Entfremdung von seiner Vergangenheit erlebt, aber auch ein spätes Liebesglück gefunden hat – als wollte der Autor noch einmal die Normalität betonen, die bald verloren gehen wird. Saul muss sich mit zwei MitarbeiterInnen der mysteriösen Organisation Séance & Science Brigadeherumärgern, die rund um seinen Leuchtturm seltsamen Phänomenen nachschnüffeln und ihn zunehmend beunruhigen. Bis Saul eines Tages ähnlich wie die Hauptfigur in Band 1 von etwas Unbekanntem infiziert wird und sich in subtiler Weise zu verändern beginnt.

    Spur 2 und 3

    Im zweiten Handlungsstrang – der Gegenwart – begleiten wir zwei Figuren aus den Vorgängerbänden bei ihrer Rückkehr in Area X: "Control", den Direktor der Southern-Reach-Behörde, die für die Erforschung des Areals zuständig ist; und die Frau, die sich "Ghost Bird" nennt. Äußerlich scheint sie die Biologin, Hauptfigur aus Band 1, zu sein. In Wahrheit ist sie jedoch eine Kopie, Ergebnis eines weiteren Assimilationsversuchs durch Area X. Und wie sich herausgestellt hat, lässt sich diese Kopie genauso ungerne fremdsteuern wie ihr Original.

    Auf der dritten Ebene schließlich, zeitlich zwischen den beiden anderen angesiedelt, erleben wir einige bereits bekannte Geschehnisse noch einmal aus neuer Perspektive mit. Und zwar aus der Sicht von Cynthia respektive Gloria, der früheren Southern-Reach-Direktorin, die sich inkognito in die Expedition der Biologin eingeschmuggelt hatte. Ihr Ende kennen wir bereits – nun lernen wir auch die Motive für ihr streckenweise befremdliches Handeln kennen. Und wir erfahren, dass sie eine sehr persönliche Beziehung zu der Region hat, die nun Area X heißt.

    Vielschichtiges Werk

    Die Aufgliederung in verschiedene Zeitebenen spiegelt den Grundcharakter der Trilogie wider, in der Eindrücke und Erinnerungen so stark ineinanderfließen, wie es der innere und der äußere Kosmos tun: Die Werke von J. G. Ballard scheinen mir immer noch diejenigen zu sein, die dem Ton der "Southern Reach"-Trilogie am nächsten stehen. Mit Sicherheit haben die Betonung der psychologischen Aspekte – anstelle explizit ausgesprochener Genre-Elemente – und die maximale Offenheit für Interpretationen dazu beigetragen, dass die Trilogie über die Phantastik hinaus rezipiert wurde. Und nicht zu vergessen, dass sie sowohl in der englischen als auch in der deutschen Ausgabe (siehe nächste Seite) bei Verlagen herausgekommen ist, die nicht zum üblichen Genre-Pool gehören.

    Ein Interpretationsansatz, den ich zuvor noch nicht genannt habe, sollte auch noch erwähnt werden: Entfremdung ist wie gesagt ein großes Thema der drei Bücher. Und die Entfremdung des Menschen von der Natur ist auf jeder Seite der drei Bücher fast mit Händen zu greifen, so stark wirkt das Unwohlsein der Figuren im Angesicht der als "hyperrealistisch" beschriebenen Natur von Area X. VanderMeer bezieht sich auf Rachel Carson ("Silent Spring") und die Umweltkapitel des aufsehenerregenden französischen Essays "Der kommende Aufstand". Mehrfach werden in den drei Romanen zudem massive Umweltverschmutzungen erwähnt, und schon in Band 1 gab es Andeutungen von Menschen, die assimiliert und in örtliche Fauna umgewandelt wurden. Ökologie ist also ein wichtiges Thema der Trilogie – das soll aber nicht heißen, dass sie auf ein simples Nature-strikes-back-Szenario hinausläuft.

    Und?!?

    Naja, dann bleibt eigentlich nur noch die eine unvermeidliche Frage: Hat "Southern Reach" ein befriedigendes Ende? Mystery-artige Plots neigen ja nur allzu oft dazu, mit der Auflösung den Zauber des zuvor so sorgsam Aufgebauten zu pulverisieren und einen schalen Nachgeschmack zu hinterlassen. Nicht so hier. Surft man durch die diversen Rezensionen und Feedbackvergaben, dann zeigt sich jedenfalls, dass die Enttäuschten eindeutig in der Minderheit sind, obwohl am Ende einige Fragen erwartungsgemäß offen bleiben. Am schönsten ist es vielleicht im Magazin "Slate" zusammengefasst worden: a frustrating triumph. Auf jeden Fall ist das Ende befriedigender als das von "Lost".

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