Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfoto: p.machinery

    Norbert Stöbe: "Der Durst der Stadt"

    Broschiert, 294 Seiten, € 11,90, p.machinery 2014

    Eine Empfehlung für Freunde des Kurzformats: Das Buchcover ist zwar etwas ... bunt. Darunter sind jedoch einige Erzählungen versammelt, die's durchaus in sich haben, durchgehend gut bis sehr gut sind – und streckenweise bemerkenswert düster.

    Selbst wer den Namen Norbert Stöbe nicht gleich auf dem Schirm hat, dürfte von ihm mit ziemlicher Sicherheit schon etwas gelesen haben: Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Autor arbeitet nämlich als Übersetzer und hat auch einige hier schon besprochene Bücher ins Deutsche übersetzt (z.B. Alastair Reynolds' "Haus der Sonnen" oder Sean Cregans "Das Areal"). Eigene Erzählungen veröffentlichte er von den 80ern bis Mitte der 90er, legte dann eine längere Pause ein, bis er vor ein paar Jahren die Schriftstellerei wieder aufnahm. Die Sammlung "Der Durst der Stadt" umfasst zehn Erzählungen aus den Jahren 1992 bis 2013, darunter auch eine, die bislang (unverständlicherweise) unveröffentlicht geblieben ist.

    Fundstücke aus den 90ern

    Die älteste Geschichte, "Zehn Punkte" aus dem Jahr 1992, zeigt, wie schnell die Zeit gerade über Science Fiction hinweggehen kann. Nicht nur, dass man hier gleich zu Beginn mit einem ganzen Schwall an Wörtern geflutet wird, die alles andere als SFische Assoziationen wecken (Sparkasse, Telefonbuch, D-Mark ... von Commodore ganz zu schweigen). Auch der Plot von einem Spieler, der in der virtuellen Welt die tollsten Abenteuer erlebt, während sein vernachlässigter Körper wie eine Made im Sensoranzug hängt, wirkt leicht angejahrt – wenn er auch nicht so endet, wie man es zu ahnen glaubt. Die Erzählung zeigt aber noch etwas anderes: Nämlich dass Stöbe einen guten Lesefluss erzeugen kann – und das ist das wichtigere Resümee. Und die Stories selbst werden interessanter.

    Die mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnete Novelle "Der Durst der Stadt" verlegt Killerspiele gewissermaßen in die Realität. Denn während sich der Großteil der Bevölkerung ins Netz eingestöpselt hat, schleichen soziopathische Technikverweigerer wie Wölfe durch die Nacht und gehen ihrem Vergnügen auf der Straße nach – wie die Serienmörderin Sony. Bis sie an den Falschen gerät und entführt wird. Der verschrobene Einzelgänger Bruno, eine Art autodidaktischer Universalgelehrter, hält Sony über Monate hinweg gefangen und macht sie zum Gegenstand seines persönlichen Projekts. Halb Psychoduell zwischen einsamer Seele und personifizierter Bockigkeit, halb Geschichte einer zaghaften Annäherung, bleibt die dunkle Erzählung bis zum Schluss hochspannend.

    Ja, und dann ist da noch meine Lieblingsgeschichte in diesem Band – erstaunlich, dass die zuvor nicht veröffentlicht werden konnte/sollte/wollte. "C & R" schildert in einer Abfolge schneller Eindrücke ein Leben im Zeitraffer. Ein Leben, das fast von Geburt an in zwei Welten geführt wird, eben C und R (ich tippe auf Cyberspace und Realität). Die Geschichte wertet nicht, welche der Welten die "bessere" oder die "richtige" ist. Und trotz ihrer experimentellen Form ist sie eine der menschlichsten Erzählungen zum Thema, die ich bislang gelesen habe.

    Back to business

    Danach folgte wie gesagt eine längere Pause, aus der Stöbe schließlich mit erweiterter thematischer Bandbreite zurückkehrte. Von Anklängen an Golden-Age-SF über Cyberpunk bis zu Horror reicht die Palette. Letzteres ist beispielsweise in "Monster" der Fall, in dem ein Journalist auf einer gigantischen Müllhalde nahe Kairo Fällen verschwundener Kinder nachgeht und dabei auf etwas Unerwartetes stößt.

    Handlungskonflikte wie aus dem Goldenen Zeitalter der Science Fiction bieten – in modernisierter Form – "Klondike" und "Rette mich". In "Klondike", das der Welt der TV-Serie "Äkta Människor/Real Humans" entnommen sein könnte, erleidet eine Vater-Sohn-Beziehung einen dauerhaften Riss – genregemäß codiert durch den Umstand, dass der Sohn sich zum ersten Mal bewusst macht, dass sein idealisierter Vater in Wirklichkeit ein Androide ist. Auch "Rette mich" dreht sich um die Frage, ob Maschinen eine Seele haben können. Hier soll ein Mitarbeiter des Sozialamts eine Zwangsräumung in einer Messie-Wohnung durchführen. Und der Messie hortet nicht etwa Tiere, sondern Roboter, die durch ein Virus Ansätze zur Eigenständigkeit entwickelt haben.

    Geschichten mit Geheimnis

    Sehr viel düsterer kommt "Da im Glück" daher, das sich um eine Kleinfamilie dreht, die in einer offenbar kaputten Stadt wie in einem bewachten Gefängnis lebt ... wenn man es denn leben nennen kann. Stöbe legt einige Fährten, wie das hoffnungslose Szenario entstanden sein könnte (Seuchen? Außerirdische??), liefert aber keine endgültige Antwort. Und auch das zeichnet viele seiner Erzählungen aus: Er lässt ihnen ihr Geheimnis, was ihre Wirkung durchgehend erhöht.

    Am rätselhaftesten von allen gibt sich "Schwarze Schwäne". Hier forschen einige WissenschafterInnen seit Jahrzehnten vergeblich an einem Big Dumb Object in der sibirischen Taiga herum – skurrilerweise wird jede/r von ihnen von einem tierischen Familiar (gibt's dafür auf Deutsch wirklich nur das Wort "Hausgeist"?) begleitet. Es wird sich zeigen, dass das Phänomen zeitlich mit dem Anfang und Ende einer Beziehung zusammenfällt – eine explizite Lösung des Rätsels bleibt uns jedoch verwehrt.

    Wirklichkeit, die zwischen den Fingern zerrinnt

    Auf das Thema Virtuelle Realitäten hat Stöbe freilich nicht vergessen. In zwei Geschichten gibt es ihm sogar Gelegenheit, seine Figuren im Stil von Philip K. Dick ihre Identität hinterfragen zu lassen. So muss in "Die Farbe Blau" ein Mann erleben, wie sich seine Wirklichkeit in Details zu verändern beginnt (wenn man es denn ein Detail nennen kann, dass morgens eine Fremde in seinem Bett liegt und behauptet, seine Frau zu sein, ehe sie sich wieder in Luft auflöst). Der Satz "C ist Spaß und R ist Arbeit" aus der Geschichte "C & R" würde übrigens auch hier sehr gut passen.

    Das ebenso verwirrende wie faszinierende "Wie Götter" schließlich, die zweite längere Erzählung in dieser Sammlung, schichtet mehrere Realitätsebenen übereinander. Es beginnt im Stil von Cyberpunk und geht über in ein Ping-Pong von virtuellem Fantasy-Rollenspiel und ernüchterndem Leben im Prekariat. Allerdings erodiert zunehmend jede Gewissheit, was wirklich ist und was nicht – um letztendlich in die existenziellste Ungewissheit zu münden, die man sich vorstellen kann. Der iGod Steve ist nebenbei bemerkt ein herrliches Detail der Geschichte – doch wer weiß, in 20 Jahren klingt das vielleicht schon ähnlich antik wie "Commodore". Soll uns aber nicht kümmern: Hier und jetzt ist das sehr guter Lesestoff.

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