Rundschau: Der Vibrator des Todes

    Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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    Neue Phantastik-Lektüre von großen Namen: Stephen Baxter, K. J. Parker, Robert A. Heinlein und Harlan Ellison

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    coverfotos: wurdack

    Matthias Falke: "Kristall in fernem Himmel" und Nadine Boos: "Der Schwarm der Trilobiten" (D9E 3 + 4)

    Broschiert, 304 bzw. 250 Seiten, jeweils € 13,40, Wurdack 2014

    Zank und Verwirrung stehen am Anfang von Matthias Falkes erstem Beitrag zum Shared Universe der "Neunten Expansion". Das Prospektorenschiff "Scardanelli" ist auf der Suche nach kostbaren Rohstoffen wegen eines Geheimtipps, den sein Kommandant bekommen haben will, weit über die bekannten Regionen der Milchstraße hinausgeschossen. Und jetzt hängt es mitten im Nirgendwo fest - genauer gesagt an der Grenze zwischen unserem Universum und dem Mengerraum, durch den Raumschiffe mit Überlichtgeschwindigkeit flitzen können.

    Zehn Portionen Scardanelli, im eigenen Saft geschmort

    Die Ausgangslage lässt schon erahnen, welche Taktik der deutsche Autor - der schon für eine ziemlich lange Reihe anderer Serien geschrieben hat - für "D9E" gewählt hat: möglichst großen Freiraum bewahren. Die "Scardanelli" befindet sich fernab der restlichen Menschheit, die im dräuenden Schatten des expandierenden Hondh-Imperiums lebt. Und damit fernab auch aller Probleme, mit denen man sich dort herumschlagen muss (wie in den beiden ersten Bänden der Reihe, "Eine Reise alter Helden" und "Das Haus der blauen Aschen", beschrieben). Dass ein Besatzungsmitglied der "Scardanelli" der Hondh-Religion anhängt, bleibt lange Zeit die einzige Anknüpfung.

    In seiner hohen räumlichen Verdichtung kommt "Kristall in fernem Himmel" als Ensemblestück daher - keines der zehn Besatzungsmitglieder ließe sich als klare Hauptfigur hervorheben. Die Interaktionen zwischen diesen zehn stehen im Mittelpunkt der Handlung. Der Dialoganteil ist hoch - allerdings ohne dass das Tempo darunter leiden würde. Im Gegenteil: Speziell den ersten Abschnitt des Buchs habe ich mit Mach 3 gelesen. Was ähnlich schnell, aber trotzdem etwas ganz anderes ist als querlesen. Es ist einfach das Tempo, in dem das Buch geschrieben ist.

    Dickes Ding

    Im Grunde hätte mir das schon gereicht - eine Bühne, zehn DarstellerInnen, eine Situation. Ist aber kein experimentelles Theater, sondern ein SF-Roman, also kommt noch was. Was Großes. Nämlich eine ohne jede Eigenbewegung im Raum schwebende Ansammlung schwarzen Kristalls von 22 Kilometern Länge: Balken wie morsche Hochhäuser, Rammsporne wie gefrorene Eruptionen, Kegel, Rhomben, Platten und stadtgroße Scherben, die in einer beängstigenden Stille und Regungslosigkeit im Sein hingen, ein vergessenes Schweben, als habe ein Gott etwas schmieden und mit Überkräften zusammenhämmern wollen, sei der Sache überdrüssig geworden und einfach davon gegangen.

    ... also ein klassisches Big Dumb Object, dessen Erforschung Herzen von SF-Fans höherschlagen lässt. Was mich betrifft, darf Falke allerdings für sich verbuchen, dass er mir eines der kurioseren BDO-Erlebnisse der jüngeren Zeit beschert hat. Das, worauf man normalerweise von der ersten Seite an lauert, kommt hier nämlich erst nach besagtem Interaktions-Pingpong zwischen den Crewmitgliedern. Das ausführlich beschrieben wird. Und man gewöhnt sich daran. So sehr, dass das verspätete BDO fast schon zum Störfaktor wird. Es ist, als wäre man zu Gast in einer WG und verfolgte stundenlang konzentriert die Streitereien zwischen den BewohnerInnen mit. Dann öffnet sich mitten in der Wohnung plötzlich ein Wurmloch, aus dem ein Außerirdischer mit dem Heilmittel für Krebs tritt ... und alles, was einem als Gruß einfällt, ist: Kannst du mal eben aus dem Bild gehen, ich versuch hier grade zuzuhören.

    This is underwater love

    Zwei junge Frauen, die parallel zueinander in ihre Raumschiffe klettern und abschwirren: So beginnt Nadine Boos' Roman "Der Schwarm der Trilobiten". Mit der deutschen Autorin, die hier in der Rundschau schon mit der einen oder anderen Kurzgeschichte vertreten war, kehren wir nach Falke wieder zur eigentlichen Prämisse des "D9E"-Universums zurück. Denn so unterschiedlich die beiden Raumfahrerinnen charakterlich und biologisch auch sein mögen: Anlass für ihren Aufbruch ist jeweils die bevorstehende Expansion des Hondh-Imperiums in die Lebensräume der beiden Protagonistinnen.

    Im Falle von Trixi Darjeeling (genialer Name) eher indirekt: Sie stammt aus dem Konsortium, einem wirtschaftlich ausgerichteten Splitter des ehemaligen menschlichen Kolonialreichs. Weil hier in Kürze die Hondh einschweben dürften, werden alle verfügbaren Raumschiffe für den Kriegsdienst requiriert. Damit das ihrem fliegenden Schrottkübel "Skolopendra" nicht auch passiert, versucht sich Trixi - eine höhere Tochter, die auf Tank Girl macht - abzusetzen. Und nicht zu vergessen auch, um einer arrangierten Ehe zu entgehen. Zu dumm, dass Trixis ränkeschmiedende Großmutter Bronja schneller geschaltet und den Ehemann in spe Karolus ebenfalls zur "Skolopendra" geschickt hat. So startet man in eher angespannter Atmosphäre - da hilft auch die Anwesenheit eines Anstandsherren und einer Anstandsdame nicht, wie sie Adelssprösslinge stets zu begleiten haben.

    Das Große Ich

    Raumfahrerin 2 heißt Kalmi und stammt aus einem Volk von Meeresbewohnern, den Asmini. Auch sie fürchten die Hondh und sehen sich nach einer neuen Heimat um. Kalmi wird als Kundschafterin mit ihrem Trilob ausgeschickt - mit an Bord ein faszinierendes Mini-Ökosystem, das zusammen mit der Pilotin als Kollektivintelligenz fungiert, das Große Ich. Die Namen von dessen Komponenten - Kraken, Pfeilschwanzkrebse, Hornschnecken usw. - wirken übrigens recht irdisch: Entweder sind sie im übertragenen Sinne gemeint oder es stehen uns noch Eröffnungen über historische/evolutionäre Zusammenhänge bevor.

    Alle vier bisherigen "D9E"-Romane sind Abenteuergeschichten, wenn auch recht unterschiedliche. Während van den Boom mit Military SF und Peinecke & Falke mit ihren BDO-Plots klassische Bubenträume verwirklichten, hat Boos viele Ideen aus einem Genre übernommen, in dem traditionellerweise Frauen den Ton angeben: der Planetary Romance. Was, wie schon öfter gesagt, im Englischen ein weiter gesteckter Begriff ist als im Deutschen und nicht das gleiche wie "Romanze" bedeutet. Mag die Nachtigall auch eher schon aufstampfen als nur trapsen, wenn sich Trixi ihrer Ablehnung gegenüber Karolus so versichert: Seine markanten und dennoch nicht zu scharfen Gesichtszüge, seine strahlenden Augen unter goldblonden, sanft geschwungenen Brauen, seine elegante Haltung und die geschmeidigen Bewegungen seiner schlanken Finger. Je länger Trixi ihn anstarrte, desto sicherer war sie, diesen Mann niemals heiraten zu können. Jaja ...

    Konfliktlinien

    Neben dem zwischenmenschlichen Aspekt sind für eine Planetary Romance vor allem gesellschaftliche und ökologische Themen relevant. Beides spielt im munter erzählten "Der Schwarm der Trilobiten" eine große Rolle, und mehr als ein Drittel des Romans hat auch Trixis Heimatplaneten Andesit als Schauplatz. Auf dieser dritten Handlungsebene mit der Matriarchin Bronja als zentraler Figur lernen wir all die Konfliktlinien kennen, die sich durch die andesitische Gesellschaft ziehen: Zwischen den Geschlechtern, zwischen den adeligen Handelshäusern, zwischen Adel und Arbeiterschaft (auf die Frage nach Arbeiterrechten antwortet Bronja nur verständnislos mit "Welche Rechte?") und zwischen den menschlichen Kolonialherren bzw. -damen und der Urbevölkerung des Planeten.

    Wie Falkes Roman endet übrigens auch "Der Schwarm der Trilobiten" etwas hastig - als müsste noch schnell über die Ziellinie dieser Etappe gehechtet werden, ehe sich das AutorInnenkarussell von "D9E" weiterdreht (Dirk van den Booms zweiter Beitrag zum Shared Universe, "Ein Leben für Leeluu", ist gerade frisch erschienen). Die oben aufgezählten Faktoren und Boos' sympathische Hauptfiguren - inklusive Bronja als the character you love to hate - lassen jedenfalls auf eine Rückkehr in diesen Teil des "D9E"-Universums hoffen.

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