Rundschau: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?

    Ansichtssache9. August 2014, 10:00
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    Neue Romane von Iain Banks, Daryl Gregory, Will McIntosh und Andreas Brandhorst sowie die längst überfällige Übersetzung von "Geek Love"

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    foto: golkonda

    Edward Bellamy: "Rückblick aus dem Jahre 2000"

    Klappenbroschur, 341 Seiten, € 19,50, Golkonda 2013 (Original: "Looking Backward: 2000 - 1887", 1887)

    Als "Klassiker" werden nicht zuletzt Werke bezeichnet, die einem permanent als Referenzgrößen unter die Nase gehalten werden und die man ganz gerne auch mal selbst zitiert ... ohne sie jemals wirklich gelesen zu haben. Allzu viele Ausreden, Edward Bellamys 1887 veröffentlichte Utopie "Rückblick aus dem Jahre 2000" bislang übersehen zu haben, hat man allerdings nicht. Denn das Buch ist in den vergangenen Jahren gleich mehrfach neu aufgelegt worden. Aber was schwinge ich hier große Reden: Ich hab es auch erst jetzt gelesen.

    Und die Lektüre lohnt. Zu beachten ist vorab nur, dass der politisch engagierte Publizist und Autor Edward Bellamy aus Massachusetts hier etwas geschrieben hat, das nur der Form nach - und selbst das nur vage - ein Roman ist. Dass Bellamy seinen Protagonisten auf eine Zeitreise aus dem Jahr 1887 ins mythische Jahr 2000 schickt, macht daraus ebensowenig eine zweite "Time Machine", wie die enthaltene Liebesgeschichte (die einem in ihrer holden Schwülstigkeit einen Satz rote Ohren beschert) eine Klassifizierung als Romance erlauben würde. Vielmehr ist es ein Traktat, ein gesellschaftspolitischer Gegenentwurf zum kapitalistischen System, das Bellamy seinerzeit in den letzten Zügen wähnte.

    Der Ausgangspunkt

    Meet Julian West: 30 Jahre alt, Spross einer betuchten Bostoner Familie, den trotz seiner Privilegien eine gewisse Unruhe umtreibt - jedenfalls braucht er die Dienste eines Hypnotiseurs, um nachts einschlafen zu können. Dabei hat er doch alles für einen gesunden Schlaf getan: Er bettet sich in einem hermetisch versiegelten Kellerraum mit Betonwänden und Asbestbeschichtung. (Schlafe wohl, Julian ... irgendwo auf der Welt weint gerade eine Feng-Shui-Beraterin.)

    Natürlich ist das nur ein Kniff, um Julian irgendwie den Brand seines Hauses und das anschließende Jahrhundert überdauern zu lassen, während er verfallsfrei in hypnotischem "Starrkrampf" liegt (bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen, ein plausibler Plot ist nicht das, worum es hier geht...), bis er schließlich im Jahr 2000 wiederentdeckt und ausgebuddelt wird.

    Sozialismus 2000

    Eine Gesellschaftsordnung, die auf den falsch verstandenen Interessen der Selbstsucht des Einzelnen beruhte und an die gesellschaftsfeindlichen und tierischen Instinkte der menschlichen Natur appellierte, ist durch Einrichtungen ersetzt worden, die auf die wahren Interessen einer vernünftigen Selbstlosigkeit der Einzelnen gegründet sind, und die sich an die sozialen und edlen Triebe der Menschen wenden: Das ist es, was Julian in der Zukunft vorfindet.

    Etwas prosaischer zusammengefasst: Eine zentralistische Planwirtschaft mit Totalverstaatlichung, Einheitslohn und verpflichtendem Dienst im "Arbeitsheer" ("Hier werden die jungen Leute an Gehorsam, Unterordnung und Pflichtgefühl gewöhnt"). Allerdings auch mit einem Pensionsalter von 45 - nicht schlecht bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 90 Jahren. Es herrschen Gleichheit, Glück und allgemeiner Wohlstand.

    Die ... Handlung

    Utopien sind generell nicht die dynamischste Literaturform. In ihrer klassischen Variante laufen sie meist nach dem Schema ab, dass ein kundiger heimischer Führer dem staunenden Neuankömmling die Vorzüge der utopischen Gesellschaft schildert - und das ist hier nicht anders. Die meiste Zeit über loungen Julian und sein Gastgeber Doktor Leete (auf dessen Grundstück der "Zeitreisende" ausgegraben wurde) in dessen Haus herum und diskutieren der Reihe nach die diversen gesellschaftlichen Subsysteme der Zukunft durch.

    Nur ein paarmal wird das Haus verlassen - was aber kaum zu bemerken ist, da Bellamy die optische oder technologische Ausgestaltung der Zukunft nicht im Geringsten interessiert. Auch in der Speisehalle oder dem Zentralwarenlager laufen die gewohnten Dialoge weiter. Und sie können mitunter durchaus die Form eines Monologs annehmen, der aus Wahlstatuten rezitiert und nur von kurzen Zwischenfragen unterbrochen wird (das Kapitel "Staatsverfassung und Wirtschaftsordnung" ist diesbezüglich ein gewisser Tiefpunkt).

    O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!

    Eine inhaltliche Kritik von Bellamys in allen Einzelheiten beschriebenem Gesellschaftsentwurf ist hier natürlich nicht möglich, dafür bräuchte es ein eigenes Buch. Einiges könnte tatsächlich funktionieren (zum Beispiel die alternative Lohn- und Preisgestaltung, warum nicht?), anderes wirkt unausgegoren oder naiv. Wie bei so vielen Versuchen, ein gesamtgesellschaftliches Steuerungssystem auf dem Reißbrett zu entwerfen, werden kulturelle Phänomene wie Dissidenz komplett ausgeblendet, von simpler menschlicher Arschlochigkeit mal ganz zu schweigen. Julian fragt bei Doktor Leete mehrfach nach, ob sich denn die menschliche Natur geändert habe, was dieser stets verneint. Trotzdem verhalten sich die Menschen des Jahrs 2000 alle so edelmütig und zuverlässig wie Lassie.

    Dass Bellamy ein Visionär und trotzdem auch ein Kind seiner Zeit war, zeigt sich in verschiedenster Weise. Etwa in der skurrilen Parallelgesellschaft, in der die Frauen seiner Welt organisiert sind (immerhin: sie bleiben nicht an den Herd verbannt) - passend zu Julians angebeteter Edith, die den Großteil des Tages mit Blumenpflücken, Sträußebinden und Musikhören zu verbringen scheint und dabei stets sensationell anmutig rüberkommt. Oder auch in Vorstellungen vom charakterlichen Feinschliff des gebildeten Menschen, siehe etwa Sätze wie: "Schon zu Ihrer Zeit waren es nur ungebildete und rohe Menschen, die sich gewalttätiger Verbrechen gegen Personen schuldig machten" oder noch besser: "Unwahrheiten waren doch schon zu Ihrer Zeit unter gesellschaftlich gleichstehenden Männern und Frauen nicht häufig". Man merkt, dass es damals noch keinen "Derrick" gab.

    Das soll jetzt aber beileibe nicht heißen, dass "Rückblick aus dem Jahre 2000" vor allem wegen seiner antiquierten oder auch mal unfreiwillig komischen Stellen lesenswert wäre. Schließlich legte Bellamy einen positiven Gesellschaftsentwurf vor, was alleine schon ein Wert für sich ist. Und die Analyse der Missstände seiner (und unserer) Zeit ist ebenso treffsicher wie gelungen in Worte gekleidet: Sehr schön etwa, wie er anfänglich die Gesellschaft als Kutsche beschreibt, die von vielen gezogen und nur von wenigen gefahren wird. Diese klug und detailreich ausgebaute Metapher gefällt mir noch besser als die bekanntere "Parabel vom Wasserbecken", die sich im Anhang des Romans befindet.

    Der historische Kontext

    Bellamys Utopie schlug seinerzeit hohe Wellen, solche der Zustimmung ebenso wie der Ablehnung. Ironischerweise stieß sie gerade bei Sozialisten auf wenig Gegenliebe, wie das ausführliche Vorwort von Herausgeber Wolfgang Both zeigt. (Ich persönlich hätte es wegen seiner Länge eher nach dem Roman gebracht, aber Hauptsache, es ist da und erläutert den Kontext.) Denn so wie Bellamy in den Manifesten der Arbeiterparteien eine Vision der zukünftigen Gesellschaft vermisste, suchten deren Vertreter in seinem Werk vergeblich nach einer Aussage, wie sein Paradies erkämpft wurde. Tatsächlich heißt es darin zum "Rätsel der Arbeiterfrage" nur lapidar: Es löste sich selbst. Kein Wunder also, wenn ein im Vorwort zitierter SPD-Politiker und Zeitgenosse Bellamys nüchtern konstatierte, dass Revolutionen nicht von wohlwollenden Bourgeois gemacht werden, und der modischen Bellamy-Bewegung ein baldiges Verschwinden prophezeite - womit er Recht behalten sollte.

    Besonders bemerkenswert finde ich übrigens eine Aussage Bellamys, die aus dem Jahr 1874 stammt - aber genausogut 2014 gefallen sein könnte: "Die Worte 'Sozialist' und 'Kommunist' klingen in amerikanischen Ohren unangenehm, sie werden allgemein mit atheistischem oder Aberglauben in Verbindung gebracht sowie mit abnormalen sexuellen Beziehungen." Da sage noch einer, es gebe keine gesellschaftlichen Konstanten!

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