Rundschau: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?

    Ansichtssache9. August 2014, 10:00
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    Neue Romane von Iain Banks, Daryl Gregory, Will McIntosh und Andreas Brandhorst sowie die längst überfällige Übersetzung von "Geek Love"

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    foto: orbit books

    Will McIntosh: "Defenders"

    Broschiert, 482 Seiten, Orbit Books 2014

    Gottseidank hat mich noch niemand mit Doktor Frankenstein verglichen, wird sich die Gentechnikerin Dominique Wiewall an einer Stelle von Will McIntoshs neuem Roman "Defenders" denken. Was als versteckte Pointe des Autors gewertet werden darf, denn hier ist der ansonsten abgelutschte Vergleich durchaus angebracht: Auf seine Weise ist "Defenders" eine Hommage an Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein" - wenn auch auf eine globale Ebene übertragen und mit Leichenzahlen im zehnstelligen Bereich versehen. Aber hier wie dort haben die "Monster" eine menschliche Seite ... was die Begegnung mit ihnen letztlich noch ungemütlicher macht.

    Schon in seinen früheren Romanen "Soft Apocalypse"(deutsch: "Wie die Welt endet") und "Love Minus Eighty" hat sich US-Autor Will McIntosh als Vertreter der Soft SF gezeigt. "Soft" ist aber nicht zu verwechseln mit "light" - in dem Sinne etwa, wie Young-Adult-Literatur ihrem jungen Publikum allzu grausige Härten erspart. Hier stolpern wir von einer Massentötung zur nächsten, stapeln sich Leichen vor Müllcontainern, werden Millionenstädte mit Giftgas entvölkert und Hauptfiguren verstümmelt. Und manchmal explodiert die Gewalt auch an völlig unerwarteter Stelle wie aus dem Nichts - ganz so, wie's Gewalt eben tut. McIntosh will da nichts behübschen - "soft" ist sein Zugang zur SF deshalb, weil er stets auf die Beziehungen zwischen seinen ProtagonistInnen fokussiert. Hier eben vor dem Hintergrund einer außerirdischen Invasion und deren Folgen.

    Das Szenario

    Der erste Abschnitt des dreigeteilten Romans umfasst ein paar Monate von 2029 bis 2030. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Menschheit bereits seit einigen Jahren im Krieg mit den außerirdischen Luyten, die als Siedler auf die Erde kommen wollten und überrascht feststellen mussten, dass der Planet bereits bewohnt ist (behaupten sie jedenfalls - was man ihnen glauben kann, bleibt offen). Ihr Mutterschiff wurde abgeschossen, doch die Luyten sind in kleinen Gruppen überall auf der Erde niedergegangen, haben die Menschheit durch einen unbarmherzigen Guerillakrieg mürbe gemacht und schließlich in den Städten zusammengetrieben.

    Und hier tut McIntosh etwas, das er schon in "Soft Apocalypse" mit Bravour vollführte: Während die meisten Untergangsromane direkt von der Normalität zu den Ruinenlandschaften des postapokalyptischen Danach switchen, beschreibt McIntosh auch die Phasen dazwischen. Die, in denen die Städte zwar zunehmend von der Versorgung abgeschnitten, aber immer noch bewohnt sind, und das Leben noch fast - aber eben nur fast - normal wirkt. Erneut findet er durch seine sehr menschliche Perspektive Wege, den allmählichen Verlust der alten Welt in kleinen Details anschaulich zu machen: Etwa wenn sich Teenagerin Lila den alltäglichen Herausforderungen der neuen Zeit stellen muss und seit dem Ausfall des Internets das Gefühl vermisst, dass es noch irgendetwas gibt, in dem sie gut ist.

    Und so liest sich der Ablauf des Krieges aus der Erinnerung des verwaisten Jungen Kai: It had all happened so fast. It didn't seem long ago that he'd watched the first newscast of Luyten dropping from the sky. He remembered he'd been surprised when the schools were closed the next day. Only a week ago he'd been in his warm bed in Richmond. His mother had tucked him in, told him not to worry about Dad, who was with his brigade less than forty miles away between Richmond and the Luyten surge. A day later he was on a bus roaring down the Interstate 95 packed with kids and old people.

    Das Problem und die gewählte Abhilfe

    Dass die Luyten die Menschen so locker vor sich hertreiben können, liegt daran, dass sie imstande sind, deren Gedanken zu lesen und damit all ihren Strategien zuvorzukommen. Das klingt jetzt vielleicht wie ein Griff in die Mottenkiste der 50er-Jahre-SF. Aber McIntosh nutzt das Motiv Telepathie, um dem Kampf der beiden Spezies eine ungewohnt intime Note hinzuzufügen. Siehe etwa die ambivalente Kommunikation zwischen Kai (den man später The Boy Who Betrayed The World nennen wird) und dem Luyten "Five". Und mehr noch die manipulativen Spielchen zwischen "Five" und dem Psychologen Oliver Bowen, den die Regierung zum Experten für Alien-Kommunikation ernannt hat: Dieses geistige Duell wird weit in den persönlichen Bereich hineingehen. Und auch hier baut McIntosh - von seiner Ausbildung her selbst ein Psychologe - eine subtile Pointe ein: Dann nämlich, wenn sich Oliver über "Fives" Angewohnheit ärgert, jede Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten ... ganz so, wie es klischeemäßig nervenden Psychotherapeuten vorgeworfen wird.

    Rettung in letzter Minute (des ersten Abschnitts) bastelt sich die Menschheit selbst - in Form der Defenders: Gentechnisch gezüchtete Kunstmenschen von fünf Metern Höhe, deren Gedanken die Luyten nicht lesen können - zu dem Preis allerdings, dass die Defenders abgesehen von Aggression und Ehrgeiz nur ein rudimentäres Gefühlsleben haben. Man ahnt vorab, dass das zusammen mit ihrer Kampfkraft eine brisante Mischung ergibt - noch bevor sie als Lohn für ihre Mühen die Forderung "We want Australia" (cooler Satz!) aussprechen. Da hat man möglicherweise den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben.

    Empfehlung!

    Was genau sich in Abschnitt 2 und 3 (angesiedelt in den Jahren 2045 bzw. 2047/48) abspielt, werde ich hier nicht verraten. Nur soviel: Inmitten des allgegenwärtigen Todes wird es auch einige bizarre Highlights geben, die kaum weniger unheimlich sind. Von neuen pseudofamiliären Wohnsituationen bis zu Imitationen des normalen Lebens (wer hätte gedacht, dass ein "verpflichtender Shopping-Tag" etwas zum Gruseln sein könnte?). All diese Seltsamkeiten entspringen dem Umstand, dass sich die Defenders sowohl unvollständig als auch überlegen fühlen, dass sie ihre Schöpfer gleichermaßen verachten, bewundern und auf unbeholfene Weise nachahmen. Es sind Frankenstein'sche Monster im besten, weil ambivalentesten Sinne.

    Zugegeben: Wenn ein elefantengroßer Seestern (=Luyten) und ein dreibeiniger Riesenmensch mit dem Gesicht eines Osterinsel-Moai (=Defender) bis an die Zähne bewaffnet aufeinanderprallen, ergibt das ein ordentlich pulpiges Bild. In diesem Punkt unterscheidet sich der Roman von seinen dezenter gehaltenen Vorgängern "Soft Apocalypse" und "Love Minus Eighty". Man kann es weniger elegant nennen oder wagemutiger - das liegt in der Entscheidung des Lesers. Auf jeden Fall ist das schon der dritte Roman von Will McIntosh, der mir gefallen hat. Schätze, ich bin jetzt ein Fan.

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