Rundschau: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?

    Ansichtssache9. August 2014, 10:00
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    Neue Romane von Iain Banks, Daryl Gregory, Will McIntosh und Andreas Brandhorst sowie die längst überfällige Übersetzung von "Geek Love"

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    coverfoto: berlin verlag

    Katherine Dunn: "Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie"

    Gebundene Ausgabe, 512 Seiten, € 23,70, Berlin Verlag 2014 (Original: "Geek Love", 1989)

    Faszinierend, wie sehr dieses vor 25 Jahren erschienene Buch heute immer noch nachwirkt. Erst vor kurzem ist in "Wired" eine ausführliche Huldigung zu Katherine Dunns unerwartetem Bestseller "Geek Love" erschienen. Sieht ganz so aus, als hätte die US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin, die aus der Counter Culture der 60er und 70er Jahre kommt, voll den Nerv der (viel kommerzialisierungsfreudigeren) Gegenkultur der 90er getroffen - von Grunge bis zu neuen, drastischen Show-Acts wie dem Jim Rose Circus oder der wiederbelebten Burlesque-Bewegung. Noch erstaunlicher ist eigentlich nur, dass sich erst heuer ein Verlag gefunden hat, der das mittlerweile zum Dauerbrenner avancierte Buch ins Deutsche übersetzt hat.

    Die Binewskis dürften so ziemlich die ungewöhnlichste Familie sein, der man in einem Buch je begegnen wird, so viel kann ich versprechen. Als SchaustellerInnen ziehen sie durchs Land - weniger freundlich ausgedrückt: als Freak-Show. Die benötigten Attraktionen haben Mama Lil und Papa Al kurzerhand selbst produziert, indem sie während Lils Schwangerschaften mit allerhand Substanzen experimentiert haben, von Drogen über Insektizide bis zu strahlendem Material (der deutsche Titel "Verfall einer radioaktiven Familie" verankert übrigens nur an diesem ein einziges Mal erwähnten Detail).

    Haben Sie schon unsere Kinder gesehen?

    Mehrere Totgeburten gab es - die werden in großen Gläsern am Rande der Show ausgestellt. Aber fünf Kinder haben trotz Missbildungen überlebt und machen nun den Kern des Zirkus Binewski aus: Arturo, der "Flossen" statt Armen und Beinen hat und sich als "Aquaboy" in einem Becken präsentiert. Die ätherischen siamesischen Zwillinge Electra und Iphigenia sowie der äußerlich nicht beeinträchtigte Fortunato bzw. "Chick", der über telekinetische Kräfte verfügt. Und schließlich Olympia, die als Erzählerin des Romans fungiert und sich dafür schämt, dass ihre Entstellungen nicht so spektakulär sind, wie sich ihre Eltern erhofft hatten:

    Bei diesen Experimenten scheute mein Vater weder Kosten noch Mühen. Während des Eisprungs und der Schwangerschaft wurden meiner Mutter ordentliche Mengen Kokain, Amphetamine und Arsen verabreicht. Dass ich mit so alltäglichen Entstellungen zur Welt kam, war eine Enttäuschung. Mein Albinismus ist die handelsübliche Sorte mit rosa Augen, und mein Buckel hebt sich zwar deutlich hervor, ist aber weder im Hinblick auf Größe noch auf Form besonders bemerkenswert. Das alles war viel zu alltäglich, als dass ich in gleichem Maße hätte vermarktet werden können wie meine Brüder und Schwestern. [...] Der bei meinem dritten Geburtstag inzwischen unverkennbare Zwergenwuchs war dem geduldigen Paar eine angenehme Überraschung und erhöhte meinen Marktwert.

    Murder and Mutilation

    Und so viel es in diesem Teil der Handlung schon zu bestaunen gibt - nicht zuletzt die freimütige Zustimmung der Kinder zur Binewski'schen Familienpolitik -, so geht es auf der als "Jetztzeitnotizen" zugeschalteten Gegenwartsebene weiter. Hier ist Oly Ende 30, liest im Radio aus bizarren Büchern vor und lebt in einer noch bizarreren Wohnsituation: Nämlich zusammen mit ihrer Mutter und ihrer bereits erwachsenen Tochter - und beide haben keine Ahnung, wer sie ist. Lil nicht, weil mittlerweile senil und halb blind; Miranda nicht, weil sie als Kind ausgesetzt wurde. Ihr Körper ist nämlich völlig normal - bis auf das niedliche kleine Schwänzchen, in dem ihre Wirbelsäule ausläuft. Das bringt der Kunststudentin immerhin einen netten Nebenverdienst beim Special-Interest-Strippen ein. Oly begrüßt dies und ist deshalb gar nicht entzückt, als die Unternehmerin Miss Lick an Miranda herantritt und ihr die Entfernung des Schwanzes anbietet. Aus anderen Gründen übrigens, als man meinen würde: Die asexuelle Lick ist nämlich auf dem Trip, Frauen von allem zu befreien, was sie für Männer sexuell attraktiv macht, um so ihren Verstand in den Vordergrund zu rücken. Oly plant Licks Ermordung.

    Zunehmend brisant wird's derweil auch auf der Vergangenheitsebene, wo der machtgierige Arturo seine charismatische Seite entdeckt. Während er den Familienzirkus sukzessive zu seinem Unternehmen macht, tritt er als Orakel und schließlich Messias einer neuen Religion auf. Von weit her kommen bald "Arturisten" angereist, um sich nach dem Vorbild ihres Gurus neu erschaffen zu lassen - soll heißen: Arturos neuste Mitarbeiterin, eine soziopathische Chirurgin, amputiert ihnen Gliedmaße für Gliedmaße. Der Raubtier- und der Fliegendompteur warten schon auf die abfallenden Teile. Und je mehr sich die familiären Machtverhältnisse verschieben, desto schneller steuert alles auf einen großen Crash zu.

    Die neue Normalität

    Die Binewskis sind eine schwer dysfunktionale Familie, die sich dennoch durch innigsten Zusammenhalt auszeichnet. Durch dieses Paradoxon beschert einem "Geek Love" eine heftige Achterbahn der Gefühle, von Abscheu (nicht über die Entstellungen, sondern über die Taten der Figuren) über Mitleid bis zu Sympathie und sogar Zustimmung. Der Roman ist abwechselnd verstörend, rührend - und auch immer wieder unglaublich komisch. Siehe etwa den Familienausflug, auf dem ein körperlich leider unversehrtes Kind ausgesetzt werden soll: Man überlegt, es im Supermarkt im Regal mit den Dosenbohnen abzulegen. Doch Mutter Lil interveniert. Das suggeriert zu geringe Ansprüche an die Adoptiveltern, legen wir es besser zu den Artischockenherzen. Es sind solche Pointen, die wie aus dem Nichts kommen, die den dahinter lauernden Horror wieder ausgleichen.

    Apropos Horror: Zu Gruselgeschichten erklärt Arturo seiner Schwester: "Die werden von Normalen geschrieben, um anderen Normalen Angst zu machen. Und weißt du, wer diese ganzen Monster, Dämonen und verranzten Geister sind? Das sind wir." Es ist das Fundament des philosophischen Gebäudes, das er in den folgenden Jahren errichten wird. Und es ist einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg des Kultromans: Ein Selbstbewusstsein in der eigenen Andersartigkeit, das sogar soweit geht, dass die üblichen Kategorien von "normal" und "abnormal" in ihr Gegenteil verkehrt werden können. In der Geschichte ist dieser Gedanke mächtig genug, dass er "Normale" zur freiwilligen Selbstverstümmelung verleitet. Und außerhalb der Romanwelt bietet er jedem Leser Trost, der eine wie auch immer geartete Andersartigkeit aufweist und diese für einen Makel hält. Die Binewskis würden sie als seine Stärke betrachten.

    Absolut empfehlenswert

    So in etwa lautet das Hauptargument der unzähligen Fans, die der Roman in einem Vierteljahrhundert hinter sich versammelt hat. Ich würde allerdings nicht so weit gehen wie Terry Gilliam, der "Geek Love" the most romantic novel about love and family I have read nennt. Es ist schließlich auch eine Geschichte über Manipulation und Missbrauch, Tyrannei und Eifersucht - allesamt aus der inzestuösen Enge geboren, in der die Angehörigen des Binewski-Mikrokosmos aufeinanderkleben. Es ist letztlich ein (selbst-)zerstörerisches System, das unweigerlich krachen gehen muss. Insofern habe ich mit den Binewskis auch nie so sehr sympathisiert wie mit den Figuren in Todd Brownings legendärem Film "Freaks" von 1932, der ein ähnliches Setting wie "Geek Love" hatte. Und ein sehr befriedigendes Ende.

    Man kann über den Roman geteilter Meinung sein, gelesen sollte man ihn unbedingt haben. Alleine schon weil er vor originellen Formulierungen nur so übersprudelt. Katherine Dunns Sprache ist ... einfach wunderbar, mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Auf jeden Fall ein beeindruckendes Werk!

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