Rundschau: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?

    Ansichtssache9. August 2014, 10:00
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    Neue Romane von Iain Banks, Daryl Gregory, Will McIntosh und Andreas Brandhorst sowie die längst überfällige Übersetzung von "Geek Love"

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    coverfoto: tor books

    Daryl Gregory: "Afterparty"

    Gebundene Ausgabe, 302 Seiten, Tor Books 2014

    Wenn es ein gemeinsames Motto gibt, das über den bisherigen Werken des großartigen US-Autors Daryl Gregory stehen könnte, dann ist es die Frage, was den Menschen ausmacht. Die ist zugegebenermaßen nicht gerade neu. Aber Gregory setzt sie stets in höchst originellen Szenarien um. In "Pandemonium" sind Menschen von popkulturellen Archetypen wie von Dämonen besessen. In "The Devil's Alphabet" entwickeln sich in einem Provinzkaff eigenartige neue Zweige der menschlichen Evolution. Und in "Raising Stony Mayhall" wird ein Zombiejunge von einer Familie wie ein ganz normaler Sohn aufgezogen.

    Gregorys aktueller Roman "Afterparty" ist in der nahen Zukunft nach einer kleinen technologischen Revolution angesiedelt. Designerdrogen können das menschliche Bewusstsein in vielfältigster Weise beeinflussen - und wichtiger noch: Im Prinzip kann jeder diese Drogen daheim auf einem chemjet (der pharmazeutischen Variante eines 3D-Druckers) selbst herstellen. Angemerkt sei gleich zu Beginn, dass Gregory daraus ausdrücklich kein Dystopie-Szenario entspinnt. Es gelten einfach neue Tatsachen - ganz so, wie sie das Internet für unsere Ära geschaffen hat. Wie locker und selbstverständlich mit dem Thema umgegangen wird, zeigt eine Episode zu Beginn, in der sich die Burschen einer Studentenverbindung für eine "Gay for a Day"-Themenparty mal kurz die sexuelle Orientierung umkrempeln haben lassen. (Dass ihnen der Dealer in Wirklichkeit nur gestrecktes Viagra angedreht hat, ist eine Ironie am Rande, ändert aber nichts an der Ausrichtung des Romans. Der bleibt gegenüber der pharmazeutischen Revolution neutral.)

    Beginn einer Mission

    Die Droge, die die Ereignisse von "Afterparty" ins Rollen bringt, heißt Numinous. Und die tut nicht weniger, als ihren Konsumenten in vollkommen überzeugender Weise Gott sehen zu lassen - in welcher Form, hängt lediglich vom kulturellen Background ab. Entwickelt wurde Numinous einst von einem kleinen Start-up-Unternehmen, dem auch die Neurologin Lyda Rose, Hauptfigur des Romans, angehörte. Dessen Erfolgsgeschichte wurde durch einen folgenschweren Vorfall jäh beendet. Wie genau der zustande kam, wird im Verlauf des Romans geklärt werden. Auf jeden Fall wissen wir, dass das Numinous-Team ungewollt eine Überdosis der Droge schluckte, dass Lydas damalige Ehefrau während des Trips erstochen wurde und dass alle überlebenden Teammitglieder seitdem einen dauerhaften spirituellen Begleiter im Kopf haben und - die eine mehr, der andere weniger - mit psychischen Problemen ringen.

    Lyda sitzt gerade mal wieder in einer Nervenheilanstalt, als ein Mädchen eingeliefert wird, das Symptome von Numinous-Entzug zeigt. Als es Selbstmord begeht, ist Lyda wild entschlossen, die Bezugsquelle der Droge ausfindig zu machen und sie aus dem Verkehr zu ziehen - schließlich hatten die Überlebenden einst geschworen, Numinous niemals an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Irgendwie ist die neugegründete Church of the Hologrammatic God aber an die Droge gelangt und verteilt sie unter "verlorenen Seelen". Lydas Recherchen sind der Beginn eines mit vielen absurden Details angereicherten Roadtrips, der sie von Kanada in die USA führen und sie in mehrfach überraschender Weise mit ihrer Vergangenheit konfrontieren wird.

    Ideen, die Vergnügen bereiten

    Stichwort Überraschungen: In "Pandemonium" hatte sich Gregory als Meister des Twists erwiesen. Hier wird uns schon nach ein paar Seiten (also früh genug, um es zu verraten) einer von der Sorte serviert, die einen sofort das Vorangegangene noch mal lesen lässt, um zu überprüfen, ob das tatsächlich möglich ist: Mit solcher "The Sixth Sense"-Subtilität ist Gregory vorgegangen, wenn er beschreibt, wie Lyda ihren Therapeuten und die Psychologin Dr. Gloria im Gespräch davon überzeugt, sie aus der Heilanstalt zu entlassen. Alles ganz normal - bis Dr. Gloria sie nach draußen begleitet, ihre Schwingen entfaltet und leuchtend in den Himmel entschwebt ... Sehr schön übrigens und dazu typisch für Lydas bzw. Gregorys Haltung, wie trocken das beschrieben wird: She pulsed like a migraine aura, throwing off megawatts of holy glow. Then her wings convulsed, and she was airborne.

    In der Folge werden nicht nur Lyda und ihre WeggefährtInnen, sondern auch wir stets klar zwischen dem Realen und dem Halluzinierten unterscheiden können. Zumindest bis zu einem viel späteren Showdown, bei dem man schon sehr genau lesen muss, um ein Indiz zu finden, dass sich hinter der göttlichen Intervention auch eine ganz irdische Erklärung verbergen könnte. In der Zwischenzeit dürfen wir uns aber auf jeden Fall über das Zusammenspiel von Lyda und ihrem herrlich sarkastischen Schutzengel freuen.

    Vergnügen bereiten auch die vielen skurrilen Figuren, die den Roman bereichern. Da hätten wir etwa Lydas jungen Helfer Bobby, der glaubt, dass sein Selbst nicht in seinem Gehirn, sondern in einer kleinen Plastik-Schatztruhe (Aquariumsausstattung!) sitzt, die er um den Hals trägt. Oder den Killer Vincent, der aus anderen Gründen als Lyda hinter Numinous her ist und in seiner bürgerlichen Existenz winzige Gentechnik-Bisons in seiner Wohnung züchtet. Oder ein Marihuana-Kartell, das von afghanischen Großmüttern mit harter Hand geführt wird: Inklusive eines Frisörsalons, in dem Waschen und Legen nahtlos in Waterboarding übergehen kann, das ist die weibliche Note! Generell fällt übrigens die hohe Diversität im Roman auf, von der lesbischen Hauptfigur bis zur breiten Palette an ethnischen Hintergründen der Nebenfiguren. Zufall ist das keiner - an einer Stelle räsoniert Lyda über das neue Multikulti-Toronto und wünscht der alten weißen heterosexuellen Welt "Good riddance!"

    Was ist der Mensch?

    Wie eingangs angesprochen, geht es Daryl Gregory um den Menschen und dessen Natur. Lyda ringt den ganzen Roman über heftig mit sich selbst bzw. mit ihrem Engel im Kopf. Und es ist bezeichnend, dass die erklärte Atheistin ihre Pillen nicht nimmt, mit denen sie Dr. Gloria ganz leicht verschwinden lassen könnte. Viele Gespräche drehen sich um das Trilemma göttliche Lenkung versus freier Wille versus biochemische Determination (im letzteren Punkt präsentiert sich Gregory nicht weniger nüchtern als ein Peter Watts - bloß ist seine Perspektive weniger kalt).

    Zwei Nebenfiguren werfen ähnliche Fragen auf. Zum einen wäre da Lydas neue Freundin Ollie, die mal für den Geheimdienst arbeitete und mit der Designerdroge Clarity ihre Fähigkeit zur Mustererkennung erhöhte. Bis sie's übertrieb, Muster erkannte, wo keine waren, und nun Medikamente nehmen muss, die ihre Wahrnehmung extrem einschränken. Je nachdem, ob sie ihre Pillen schluckt, kann man Ollie als potenziell gefährliche Paranoikerin oder als harmlosen Menschen, der unter schwerer Agnosie leidet und nicht einmal die Gesichter von Freunden wiedererkennt, haben. Aber welche von beiden Persönlichkeiten ist nun die eigentliche Ollie? Und wer ist der wahre Vincent: Der nette agoraphobische Nachbar Vinnie mit seiner Bisonzucht oder der gnadenlose Killer "The Vincent", der mit chemischer Hilfe seine Empathie vollständig abgeschaltet hat? Das sind spannende Fragen, und sie wirken über das Romanende hinaus.

    Korrekterweise sollte man noch anmerken, dass diese philosophischen Aspekte zwar zweifellos eine bedeutende Rolle spielen. Dass sie aber eindeutig nur die Begleitmusik für die eigentliche Whodunnit-Handlung abgeben. Und die ist vergleichsweise konventionell, weshalb es für "Afterparty" von mir auch ein Sternchen weniger gibt als für "Pandemonium", das nach wie vor eines der verblüffendsten Bücher bleibt, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ein Sternchen weniger heißt aber immer noch: sehr, sehr gut.

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