Rundschau: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?

    Ansichtssache9. August 2014, 10:00
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    Neue Romane von Iain Banks, Daryl Gregory, Will McIntosh und Andreas Brandhorst sowie die längst überfällige Übersetzung von "Geek Love"

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    coverfoto: tachyon publications

    James Morrow: "The Madonna and the Starship"

    Broschiert, 180 Seiten, Tachyon Publications 2014

    Nachdem Regisseur Gareth Edwards den Godzilla-Mythos für eine neue Generation aufbereitet hat, darf ich an dieser Stelle noch einmal an James Morrows großartige Kaijū-Satire "Shambling Towards Hiroshima" von 2009 erinnern. "The Madonna and the Starship" ist die erste längere Erzählung, die der US-Autor seitdem veröffentlicht hat. Erneut nimmt er darin auf sehr liebevolle Weise - und natürlich mit SF-Einschlag - Skurrilitäten der Unterhaltungsindustrie unter die Lupe. Und verknüpft dies mit einem seiner alten Lieblingsthemen: Religion.

    Kurt und die Außerirdischen

    Wir schreiben die 1950er Jahre, es ist das sogenannte "Goldene Zeitalter des Fernsehens" - für den New Yorker Kurt Jastrow fühlt es sich eher wie die Steinzeit an. Kurt arbeitet als Autor für eine Unterhaltungsserie der NBC: die Weltraumabenteuer von "Brock Barton and His Rocket Rangers". Die Plots sind zwar ebenso billig wie die Pappkulissen und Kostüme, aber Kurt versucht wenigstens on the proper side of the rift that separates exhilarating junk from irredeemable dreck zu bleiben.

    Da ist es für sein Seelenheil ganz gut, dass er im Epilog jeder Folge als "Uncle Wonder" seinem jugendlichen Publikum wissenschaftliche Phänomene mit selbstgebastelten Experimenten anschaulich machen darf: Eine kleine Wissenschafts-Show ganz wie die, die in einer anderen TV-Welt Sheldon Cooper so begeisterte. Aber Kurt hat sogar noch ungewöhnlichere Fans. Die außerirdischen Qualimosans finden, dass "Uncle Wonder's Attic" einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung des wissenschaftlichen Rationalismus leistet, und schweben extra auf der Erde ein, um Kurt einen Preis zu verleihen. Die Abgesandten Wulawand und Volavont werden sich Kurt und dessen Love Interest Connie Osborne mit den Worten "Greetings, Earthlings!" vorstellen - womit auch sonst?

    Fernsehen ist ungesund!

    Und damit geht das Chaos los. Denn Connie arbeitet für eine ganz andere Show des Senders, in der Bibelepisoden fürs TV-Publikum aufbereitet werden - als die eingefleischten logischen Positivisten aus dem Weltraum die Proben zu "Not By Bread Alone" mitkriegen, sind sie zutiefst erschüttert. Und schreiten sofort zur Tat respektive Drohung: Entweder verhindern Kurt und Connie die Ausstrahlung dieser abergläubischen Propaganda ... oder die Qualimosans sorgen dafür, dass jeder Zuschauer von "Not By Bread Alone" mit Todesstrahlen aus seinem Fernseher gegrillt wird.

    Was also tun, um zigtausende Leben zu retten? Kurt und Connie wissen zwar, dass sie die Ausstrahlung nicht verhindern können. Doch als AutorInnen können sie ja vorher ein bisschen am Script drehen .... Sie machen also den Qualimosans weis, dass es sich bei der Episode über die Auferstehung Christi in Wirklichkeit um eine Satire handle, und geben ihnen das Versprechen des Jahres: "The final version will be as impious as a turd in a baptismal font." Ein Versprechen, das sie sehr zum Vergnügen der LeserInnen auch einlösen werden (auch wenn am Ende wieder einmal alles ganz anders kommen wird als geplant).

    Die wunderbare Welt des (un-)professionellen Fernsehens

    Ganz wie "Shambling Towards Hiroshima" ist auch diese Novelle ein liebevoller Rückblick auf eine Pionier-Ära des Showgeschäfts, geprägt von Improvisationstalent, "kostengünstiger" Produktion, gewerkschaftlichen Arbeitsregulierungen zum Haareraufen und völliger Schamlosigkeit in Sachen Werbeeinschaltungen. Wenn die Produkte der beiden Hauptsponsoren von Kurts Show, das Kakaogetränk Ovaltine und die flockigen Sugar Corn Pops, in der Religionsverarsche schließlich sogar Eingang in die christliche Liturgie finden, ist das im Grunde weniger Sakrileg als logische Weiterführung des ganz normalen TV-Wahnsinns.

    Trotz seines geringen Umfangs ist "The Madonna and the Starship" vollgepackt mit jeder Menge Situationskomik. Die Passage etwa, in der sich unsere menschlichen HeldInnen mit zwei Trenchcoat tragenden blauen Riesenhummern (Wulawand und Volavont) in ein Taxi quetschen und dort über die ethischen Aspekte des logischen Positivismus debattieren, ist an Absurdität schwer zu überbieten. Und erinnert mich irgendwie an die Doku, in der das Troma-Team die Filmfestspiele von Cannes enterte ("Is this a car? Are we in a car?!").

    Doch ein leichtes Déjà-vu

    Ein bisschen Pech hat Morrow lediglich mit dem Timing der Veröffentlichung. Schließlich gab es vor kurzem erst zwei satirische Romane über die Auswirkungen irdischer Pop-Kultur auf ein außerirdisches Publikum, Jay Martels "Channel Blue" und Rob Reids "Year Zero". Da ist Morrows Novelle von ihrem Plot her doch recht ähnlich - inklusive des romantikgeschwängerten Hauptfiguren-Duos, das sich auf Weltrettungsmission die Hacken abläuft.

    Was "The Madonna and the Starship" über die genannten Vergleichswerke hinaushebt, ist allerdings Morrows sprachliches Vermögen. Die Novelle kommt auf voller Länge wunderbar wortgewandt daher und ist speziell für deutschsprachige LeserInnen aufgrund der vielen jiddischen Ausdrücke, die herrlich vertraut klingen, ein Genuss. Und überhaupt: Wer locker Ausdrücke wie Antidicomarianites (googelt selbst!) aus dem Ärmel schüttelt, der hat's einfach drauf. Ein großes Vergnügen!

    Die nächste Rundschau wird unter anderem mit dem Fantasy-Ereignis des Jahres aufwarten (fett! und auch für SF-Fans geeignet). Außerdem stehe ich allen Unkenrufen zum Trotz plötzlich wieder hüfthoch in Heynes. Totgesagte publizieren länger! (Josefson, derStandard.at, 9. 8. 2014)

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