Rundschau: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?

    Ansichtssache9. August 2014, 10:00
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    Neue Romane von Iain Banks, Daryl Gregory, Will McIntosh und Andreas Brandhorst sowie die längst überfällige Übersetzung von "Geek Love"

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    coverfoto: heyne

    Andreas Brandhorst: "Das Kosmotop"

    Broschiert, 559 Seiten, € 15,50, Heyne 2014

    35 Jahre nach "Star Treks" V'ger schwebt wieder ein energetisches Riesendings mit Vokalverschluckung auf der galaktischen Bühne ein: Kh'smT'p, von den BewohnerInnen der Milchstraße rasch zu "Kosmotop" umartikuliert. Und riesig ist es in der Tat: 14 Lichtstunden lang und 50.000 Sonnenmassen schwer. Diverse andere Artefakte im Roman, die immerhin auch einige tausend Kilometer lang sind, laufen da schon unter "ferner wirkten mit". Mit anderen Worten: hier wird das volle Bombastprogramm geboten.

    Die Letzten der Letzten

    Mit "Das Kosmotop" kehrt der deutsche Autor Andreas Brandhorst ins Universum seines 2010er Romans "Kinder der Ewigkeit" zurück, stellt den Zeiger aber um einige weitere Jahrtausende vor. Die Romanfiguren von "Kinder der Ewigkeit" sind nun Heroen einer fernen Vergangenheit - und die größte Errungenschaft ihres Zeitalters ist ihren Nachfahren längst auf den Kopf gefallen: die Unsterblichkeit, die zugleich zu Unfruchtbarkeit führte. Gnadenlos verfolgt von einem alten Feind, sind von den Letzten Menschen zu Romanbeginn weniger als 15.000 geblieben. Und ihre Zahl wird kontinuierlich weiter schrumpfen.

    Das ist aber nur eine Nebenhandlung. Insgesamt spielen die (schlecht) geschützt in ihren Reservaten lebenden Menschen für den 29-Zivilisationen-Verbund der Kompetenz sowie die aus Künstlichen Intelligenzen hervorgegangenen Koryphäen im galaktischen Kern ziemlich genau die Rolle von Pandabären in der heutigen Weltpolitik. Die wenigen Ausnahmen stellen sämtliche Hauptpersonen des Romans.

    Meet the cast

    Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist Corwain 18Tallmaster; die tiefgestellte Zahl bedeutet, dass es sich um die 18. Klon-Version seines Körpers handelt - und der Roman beginnt stimmungsvoll damit, wie Corwain seinen "Vorgänger" zu Grabe trägt. (Die Übertragung einer digitalen Bewusstseinskopie auf einen neuen Körper kennen wir ja von Iain Banks.) Corwain arbeitet als Pazifikator, also als Vermittler bei galaktopolitischen Zwistigkeiten. Und er ist aufgrund seiner empathischen Fähigkeiten äußerst erfolgreich darin; bis er sich - und der ganzen Menschheit - mit der Aufdeckung einer Intrige einen neuen Feind einhandelt. Einen, der in bester Comicschurken-Manier auf eine erlittene Schmach totaaaaaal überreagiert, aber bitte. Vielleicht hielt Brandhorst ein paar eindimensionale Bösewichte für eine notwendige Ergänzung, nachdem der zentrale Konflikt des Romans - der zwischen Milchstraße und Kosmotop - auf Schwarz-Weiß-Zeichnung erfreulicherweise verzichtet.

    Als hochsympathisches Beiwagerl steht Corwain die "Hybride" Solace zur Seite, Nachfahrin irdischer KolonistInnen, die ihre DNA an ihre neue Heimatwelt angepasst haben. Und dann hätten wir da noch Rahel Rahelia 29Kinmaster alias "die Veritas", die mit ihrer Gabe, im weißen Rauschen der Quantenrealität die Muster der Zukunft zu erkennen, den Prognosekapazitäten der Koryphäen gleichkommt. Als Corwain ein Mord in die Schuhe geschoben wird, versucht er Rahel zu erreichen und gelangt so auf Umwegen ins Kosmotop.

    ... womit sich gleichzeitig die Handlung von einer persönlichen Queste zur Mission Rettung der Milchstraße verschiebt. Ein Trumm wie das Kosmotop sorgt eben alleine schon durch seine gravitativen Wechselwirkungen für jede Menge Turbulenzen; da heißt es Achtung, welchen Kurs es nimmt. Zudem schwärmen aus seinem Inneren Kommandos aus, die Teile der Milchstraßenzivilisationen - natürlich ohne sie zu fragen - einsammeln (also gleich ganze Städte samt Bevölkerung aus dem Boden reißen). Denn das Kosmotop ist eine Art intergalaktische UNESCO mit Räumungsbefehl: Es hat sich, wie wir früh erfahren, zur Aufgabe gemacht, alles Erhaltenswerte einzusammeln, ehe das Universum kollabiert. Da liegt ein Hauch "Xeelee"-Endzeitstimmung in der Luft.

    Mögliche Vorbilder

    "Das Kosmotop" ist Andreas Brandhorsts weitgehend gelungener Versuch, in Sachen Größenordnungen auf die Ebene eines Alastair Reynolds, Iain Banks, Vernor Vinge oder Stephen Baxter vorzustoßen. Gleichzeitig hat das Szenario aber auch etwas unverkennbar Perryrhodaneskes: Vom bombastverliebten Wording mal abgesehen hätten wir da einen Millionen Jahre alten Vielvölkerbund mit einer Mission, die ihm allerdings irgendwann abhanden gekommen ist. In seinem Inneren - einem vom Restuniversum abgetrennten Mini-Kosmos, noch so eine Parallele - ist er längst von Verfall und Zwist gekennzeichnet. Vor allem aber wird es externe Erlöser brauchen, um diesen Kuddelmuddel in Ordnung zu bringen, das Kosmotop seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen und damit gleichsam als Nebeneffekt die Milchstraße zu retten.

    ... vorzugsweise mit Instrumenten, die seit undenklicher Zeit in irgendeinem Arsenal auf ihren Einsatz warten. (Die PR-Serie, für die Brandhorst auch schon gearbeitet hat, hat eine erstaunliche Vorliebe für derartige Szenarien - als würde man für einen Romanplot den Zweiten Weltkrieg auf seinem Höhepunkt einfrieren, vier Millionen Jahre Nazi-Herrschaft folgen lassen und dann mit einer Flotte, die die ganze Zeit über irgendwo versteckt vor Anker lag, den D-Day starten.) Das ist jetzt aber nur eine Feststellung, keine Kritik an der Qualität des Romans.

    Sehr unterhaltsam

    Ein paar fantasyartige Elemente gibt es übrigens auch - und damit meine ich nicht nur, dass Solace "den Seelenwind" spürt. Denn Fantasy-Gedanken können durchaus die Romanhandlung selbst strukturieren. Wie sonst soll man es bewerten, dass in einer Galaxis voller Supertechnik und Hyper-KIs nur die unfehlbare "Veritas" erkennen kann, ob Corwain die Wahrheit sagt, ... und dass alle ihr glauben würden? Generell spielen die Motive und Handlungen einzelner Individuen hier im Verhältnis zu Organisationen und politischen Strukturen eine überproportional große Rolle. Again: eine Feststellung, keine Kritik.

    Und was sollte man auch groß bekritteln wollen? "Das Kosmotop" bietet jede Menge Spannung und Unterhaltung - wäre es ein Film, könnte man von einem echten Sommerblockbuster sprechen.

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