Comeback

29. März 2005, 17:45
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Sommer 2005. Vortragssaal in der Parteizentrale der Freiheitlichen Partei Österreichs.

...(Bei der Gestaltung des Bühnenbilds ist auf die Abwesenheit der Farbe Orange zu achten.) Im Bühnenvordergrund, neben dem Saaleingang, eine handgeschriebene Tafel: "19.00 / Dichterlesung / Andreas Mölzer (z. Z. Nr. 1 der "Zur Zeit"-Bestenliste)"

An einem Stehpult im Bühnenhintergrund, Gesicht zum Publikum, der Abgeordnete zum EU-Parlament Andreas Mölzer, ein aufgeschlagenes Buch und ein Wasserglas vor sich. Ihn umgebend, Rücken zum Publikum, auf im Halbkreis aufgestellten Sesseln, mehrere Parteimitglieder, unter ihnen die Damen und Herren Stadler, Strache, Rosenkranz und Gudenus. Lesung im Gange.

MÖLZER: Langsam, mit beinahe ruckhaften Bewegungen näherte sich der Graue der Bronzehäutigen. Seine Hände gierten nach ihren Brüsten, seine Knie versuchten, ihre Schenkel auseinander zu drücken, sein Mund saugte sich in die Haut ihres Halses. Sie schleuderte ihm ihren Speichel in das Gesicht, ihre Augen schienen aus den Höhlen zu treten.

GUDENUS (flüsternd, zu Rosenkranz): Kennst du auch seine Lyrik? Visionär! "Erdbraune Fluten / wälzen sich drängend / gewaltig durchs Land"?

ROSENKRANZ (flüsternd, zu Gudenus): Leise. Lass uns lauschen.

MÖLZER: Der Graue war wie von Sinnen – er erhob sich halb über den Körper der Frau und begann mit beiden Händen auf sie einzuschlagen. Wahrscheinlich hätte er sie umgebracht, hätte sich nicht das Mädchen von hinten auf ihn gestürzt. Hart warf er sie zu Boden, wo sie wimmernd liegen blieb. Und nun, da die Bronzehäutige willenlos unter ihm lag, da er keinen Widerstand mehr verspürte, drang er mit einem Ruck in sie ein –

GUDENUS: Recht so! Gib's ihr!

STADLER: Brunzhäutige!

STRACHE: Wien darf nicht Istanbul werden!

ROSENKRANZ (flüsternd): Still, Strache, Stadler! Gusch, Gudenus!

MÖLZER: – und nach einigen heftigen Stößen brach er auf ihr zusammen. Als er sich wieder aufrichtete, blickte er aus leeren Augen auf die Frau unter sich. Ihre vorher bronzeschimmernde Haut war mit Schweiß und Blut verschmiert, blaue Schwielen und Kratzspuren zogen sich über die Brust, Sperma tropfte von der Innenseite ihrer Schenkel auf den Teppich. (Er nimmt einen Schluck Wasser.)

Der Graue wandte sich ab und ging mit tastenden Schritten hinaus in das Dunkel der Nacht. Er war nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, weder Triumph noch Reue, weder Freude noch Schmerz verspürte sein Herz. Er war von dumpfer Schwere erfüllt, und es war ihm, als sei –

GUDENUS: Du schaffst es, Grauer!

MÖLZER: – er selbst nichts als die Ausgeburt eines wirren Traumes. (Vorhang) (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2005)

Material

Andreas Mölzer, "Der Graue – Eine apokalyptische Erzählung", Edition K3, Verlag für die Region Alpe-Adria, Ferlach 1991, Seite 155/156, gekürzt

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